Missbrauchsskandal: Hamelner Landrat nimmt Behörde in Schutz

Marianne Schwarzer und Janet König

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Landrat Tjark Bartels ist von vielen Medienvertretern umzingelt. - © Marianne Schwarzer
Landrat Tjark Bartels ist von vielen Medienvertretern umzingelt. (© Marianne Schwarzer)

Lügde/Hameln-Pyrmont. Nach dem jahrelangen Kindesmissbrauch auf dem Campingplatz "Eichwald" in Lügde wird auch die Rolle der Jugendämter untersucht. Der Landrat des Kreises Hameln-Pyrmont, Tjark Bartels (SPD), hat am Dienstagvormittag zu dem Fall Stellung genommen und sich hinter seine Mitarbeiter gestellt. Es geht um den Vorwurf, ob das Jugendamt seines Kreises versagt haben könnte.

Er wolle sich nicht wegducken, sagte Tjark Bartels. "Dieses Schweigen, um nicht in den Fokus zu geraten, halte ich für fatal." Es sei einfach, hinterher dem Jugendamt die Schuld zu geben. Der Fall müsse jetzt aber in aller Ruhe geklärt werden. Personelle Konsequenzen schloss Bartels zunächst aus. Der Landrat verteidigte ebenfalls die Unterbringung des Kindes beim 56-jährigen Hauptverdächtigen auf dem Campingplatz. "Das war nicht optimal, aber besser als manch andere Möglichkeit", sagte der Landrat.


Der Landkreis habe kein reguläres Pflegeverhältnis abgeschlossen - dafür lägen die Hürden viel höher. Die Mutter aus dem Kreis Hameln-Bad Pyrmont habe ihre Tochter bei dem mutmaßlichen Haupttäter unterbringen wollen, einem Mann, den sie schon lange gekannt habe. Das Jugendamt habe das gestützt, nachdem es sieben Monate geprüft habe. Die Unterbringung sei suboptimal gewesen, aber besser als vieles, was Jugendamtsmitarbeiter sonst so zu sehen bekämen.

Der Täter habe sozial gesehen eine perfekte Fassade errichtet, davon habe man sich täuschen lassen. Das Kind habe sich zudem von außen betrachtet gut entwickelt.

Genau das sei eben auch das Perfide am Vorgehen des Hauptverdächtigen. "Es ist unglaublich schwer, hinter die Fassade solcher Menschen zu blicken." Obwohl Mitarbeiter nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt hätten, sei die Gefahr zu versagen - wie in diesem Fall - leider durchaus gegenwärtig. Sollten durch die Untersuchungen Fehler offengelegt werden, werde es natürlich auch Konsequenzen geben. Davon gehe Bartels jedoch weder beim Jugendamt noch bei der Polizei aus.

"Ich verneige mich in Respekt vor den fast 30 Opfern. Diesen Kinderseelen ist schwerer Schaden zugefügt worden", sagte Landrat Bartels.

Eine Reaktion auf die Pressekonferenz in Hameln gab es auch aus dem Nachbarschaftskreis in Lippe. Auch gegen die lippischen Behörden gibt es ein laufendes Verfahren, mit dem das Vorgehen und die Details in den Akten der Behörden bewertet werden müsste. "Ich schließe mich Tjark Bartels an: Statt einer Vorverurteilung einzelner Personen fokussieren auch wir uns im Jugendamt auf die Aufklärung, die Prozesse und Verfahrensabläufe", wird Landrat Dr. Axel Lehmann im Statement des Kreises zitiert. Der Kreis Lippe hatte am vergangenen Freitag Stellung zum Missbrauchsskandal in Elbrinxen genommen.

