Alle Grundschüler ab 15. Juni täglich in Schule - Eltern äußern scharfe Kritik

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Alle Kinder im Grundschulalter sollen in Nordrhein-Westfalen ab dem 15. Juni wieder täglich zur Schule gehen. Das kündigte das Schulministerium am 05.06.2020 in Düsseldorf an. - © Martin Gerten/dpa
Alle Kinder im Grundschulalter sollen in Nordrhein-Westfalen ab dem 15. Juni wieder täglich zur Schule gehen. Das kündigte das Schulministerium am 05.06.2020 in Düsseldorf an. (© Martin Gerten/dpa)

Schneller als gedacht: Noch vor den Sommerferien sollen alle Grundschüler in NRW täglich in die Klassenräume kommen. Das Abstandsgebot fällt. Von Lehrer- und Elternseite kommt scharfe Kritik, auch die Opposition ist empört.

Düsseldorf (dpa). Alle Grundschulkinder sollen in Nordrhein-Westfalen ab dem 15. Juni wieder täglich in den Klassenräumen unterrichtet werden. Das kündigte Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) am Freitag in Düsseldorf an. Bis zu den Sommerferien sollen die rund 600 000 Grundschüler an allen Wochentagen die Schule besuchen und damit in den Regelbetrieb zurückkehren. «Wenn es um die Bildung unserer Kinder geht, zählt jeder Tag», sagte Gebauer. Für die Grundschulen stünden rund 80 Prozent der Lehrer für den Präsenzunterricht parat. Landeselternkonferenz, Lehrergewerkschaften VBE und SPD-Opposition zeigten sich empört und sprachen von einem gesundheitlich riskanten Plan.

Fast zehn Wochen lang war der Präsenzbetrieb in NRW wegen der Corona-Pandemie eingestellt und oder deutlich eingeschränkt gewesen. Die aktuelle Entwicklung des Infektionsgeschehens lasse einen verantwortungsvollen Regelbetrieb an den Grundschulen zu, betonte die Schulministerin. Feste Klassenverbände sollen strikt unter sich bleiben. Anfangs- und Pausenzeiten für die Lerngruppen müssten gestaffelt werden. Es gelte dann kein Abstandsgebot mehr. Eine Maskenpflicht werde es auch weiterhin nicht geben.

Selbst wenn es ab dem 15. Juni nur noch zwei Wochen bis zu den Sommerferien seien, handele es sich noch um ein deutliches Plus für die Schüler, meinte die Ministerin. Lehrer könnten sich einen «umfassenden Überblick über den Lernstand», aber auch über die Gefühlslage ihrer Schüler verschaffen. Viele andere Bundesländer planten ebenfalls eine Rückkehr zum Regelbetrieb in den Primarstufen ab dem 8. oder 15. Juni oder hätten - wie Sachsen - den Schritt schon vollzogen. Ärzteverbände und Schulpsychologen seien für eine weitere Öffnung der Schulen. Zudem klagen Eltern beim Oberverwaltungsgericht für das Land NRW in Münster auf durchgängigen Präsenzunterricht.

Droht "Vollkatastrophe"?

Die Landeselternkonferenz kritisierte, es drohe eine «Vollkatastrophe», wenn nun ohne Abstandsregelung unterrichtet werden solle. Ansteckungen seien zu befürchten. «Dann beginnen die Ferien für viele Familien erst mal mit einer zweiwöchigen Quarantäne», sagte die Vorsitzende der Landeselternkonferenz, Anke Staar, auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur. Die Wirtschaft fahre wieder hoch und viele Eltern seien in den Ferien umso mehr auf eine Betreuung ihrer Kinder angewiesen, um ihren Job machen zu können. «Ich meine keine Spaß-Factory, sondern hochwertige und verlässliche Bildungsangebote.» Es brauche Konzepte für die Ferien und das nächste Schuljahr.

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) zeigte sich «fassungslos» über die neuen Pläne. «Abstandsregeln und die Vermeidung von Infektionsketten sollen keine Rolle mehr spielen», monierte die Lehrergewerkschaft. Die hart erarbeiteten Konzepte mit einem Mix aus tageweisem Präsenzunterricht und Lernen auf Distanz würden nun umgeworfen. Das stehe angesichts von nur noch zwei Wochen bis zum Beginn der Sommerferien «in keinem Verhältnis zum Nutzen», meinte Landeschef Stefan Behlau.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sprach von «reiner Symbolpolitik» auf dem Rücken von Schülern und Lehrern. Eine Gefährdung ihrer Gesundheit für wenige zusätzliche Tage im Schulbetrieb sei ein zu hoher Preis, kritisierte die Landesvorsitzende Maike Finnern.

Eine Rückkehr zum Regelbetrieb ist aus Sicht der SPD-Landtagsfraktion zwar richtig, aber in den Schulen kaum organisierbar. Seit Wochen fordere die SPD Lernangebote für die Ferien und eine verlässliche Planung des Schuljahrs 2019/20, habe dafür auch Vorschläge unterbreitet. Aber seitens des Ministerium sei «nix passiert», sagte SPD-Schulexperte Jochen Ott. «Von einem verantwortungsvollen Handeln ist das weit entfernt», bilanzierten die Grünen.

Ausnahme für vorerkrankte Lehrer

Wie viele Lehrer stehen bereit? An den Grundschulen sind laut Ministerium rund 80 Prozent der Lehrer dienstfähig und können Präsenzunterricht erteilen. Über alle Schulformen in NRW seien es knapp 83 Prozent. Die Zahl der dienstfähigen Lehrkräfte habe sich im Vergleich zu den vergangenen Wochen deutlich erhöht. Um den Einsatz vor allem älterer und vorerkrankter Lehrer hatte es zuvor Streit gegeben. Diese sind seit einigen Tagen nicht mehr grundsätzlich vom Präsenzunterricht ausgenommen.

In einer E-Mail an die Schulen schrieb das Ministerium: «Die Erziehungsberechtigten müssen darauf achten, dass die Kinder vor dem Schulbesuch keine der bekannten Symptome einer Covid-19-Erkrankung aufweisen.» Habe ein Schüler eine Corona-relevante Vorerkrankung oder sei das bei Angehörigen der Fall, entfalle die Teilnahmepflicht am Präsenzunterricht. Für die Anwesenheit der Schüler gibt es Gebauer zufolge eine Dokumentationspflicht. Auch der Offene Ganztag werde unter diesen Voraussetzungen wieder aufgenommen. Die Notbetreuung an den Grundschulen ende mit dem 15. Juni. Für die weiterführenden Schulen bleibt es bis zu den Ferien bei Distanz-Präsenz-Mix.

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