Von wegen Jute statt Plastik: Neuer Höchststand bei Verpackungsmüll

Hanna Gersmann

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- © Symbolbild: Pixabay
Plastikmüll (© Symbolbild: Pixabay)

Berlin. Eigentlich wollen die Deutschen die Hüllen fallen lassen - das Land will weg von Ex und Hopp und immer mehr Verpackungsmüll. Doch im Gegenteil: Allein im Jahr 2017 haben die Deutschen 18,7 Millionen Tonnen Verpackungen in den Müll geworfen, Um- und Transportverpackungen inklusive. Drei Prozent mehr als noch im Jahr 2016. Pro Kopf macht das 226,5 Kilo - ein Rekord. Das zeigt der „Bericht zu Aufkommen und Verwertung von Verpackungen in Deutschland", den das Umweltbundesamt diesen Montag veröffentlicht. 

Es fängt schon bei der Zahnpasta an

Für die Chefin des Umweltbundesamtes, Maria Krautzberger, fängt das Problem schon mit der Zahnpasta an. Selbst die sei oft nochmals verpackt. Sie fordert: „Wir müssen Abfälle vermeiden, möglichst schon in der Produktionsphase." Auf „unnötige und unnötig materialintensive Verpackungen" solle verzichtet werden. Der wachsende Müllberg habe mit dem Wirtschaftswachstum zu tun, aber auch mit den derzeitigen Lebens- und Einkaufsgewohnheiten.

Drei Beispiele: Erstens, heißt es in dem Bericht: „Der Verbrauch von Kartonagen und Folien für die Lieferung über den Versandhandel steigt." Egal aus welchem Internet-Kaufhaus etwas kommt – an Verpackung wird nicht gespart. Zweitens gebe es immer mehr Flüssigwaschmittel in Flaschen. Drittens böten Supermärkte Ananas und den Salat schon geputzt und geschnitten in Plastikbechern an.

Käse in Scheiben hat oft Folien

Zudem wird die Gesellschaft älter, und die Haushalte werden kleiner. Senioren und Singles greifen gerne zu kleineren Portionsgrößen. Das Umweltbundesamt rechnet aber vor: Wer den 200-Gramm-Sahnebecher durch eine 7,5-Gramm-Portionsverpackung Kaffeesahne ersetzt, erhöht den Verpackungsverbrauch um gut 38 Prozent. Nimmt man den Käse nicht am Stück, sondern die Scheiben in Folie, sorge man sogar schnell für fast das Vierfache an Plastikmüll.

So bekommen die Mülltonnen immer mehr zu schlucken. Dabei nimmt sich Deutschland schon seit 35 Jahren einen anderen Umgang mit dem Müll vor. 1994 ersann der damalige CDU-Bundesumweltminister Klaus Töpfer das Kreislaufwirtschaftsgesetz. Seither sammeln und sortieren die Deutschen ihren Müll in verschiedene Tonnen - Altpapier in die blaue, Verpackungen in die gelbe, Glas in den Extracontainer, Restmüll in die graue. Denn: Wenn sich der Müll schon nicht vermeiden lässt, soll er zumindest recycelt werden kann. Nur: Er nimmt verschiedene Wege – und nicht immer den in die Recyclinganlage.

Wenig Recycling bei Plastik

Je nach Art der Verpackung sieht die Recyclingquote unterschiedlich aus: Bei Papier und Karton liegt sie laut den neuen Zahlen bei knapp 88 Prozent. Bei Glas sind es knapp 85, bei Kunststoffverpackungen jedoch nur knapp 50. Und selbst diese Zahl ist trügerisch: Gezählt wird nicht etwa, was am Ende tatsächlich recycelt wird, sondern das was einer Sortieranlage zugeführt wird. Der Kunststoff-Kreislauf ist alles andere als perfekt.

Aus einer alten Reinigungsmittelflasche kann wieder eine neue werden - das geht. Als Vorreiter gilt die mittelständische Firma Werner Mertz mit der Öko-Marke Frosch. Bisher ist das jedoch selten. Das hat auch technische Gründe. Die Farbe schwarz zum Beispiel ist für die meisten Sortiermaschinen schwierig. Sie können zwischen dem schwarzen Fließband und dem schwarzen Kunststoff nicht richtig unterscheiden. Aber beispielsweise auch die Verpackungen für den Scheibenkäse sind schlecht zu recyceln, weil mehrere verschiedene Folien miteinander verschweißt sind – eine, die vor Licht schützt, eine vor hoher Temperatur. Und und und.