Die Spitze des Hamelner Landrates, er sei das Mikadospiel leid, prallte an Lippes Landrat Dr. Axel Lehmann ab: "Wir haben sofort das gesagt, was zu sagen war. Jetzt müssen wir einfach die Ermittlungen abwarten, in diesem Punkt bin ich bei dem Kollegen." Ebenso einig sei er mit Tjark Bartels in der Frage, ob das Statement von Minister Reul, "Behördenversagen auf der ganzen Linie", zum jetzigen Zeitpunkt angebracht sei: "Wenn die Datenlage des Ministers besser ist als die der Staatsanwaltschaft, dann vielleicht".

Die Hinweise auf den schlechten Zustand der kleinen Pflegetochter, die eine Mitarbeiterin des Jobcenters 2016 an den Kreis Lippe weitergeleitet haben soll, habe der Kreis übrigens nach Hameln weitergeleitet. "Und das Jugendamt des Kreises Lippe hat den Kollegen in Hameln mit Blick auf die Wohnverhältnisse auch deutlich davon abgeraten, die Pflegschaft mit dem Campingplatzbewohner abzuschließen."

Zwei Männer aus Nordrhein-Westfalen im Alter von 56 und 33 Jahren sollen auf dem Campingplatz mindestens 29 Kinder im Wechsel gefilmt und missbraucht haben. Ein dritter Mann aus Stade soll als Auftraggeber aufgetreten sein. Bei den Opfern handelt es sich laut Polizei um 26 Mädchen und drei Jungen. Sie seien zur Tatzeit zwischen 4 und 13 Jahre alt gewesen.

Brandschau auf dem Campingplatz

Die Fotos von dem Eigenumbau auf dem Campingplatz haben Fragen aufgeworfen. Darf so etwas überhaupt auf einem Campingplatz stehen? Was ist mit dem Brandschutz? Wer kontrolliert, was da eigentlich gebaut wird? Die LZ hat beim Kreis Lippe nachgefragt.

Eine Baugenehmigung erteilt der Kreis für den eigentlichen Platz. In Elbrinxen war das 1999 der Fall. Werden später Wochenendhäuser auf solch einem genehmigten Platz errichtet, sind sie baugenehmigungsfrei. Das bedeutet nicht, dass da irgendetwas hingestellt werden darf. Die Größe, die Abstände, die Höhe und vieles mehr werden in der Landesverordnung „Camping- und Wochenendplätze" vorgegeben.

„Vorrangig hat der Betreiber die Pflicht, auf die Einhaltung der Vorgaben zu achten. Sonst besteht auch noch die Möglichkeit, nicht konforme Bauten beim Bauamt anzuzeigen", teilt der Kreis Lippe auf Anfrage mit.
Regelmäßige Prüfungen durch die Bauaufsichtsbehörde seien für Einrichtungen wie Kindergärten, Krankenhäuser oder Seniorenheime vorgeschrieben, Camping- und Wochenendhausplätze fallen laut Auskunft des Kreises Lippe nicht darunter.

Anders sieht es in Sachen Brandschutz aus. Hier ist die Kommune oder Stadt in der Pflicht, in deren Gebiet der Platz liegt. Die Verwaltungen haben geschulte Mitarbeiter oder beauftragen externe Experten. In Elbrinxen hat es 2014 die letzte Brandschau auf dem Campingplatz gegeben, die hat der Bevölkerungsschutz des Kreises Lippe übernommen.

Kontrolliert werden die Flucht- und Rettungswege, die ordnungsgemäße Kennzeichnung von Leitungen oder auch, ob ausreichend Feuerlöscher vorhanden und Leitungen gekennzeichnet sind. „Im Ergebnis gab es auf dem Platz in Elbrinxen nur Kleinigkeiten zu bemängeln, so musste zum Beispiel eine Gasleitung mit einem neuen Schild versehen werden", sagt Bürgermeister Heinz Reker. Die Stadt Lügde habe sich darum gekümmert, dass die Schäden beseitigt wurden. Größere Mängel seien nicht festgestellt worden.

Information
Alle Artikel rund um den Missbrauchsskandal aus Lügde finden Sie im LZ-Spezial.

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