TBV-Kapitän Andrej Kogut über seine Verletzung und Zuschauerrolle

Jörg Hagemann

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Applaus, Applaus: TBV-Spielführer Andrej Kogut beklatscht als Zuschauer den 34:30-Sieg über die Füchse. - © Jörg Hagemann
Applaus, Applaus: TBV-Spielführer Andrej Kogut beklatscht als Zuschauer den 34:30-Sieg über die Füchse. (© Jörg Hagemann)

Lemgo. Eine neue Rolle für Andrej Kogut. Auch die Bundesligapartie in Stuttgart wird der 30-jährige Spielführer des TBV Lemgo Lippe am Donnerstag nur als Zivilist verfolgen können. "Ein komisches Gefühl. Ich bin jetzt ein Zuschauer, der aufgeregt mitfiebert", sagt Kogut, der im LZ-Interview auch vom Heilungsverlauf nach seiner Schulteroperation berichtet.

Am Tag des WM-Eröffnungsspiels sind Sie unters Messer gekommen.
Konnte man da vorher überhaupt noch beruhigt Urlaub machen?

Andrej Kogut: Nach unserem letzten Spiel vor der WM-Pause in Minden habe ich mit meiner Frau noch eine kleine Auszeit genossen. Sechs Tage Teneriffa. Es war unser letzter Urlaub zu zweit... Eine perfekte Zeit zum Entspannen.

Anschließend wurden Sie an der Wurfarmschulter operiert. Das hört sich nicht schön an. Wie kam es zu der Verletzung?

Kogut: Es passierte bereits Anfang Oktober im Hinspiel gegen GWD Minden. Gegen Ende des Spiels habe ich bei einem Zweikampf nicht gesehen, dass da noch ein Arm war. In der Wurfbewegung bin ich an einem gegnerischen Arm hängengeblieben. Anfangs konnte ich es noch nicht richtig deuten. Zwei Wochen später habe ich mich im Training in der Abwehr nochmal verharkt. Durchs MRT gab es Gewissheit, dass ein Stück vom Labrum eingerissen ist. Die OP ist gut verlaufen. Alles wurde geglättet und freie Gelenkkörper entfernt.

Sie haben trotz der Verletzung wochenlang auf die Zähne gebissen.
War das nicht ein sehr hohes Risiko?

Kogut: Es war überschaubar. Ansonsten hätte man mich sofort rausgenommen. Aber die Situation beim TBV mit vielen weiteren Verletzten war nicht einfach.

Gab es in dieser Zeit mal düstere Gedanken, dass es mit dem Leistungssport auch vorbei sein könnte?

Kogut: Nein. Dafür konnte ich noch zu gut werfen. Aber in jungen Jahren hatte ich ja mal zwei Kreuzbandrisse. So, wie es jetzt Jari Lemke bei uns widerfahren ist. Von daher weiß ich, dass diese Zeit nicht schön ist. Aber ich bin jetzt im 13. Profijahr und weiß, dass so etwas zum Geschäft dazugehört. Einige Spieler kommen verletzungsfrei durch, andere triffts schlimmer.

Wie ist der Rehabilitationsplan - können Sie in dieser Saison noch einmal angreifen?

Kogut: Davon gehe ich aus. Es ist jetzt vier Wochen post OP und bis jetzt läuft alles nach Plan. Ich bin fünfmal die Woche in der Reha in Behandlung und muss mich jetzt allmählich wieder ranschnuppern. Die Kunst dabei ist es, langsam an seine Grenzen zu kommen, ohne sie zu überschreiten. Aber das braucht Geduld.

Und als guter Patient haben sie die?

Kogut: Bislang war es noch ganz angenehm. Denn nebenbei konnte ich noch andere Wehwehchen an den Knien und in den Fußgelenken auskurieren. Bis jetzt habe ich die Zeit sinnvoll genutzt.

Inwieweit verändert sich durch so eine Verletzung der Tagesablauf?

Kogut: (lacht) Es ist auf einmal alles viel mehr geworden. Morgens gehe ich zum Training, mittags in die Reha und abends noch einmal zum Training. Das hat inzwischen was von einem geregelten Arbeitstag.

Um Ihren Ausfall halbwegs auffangen zu können, hat der TBV im Dezember kurzfristig noch den 20-jährigen Dani Baijens verpflichtet. Inwieweit können Sie ihn unterstützen?

Kogut: Ich bin kein großer Freund davon, meine Kollegen damit zu bombardieren, wie ich es eventuell machen würde. Jeder hat doch seinen eigenen Charakter. Dani kann es vielleicht viel besser lösen auf seinen Weg. Aber wenn er mich fragt, bin ich sofort da und leiste Hilfestellung. Alles andere kriegt
er schon hin.

Durch die Verletzung haben Sie die WM sicherlich sehr intensiv verfolgt. Waren Sie überrascht von der Regelauslegung der Unparteiischen?

