Arbeiten trotz Krankheit: Wie sinnvoll ist eine Teilzeit-Krankmeldung?

Lena Henning

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Wer einen gelben Schein vom Arzt bekommt, bleibt zuhause. Arbeit - in reduziertem Umfang - könnte aber auch zur Genesung beitragen. - © picture alliance / dpa Themendienst
Wer einen gelben Schein vom Arzt bekommt, bleibt zuhause. Arbeit - in reduziertem Umfang - könnte aber auch zur Genesung beitragen. (© picture alliance / dpa Themendienst)

Wenn Arbeitnehmer krank geschrieben sind, bleiben sie zuhause. So war das bisher. Jetzt macht der Ärzteverband "Marburger Bund" einen neuen Vorschlag: Ärzte sollten eine Arbeitsminderungsbescheinigung ausstellen können und damit ermöglichen, dass Arbeitnehmer zumindest wenige Stunden am Tag arbeiten.

"Ich bin sicher, dass dadurch viele Fälle von längerer Arbeitsunfähigkeit verhindert werden und Patienten ihre Krankheit besser bewältigen können", sagte der Vorsitzende Rudolf Henke. Ärzte sollten zum Beispiel verordnen können, dass ein Patient vier oder sechs Stunden Schonung am Tag bekomme.

"Eine tolle Idee", findet Theodor Windhorst, Vorstand der Ärztekammer Westfalen-Lippe und gleichzeitig Bezirksvorsitzender des Marburger Bundes für Bielefeld. Für ihn gehe es in erster Linie um die Frage, ob die bisherige "alles oder nichts"-Praxis bei Krankschreibungen sinnvoll sei. Kritik kommt vor allem von Arbeitnehmervertretern.

Wer lange krankgeschrieben ist, wird ausgegrenzt

Bisher sieht die Regelung laut Gesetz zur Entgeltfortzahlung vor, dass Arbeitnehmer ihren Arbeitgeber sofort informieren müssen, wenn sie nicht zur Arbeit kommen können. Wer länger als drei Tage nicht arbeiten kann, muss eine ärztliche Bescheinigung – auch bekannt als "gelber Schein" – vorlegen, mit der die Arbeitsunfähigkeit für einen bestimmten Zeitraum bescheinigt wird.

"Jeder Patient hat Anspruch darauf, ein funktionierendes Mitglied unserer Gesellschaft zu sein und nicht ausgegrenzt zu werden durch das lange Fernbleiben vom Arbeitsplatz", sagt Windhorst. Für den Genesungsprozess sei es wichtig, den richtigen Kompromiss zu finden zwischen Arbeit und Schonzeiten.

Eine Arbeitszeit von beispielsweise zwei bis sechs Stunden am Tag könne seiner Einschätzung nach bei verschiedenen Erkrankungen sinnvoll sein. Natürlich nicht bei ansteckenden Krankheiten wie einer Erkältung oder Grippe, aber etwa bei psychiatrischen oder psychosomatischen Erkrankungen, wie Depressionen oder Burnout. Die machen inzwischen einen immer größeren Anteil der Krankschreibungen aus.

Arbeit kann einen positiven Effekt auf das Wohlbefinden haben

Die Rückkehr zur Arbeit könne einen positiven Effekt auf das Wohlbefinden haben, heißt es etwa auf psychenet.de, einer Homepage der Uni-Klinik Hambur-Eppendorf. Das sei wissenschaftlich nachgewiesen. Arbeit gebe ein "Gefühl der Normalität", Struktur im Alltag, ermögliche Teilhabe am Leben und gesellschaftliche Kontakte. Gleichzeitig könnten Stress und Überforderung aber auch der Gesundheit schaden.

Windhorst denkt auch an andere Fälle, in denen eine Teilzeit-Krankschreibung sinnvoll sein könnte: Wer zum Beispiel einen Schlaganfall erlitten habe und nun halbseitig gelähmt sei, für dessen Genesung sei es gar nicht unbedingt gut, "den ganzen Tag nur im Rollstuhl in der Ecke zu sitzen", sagt der Mediziner.

Auch bei Krebserkrankungen, mit denen eine langwierige Therapie einhergeht, könnte es den Erkrankten Stabilität und Selbstbewusstsein geben, weiterhin – in geringerem Umfang – zur Arbeit kommen zu können. Arbeit hat in unserer Gesellschaft einen hohen Stellenwert. "Viele identifizieren sich über ihren Arbeitsplatz – sie wollen nicht als Drückeberger gelten", sagt Windhorst.

„Kein Arzt würde einen Patienten zur Arbeit drängen"

Die Entscheidung für eine teilweise Arbeitsunfähigkeit könne nur im gegenseitigen Miteinander getroffen werden. Kein Arzt würde einen Patienten zur Arbeit drängen. "Das individuelle Krankheitsbild und natürlich auch die Bedingungen am Arbeitsplatz müssen in die Entscheidung einfließen", sagt Windhorst.

Wer etwa die Möglichkeit hat, von zuhause zu arbeiten, könnte das auch mit einem gebrochenen Bein tun. Für Dachdecker oder Busfahrer gehe das natürlich nicht. „Der Arzt müsste sich mehr mit dem Individuum auseinandersetzen und den Genesungsprozess individuell anpassen", sagt Windhorst. Das sei sicher wünschenswert.

Kritik kommt von den Gewerkschaften

Kritik an dem Vorschlag des Marburger Bundes kam unter anderem von der Vereinigten Dienstleistungsgewerkschaft (verdi). Wenn überhaupt könne eine solche Regelung nur auf Wunsch des Arbeitnehmers funktionieren. „Ich glaube, dass es gut gemeint ist, aber dass Mediziner oft den arbeitsrechtlichen Aspekt, was Arbeitgeber daraus machen, nicht berücksichtigt", sagte Martin Gross von verdi gegenüber dem SWR.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) sieht das ähnlich: Zunächst einmal müsse die Wiedereingliederung nach einer längeren Krankheit überall funktionieren. Das habe Priorität. Dann könnte man über ein gestuftes Verfahren für die Arbeitsfähigkeit nachdenken.

Eine Befürchtung der Kritiker ist, dass sich bei einer solchen Regelung womöglich viele Arbeitnehmer unter Druck gesetzt fühlen, doch zur Arbeit zu gehen und länger und mehr zu arbeiten, als vom Arzt verordnet.

Dem kürzlich veröffentlichten Fehlzeiten-Report der AOK zufolge war mehr als jeder fünfte Befragte im vergangenen Jahr entgegen dem Rat des Arztes krank zur Arbeit gegangen (21,1 Prozent).

Windhorst glaubt: „Genau diese Möglichkeit – eben nicht mehr entweder ganz oder gar nicht zu arbeiten – nimmt für Arbeitgeber auch den Druck, sich krank zur Arbeit zu schleppen."

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