Seit Anfang diesen Jahres hat Deutschland zwar ein neues Verpackungsgesetz. Mit ihm werden höhere Recyclingquoten für den Gelben-Sack-Müll gefordert, mit ihm kam auch eine „Zentrale Stelle Verpackungsregister”. Alle Firmen, die Verpackungen in Umlauf bringen, müssen sich in dieses Register eintragen. Und: Hersteller sollen an die Entsorgungsfirmen theoretisch mehr zahlen als andere, wenn ihre Produkte aus Neu-Plastik bestehen oder sich schlecht recyceln lassen.

Neu produzierter Kunststoff ist unschlagbar günstig

Doch gibt es grundsätzlich wenig ökonomische Anreize, Rezyklate zu nutzen. Auch wenn sich die Wirtschaft grüner gibt, weil Plastik bei Kunden in Verruf geraten ist, seit es sich selbst in den Mägen von Walen und Vögeln wiederfindet: Neu produzierter Kunststoff aus Rohöl ist noch immer unschlagbar günstig.

Letzte Zahl: 2017 wurden so wenig Getränke in Mehrwegflaschen verkauft wie nie zuvor. Stattdessen werden die meisten in Einwegkunststoffflaschen abgefüllt, ihr Marktanteil liegt bei etwa 52 Prozent. Für Krautzberger ist das freilich der falsche Trend. Sie sagt: „Auch den Kaffee kann man im Mehrwegbecher mitnehmen und wer sein Essen mitnimmt, sollte das auch in Mehrwegbehältern tun können.

Lebenslüge

Ein Kommentar von Wolfgang Mulke

"Die Bundesbürger haben einen zweifelhaften Rekord aufgestellt. 226,5 Kilogramm Verpackungsmüll entfallen rechnerisch auf jeden Einwohner. Das ist unvernünftig viel. Es gibt schon eine Reihe von Initiativen dagegen. Supermärkte bemühen sich, ihre Ware in etwas weniger Plastikfolie zu hüllen und die Politik verbietet einen Teil der Plastiktüten. Verbraucher bringen zunehmend den Extrabeutel oder die Tupperdose mit ins Geschäft, um ihren Einkauf möglichst umweltverträglich zu gestalten. Diese Bemühungen sind ehrenwert, reichen aber nicht.

Ein Ansatzpunkt ist die Wiederverwertung. Doch das funktioniert mangels finanzieller Anreize für die Wirtschaft bislang überhaupt nicht. Ein zu großer Umgang mit Verpackungen muss teuer sein. Der Einsatz und Verbleib der Folien oder Tüten kontrolliert werden. Auch wenn sich hier Besserung einstellen sollte, bleibt es eine Lebenslüge, dieses Problem mit mehr Recycling lösen zu können.

Auf Dauer überfordert die hiesige Art des Konsums die Umwelt. Das ist zwar kein exklusiv deutsches Phänomen. Doch vor der eigenen Haustür kehrt es sich erst einmal am besten. Vermeidung beginnt bei den Herstellern der Verpackungen und führt über die Industrie und den Handel letztlich zum Verbraucher.

Es wird jedoch nicht ohne Abstriche an der Bequemlichkeit für den Konsumenten und den Gewinnen der Wirtschaft klappen. Die Verbrauchererwartung, alles aus aller Welt jederzeit kaufen zu können, ist überzogen. Ein eingeschränktes Angebot zugunsten der Umwelt hilft beim Vermeiden von Abfällen, bringt aber womöglich den Handel in Nöte. Einen anderen Schluss lässt die Vernunft leider nicht zu.

Doch auf lange Sicht hat die Selbstbeschränkung auch einen positiven Effekt, wenn der Urlauber an der Nord- oder der Ostsee beim Strandspaziergang nicht alle Nase lang über Plastikflaschen steigen muss.

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