Kogut: In der Tat. Nach den ersten Spielen war ich sprachlos und verwundert, wie extrem es verschärft wurde. Es ist klar, dass die Funktionäre die Regeln für uns Spieler machen, um uns zu schützen. Aber es war sehr abrupt. Die Grenze von hart, aber fair zu unfair hat sich verschoben. Die Progressionsgrenze wurde deutlich runtergestuft.

Erwarten Sie solch eine Regelauslegung auch in der Bundesliga?

Kogut: Momentan nicht. Es bestand in den vergangenen Jahren immer ein guter Draht zu den Schiedsrichtern. Zum Beispiel bei der Sechs-Pässe-Regelung. Da wurde uns Spielern vor der Saison von Bundesliga-Schiedsrichtern die neue Linie sehr gut erklärt. Mit der WM-Auslegung versucht man, die Härte zu reduzieren. Das schränkt Spieler ein, die sehr körperlich agieren. Aber da muss man auch Zeit haben, sich umstellen zu können.

Tim Suton wirkt nicht nur aufgrund der ähnlichen Bartmode als eine Art Bruder. Wie haben Sie den WM-Abstecher ihres guten Freundes erlebt?

Kogut: Zunächst fand ich, dass Martin Strobel super performt hat. Er hat es allen Kritikern gezeigt, die etwas abschätzig vom 2.Liga-Spielmacher gesprochen haben. Als sich Martin verletzte, habe ich gleich gedacht, dass nun Tim’s Stunde schlägt.

Haben Sie ihm seine Hallenschuhe vorbeigebracht?

Kogut: Nein. Das nicht. Aber ich habe ihn zur Europcar-Station gefahren, damit er gleich losdüsen kann.

Wie fällt die fachliche Einschätzung über den WM-Joker aus?

Kogut: Gegen Spanien hatte Tim einen super Einstand. Dann kamen zwei Hammerspiele, in denen man gemerkt hat, dass er noch nicht so tief mittendrin ist in einem eingespielten Team. Auf dieser Position muss man das totale Vertrauen von jedem haben. So etwas geht nicht von jetzt auf gleich. Das muss sich entwickeln. Gut fand ich, dass sich Tim nie versteckt hat und in die
Zweikämpfe gegangen ist. Das ist es ja auch, was ihn ausmacht. Ich finde es besser, voll draufzugehen, als sich zu verstecken und sich durchzumogeln. Das ist auch Tims Charakter - und den hat er gezeigt.

Was fehlt der Nationalmannschaft noch, um ganz oben anzugreifen?

Kogut: Schwer zu sagen. Wir sind gut dabei. Doch Dänemark und Norwegen haben auf den Schlüsselposition Topstars. Bei den Dänen habe ich während der WM sogar einige Außerirdische gesehen. Die Norwegen haben einen Sagosen. Wenn es nicht läuft, gibt man ihm den Ball und er guckt, dass was entsteht. Wir sind bis zum Halbfinale stark über die Emotionen gekommen. Doch durch die vielen Zeitstrafen kamen die dann nicht mehr richtig zum Tragen.

Mit dem 34:30 über die Füchse hat der TBV „richtig einen rausgehauen". Überrascht?

Kogut: Am Anfang haben viele gedacht: oh, oh, oh. Nach dem 0:5 war etwas Angst dabei, dass es eine Klatsche geben könnte. Durch ein paar Ballgewinne in der Abwehr und Saves vom Torhüter haben wir es geschafft, das Spiel zu drehen. Wir sind mit viel Tempo und Überzeugung ins Umschaltspiel gekommen. Die Anzahl an technischen Fehlern war sehr gering und gegen die offensivere Abwehr war in der zweiten Halbzeit auch unsere gute Passqualität ein wichtiger Faktor. Zudem hat jeder, der eingewechselt wurde, seine Leistung beigesteuert. Es hat an diesem Tag einfach sehr viel gepasst. So ein Start in die Rückrunde ist cool. Mit diesen Bonuspunkten hat niemand gerechnet.

Und was ist in Stuttgart drin?

Kogut: Das wird ein ganz anderes Spiel. Stuttgart ist immer unangenehm zu spielen. Die kommen stark über den Kampfgeist. Wir haben immer relativ gut ausgesehen, wenn wir gegen sie in die Tiefe gegangen sind.

Das Interview führte LZ-Redakteur Jörg Hagemann.

Information

Stuttgart trennt sich von Kraus

Ausgerechnet vor dem Duell am Donnerstagabend in Stuttgart mit dem TBV hat der TVB 1898 Stuttgart die bevorstehende Trennung von zwei Ex-Lemgoern bekannt gegeben. Sowohl Torhüter Jonas Maier als auch Michael Kraus müssen sich im Sommer einen neuen Verein suchen. „Speziell Mimi wird allen zeigen wollen, was er noch drauf hat", erwartet TBV-Geschäftsführer Jörg Zereike viel „Feuer" aus dem gegnerischen Rückraum. Trainer Kehrmann hofft, dass die TBV-Abwehr „noch eine Schüppe drauflegen kann" und der Angriff wieder eine hohe Effektivität aufweist. Kehrmann: „Trotz der Ausfälle verfügen wir über ein gefestigtes System, in dem sich auch die Nachrücker zurechtfinden."

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