Vierte Corona-Impfung für Jüngere: Stiko-Chef widerspricht Lauterbach

Tim Szent-Ivanyi, Anna Westkämper und Tobias Peter

  • 0
Der Ulmer Virologe Thomas Mertens, Vorsitzender der Ständigen Impfkommission (Stiko). - © Kay Nietfeld/dpa
Der Ulmer Virologe Thomas Mertens, Vorsitzender der Ständigen Impfkommission (Stiko). (© Kay Nietfeld/dpa)

Berlin. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) empfiehlt auch Menschen unter 60 Jahren eine vierte Corona-Impfung - stößt damit aber auf Widerspruch bei Experten. "Wenn jemand den Sommer genießen und kein Risiko eingehen" wolle, würde er in Absprache mit dem Hausarzt auch Jüngeren die Impfung empfehlen, sagte Lauterbach dem "Spiegel". Der Chef der Ständigen Impfkommission (Stiko), Thomas Mertens, entgegnete in der "Welt am Sonntag", er kenne keine Daten, die einen solchen Ratschlag rechtfertigten.

Einen Anstieg bei den Fallzahlen gibt es dem Robert Koch-Institut (RKI) zufolge in Pflege- und Altenheimen. Mit einer Viertimpfung "hat man einfach eine ganz andere Sicherheit", begründete Lauterbach seinen Vorstoß. Das Long-Covid-Risiko sei "deutlich reduziert für ein paar Monate", ebenso das Infektionsrisiko. Einen an Omikron angepassten Impfstoff könnten die Menschen auch nach der vierten Impfung nehmen. Lauterbach geht damit über die Empfehlungen von EU und Ständiger Impfkommission hinaus.

Karl Lauterbach (SPD), Bundesminister für Gesundheit. - © Bernd Von Jutrczenka
Karl Lauterbach (SPD), Bundesminister für Gesundheit. (© Bernd Von Jutrczenka)

Aus der Impfkommission kam Kritik. "Ich halte es für schlecht, medizinische Empfehlungen unter dem Motto 'Viel hilft viel' auszusprechen", sagte der Chef der Ständigen Impfkommission, Mertens, der "WamS". Die Empfehlung seiner Kommission, wonach sich Menschen über 70, Vorerkrankte und Pflegepersonal die vierte Dosis verabreichen sollen, halte er nach wie vor für richtig. Dass die EU-Gesundheitsbehörde ECDC und die EU-Arzneimittelbehörde EMA die Altersgrenze in dieser Woche auf 60 festsetzten, sei aber vertretbar, sagte Mertens weiter. "Mit zunehmendem Alter steigt das Risiko für einen schweren Verlauf. Es ist nicht einfach, hier einen genauen Cut beim Alter zu machen." Allerdings könne nicht jedes Jahr die gesamte Bevölkerung geimpft werden.

"Konjunkturprogramm für die Querdenkerbewegung"

Deutliche Worte fand auch der CSU-Gesundheitspolitiker Stephan Pilsinger. "Das Verhalten von Gesundheitsminister Karl Lauterbach ist ein Konjunkturprogramm für die Querdenkerbewegung", kritisierte er. Eine Aussage gegen die Empfehlungen der Stiko sei "eine Ohrfeige für alle, die an nachvollziehbare evidenzbasierte Pandemiepolitik glauben".

Für Patienten stellt sich die Frage, ob ihr Arzt sie gegen die Empfehlung der Stiko ein weiteres Mal impft. Man orientiere sich bei der Frage der Impfempfehlung ganz klar an der Ständigen Impfkommission, hieß es seitens der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. "Daran sollte sich alle halten und nicht unnötig vorpreschen."

Der Vorsitzende des Deutschen Hausärzteverbandes, Ulrich Weigeldt, sagte der Redaktion: "Die vierte Impfung mit einem Abstand von mindestens drei Monaten zur dritten ist allen ab dem 70. Lebensjahr dringend ans Herz zu legen, die EU empfiehlt sie sogar ab 60." Da mit dem 60. oder 70. Geburtstag kein Schalter umgelegt werde, müsse im Einzelfall von diesen Empfehlungen auch abgewichen werden können, erklärte Weigeldt. "Ob das jeweils sinnvoll oder nicht ist, kann ein vertrauensvolles Gespräch mit der Hausärztin oder dem Hausarzt geklärt werden."

Mertens: Dreimalige Impfung schützt gut

Die dreimalige Impfung mit den verfügbaren Impfstoffen würde gut vor schweren Verläufen schützen, so Mertens: "Aber die Übertragung des Virus wird nur gering beeinflusst." Ein Sprecher Lauterbachs sagte, es könne keine grundsätzlichen Empfehlungen für eine Viertimpfung geben. Dies solle jeweils im Einzelfall mit dem Arzt besprochen werden. Der Minister habe deutlich gemacht, dass im Herbst ausreichend Impfstoff zur Verfügung gestellt wird.

Der Virologe Alexander Kekulé übte ebenfalls Kritik an Lauterbach. "Wenn der Gesundheitsminister eigene Empfehlungen gibt, die von denen der Ständigen Impfkommission abweichen, verspielt er damit das Vertrauen der Bevölkerung", sagte er der "WamS". Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) schloss sich im RBB-Inforadio zwar grundsätzlich der Empfehlung von Lauterbach an, kritisierte aber den Zeitpunkt der Kommunikation. So empfehle die EU-Kommission derzeit, dass Menschen über 60 Jahre ein viertes Mal geimpft werden, und die Stiko empfehle es ab 70. Wichtig sei aber "eine Kommunikation, die einheitlich ist, die Vertrauen schafft". Mit Blick auf Lauterbachs jetzige Empfehlung fügte er hinzu: "Damit schafft man kein Vertrauen in der Bevölkerung."

Deutschland steckt mitten in einer starken Corona-Sommerwelle, die sich ab Mitte Juni aufgebaut hat. Seit etwa zwei Wochen bleibt die Sieben-Tage-Inzidenz allerdings stabil, die Zahl der Neuinfektionen steigt weniger stark. Insgesamt beobachtet das Robert-Koch-Institut aber weiter einen hohen Infektionsdruck.

Sollten Menschen sich durch einen zweiten Booster also zusätzlichen Schutz für den Sommer holen – oder aber auf ein an die neue Corona-Variante angepasstes Vakzin warten? Minister Lauterbach hat dazu jedenfalls eine eindeutige Meinung: besser nicht warten. Wenn der neue Impfstoff da sei, könne man die fünfte Impfung vornehmen lassen. Lauterbach hält eine Zulassung eines Impfstoffs gegen BA5 für Ende September oder Anfang Oktober für denkbar.

Mit Material von AFP.

Copyright © Lippische Landes-Zeitung 2023
Inhalte von lz.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare