Gegen die Einsamkeit: Keine Besuchsverbote für Pflegeheime geplant

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Die Alten- und Pflegeheime wollen trotz Corona-Bedrohung ihren Bewohnern ein möglichst schönes Fest schaffen. - © Frank Molter/dpa
Die Alten- und Pflegeheime wollen trotz Corona-Bedrohung ihren Bewohnern ein möglichst schönes Fest schaffen. (© Frank Molter/dpa)

Berlin (dpa) - Einsam im Pflegeheim, weil Besuchsverbote verhängt werden - solch traurige Szenen wie im Frühjahr sollen sich möglichst nicht wiederholen. Bewohner von Pflegeheimen sollen auch bei hohen Corona-Zahlen weiterhin Besuch empfangen können.

Der Pflegebeauftragte der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus, stellte am Freitag gemeinsam mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) eine «Handreichung» für stationäre Einrichtungen vor. Darin werden Empfehlungen abgegeben, wie Besuche durch Angehörige oder Freunde unter Pandemiebedingungen weiterhin ermöglicht werden können.

"Wollen sie nicht wegsperren, nicht isolieren"

Pflegeverbände und Patientenschützer forderten gleichzeitig mehr Unterstützung für das Personal in den Einrichtungen - zum Beispiel durch die Bundeswehr. Die Beschäftigten seien am Limit, hieß es. «Wir wollen die Pflegebedürftigen bestmöglich schützen. Wir wollen sie nicht wegsperren, nicht isolieren», sagte Spahn in Berlin. Der Kontakt zu Angehörigen und Freunden solle und müsse weiterhin möglich sein. Der persönliche Kontakt sei für die Bewohner unverzichtbarer Teil ihres Lebens, sagte Westerfellhaus. Er dürfe deshalb nicht in Frage gestellt werden.

Die Handreichung wurde nach Ministeriumsangaben in Zusammenarbeit mit Pflegeverbänden erarbeitet und «mit Expertenrat des Robert Koch-Instituts (RKI) untermauert». In dem elfseitigen Papier werden demnach bestehende Erfahrungen aus Einrichtungen in der Praxis zusammengefasst. Es geht dabei unter anderem um Tests, Masken, Besucherlisten und Ausnahmeregelungen.

Maske für alle Besucher Pflicht

So wird grundsätzlich Mund-Nasen-Schutz für alle Besucher und Personal empfohlen, sowie für Bewohner, wenn sie in Gemeinschaftsräumen sind oder Kontakt zu anderen haben. Für Besucher, die ein Attest vorlegen, dass sie keine Maske tragen müssen, wird als Alternative ein spezielles gut belüftetes Besucherzimmer mit Plexiglasscheiben zur Abtrennung genannt und ein Schnelltest vor dem Besuch. «Auch Fensterbesuche sind möglich», heißt es in der Handreichung.

Manche Pflegeeinrichtungen haben dafür auch spezielle Besucherboxen von außen ans Gebäude angebaut: Besucher betreten dabei nicht die Pflegeeinrichtung und treffen die Bewohner, die innen sitzen, vor einer Plexiglasscheibe.

Schnelltests in Ausnahmefällen möglich

Die Empfehlungen für Pflegeheime sehen auch Ausnahmen von der Mund-Nase-Schutz-Regel vor. Die Maske soll demnach zum Beispiel in Abstimmung mit der Heimleitung bei Bewohnern «mit kognitiven Einschränkungen» kurz abgenommen werden dürfen, damit diese ihr Gegenüber erkennen. «Auch kurze Berührungen mit den Händen sind möglich», heißt es.

Keinen Zutritt zu Pflegeheimen sollen Besucher mit Husten, Schnupfen oder Halsschmerzen haben, außer in «Extremsituationen wie der Sterbebegleitung». Vor dem Zutritt sollten Erkältungssymptome abgefragt und Fieber gemessen werden. «Ergänzend kann außerdem ein Schnelltest durchgeführt werden», heißt es.

Tests von Besuchern werden in der Handreichung für Pflegeheime generell empfohlen, wenn es regional viele Corona-Fälle gibt, aber auch in besonderen Fällen, etwa wenn Bewohner besucht werden, die eine besonders enge auch körperliche Zuwendung brauchen, zum Beispiel in Stress-Situationen oder bei der Körperpflege. Tests von Bewohnern werden empfohlen, wenn Corona-Fälle in der Einrichtung aufgetreten sind.

Bei dem Thema gab es am Freitag allerdings erneut Kritik. Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, bemängelte, dass vor Ort immer noch Tests fehlten. Spahn sagte dagegen, Vertreter der Pflegeverbände hätten ihm bestätigt, Corona-Schnelltests seien «Zug um Zug» immer besser verfügbar.

Für Tests braucht es mehr Personal

Brysch forderte im ZDF-«Morgenmagazin» für Pflegeheime spezielle «Taskforces». Die Bundeswehr und freiwillige Sanitätsdienste könnten etwa aushelfen. Die Forderung wurde auch von der Bundespflegekammer erhoben: Das Pflegepersonal sei bereits absolut am Limit, so dass es nicht auch noch Tests durchführen könne, sagte Präsidiumsmitglied Patricia Drube im Gespräch mit «tagesschau24». Drube bezeichnete die Corona-Lage in Alten- und Pflegeheimen als dramatisch.

Entwarnung gab es kurz vor Weihnachten beim Thema Geschenke: Diese könnten Besucher bedenkenlos mitbringen, heißt es im Leitfaden für die Pflegeeinrichtungen. Das gelte auch für mitgebrachte und selbst gewaschene Wäsche. Den Einrichtungen wird außerdem empfohlen, Besucherlisten zu führen und Besuche mit Terminvergabe so zu takten, dass es nicht zu voll wird. Das dürfte vor allem an den Feiertagen eine Herausforderung werden.

Der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste sprach sich für noch strengere Vorgaben aus. Der Verband vertritt nach eigenen Angaben mehr als jede dritte Pflegeeinrichtung in Deutschland und forderte eine Beschränkung von Besuchen in Pflegeheimen auf eine Person je Bewohner pro Tag und eine von der Einrichtung festzulegende und auf die jeweilige Situation angepasste tägliche Höchstzahl an Besuchen.

«Menschlicher Kontakt ist wichtig», sagte Verbandspräsident Bernd Meurer. Bei der Organisation von Besuchen in Pflegeheimen müsse aber immer die Sicherheit der Bewohner und die Belastungsgrenzen der Pflegenden in den Mittelpunkt gestellt werden.

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