Filmfestival Locarno als Trendsetter

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Locarno - Rabah Ameur-Zaïmeche - © Foto: Urs Flueeler/Keystone
Die Gewalt ist in Rabah Ameur-Zaïmeches Film «Terminal Süd» allgegenwärtig. (© Foto: Urs Flueeler/Keystone)

Locarno Menschen, die beim Zähneputzen plötzlich singen, Leute, die auf einem Fahrrad in die Wolken schweben, oder Geister Verstorbener, die selbstbewusst durch die Welt streifen: In vielen Filmen des 72. Internationalen Filmfestivals Locarno sind das Selbstverständlichkeiten. Hier gibt Fantasie den Ton an.

Traditionsgemäß setzt das Festival am Schweizer Ufer des Lago Maggiore auf junges Kino. Was oft auch heißt: auf Experimentelles. Für die neue künstlerische Leiterin Lili Hinstin war das einer der wesentlichen Gründe, die Nachfolge des ins Leitungsteam der Berlinale berufenen Carlo Chatrian anzutreten. Ihr Motto: «Mir gefallen Filme, die anders sind.» Hier sollen Trends gesetzt werden.

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Und Trends sind in Locarno tatsächlich auszumachen. Der entscheidende: Das junge Kino ist auffallend politisch engagiert. Offenkundig beunruhigt von der weltweiten Bedrohung der Demokratie durch populistische und reaktionäre Kräfte, kritisieren viele Filme simple, von Feindbildern geprägte Weltentwürfe, plädieren für Toleranz, Offenheit, Respekt.

Im Wettbewerb um den Hauptpreis, den Goldenen Leoparden, fällt das besonders ins Gewicht. Der bisher politisch direkteste Film kommt aus Frankreich: «Terminal Süd» vom algerischen Regisseur Rabah Ameur-Zaïmeche. Die Geschichte eines Arztes, der sich in einem fiktiven Staat aus der von Mord und Totschlag geprägten Politik heraushalten will, zeigt klar: Jede und jeder muss im Kampf gegen Gewalt und Intoleranz Position beziehen.

Dieses Drama kommt formal konventionell daher. Viele andere Locarno-Filme setzen auf ungewöhnliche Erzählweisen, etwa indem sie Brücken zwischen verschiedenen Kunstformen bauen. Der portugiesische Regisseur João Nicolau überrascht zum Beispiel in «Technoboss», einer melancholischen Ballade von einem Alarmanlagentechniker, der mit den modernen Entwicklungen nicht klar kommt, mit einem pointierten Einsatz von Musik und Gesang.

Der Spanier Eloy Enciso verzichtet in «Longa noite» («Die endlose Nacht»), einem filmischen Gedicht über die faschistische Diktatur in Spanien, völlig auf eine Handlung und offeriert eine Art Meditation. Damien Manivel aus Frankreich spürt in «Les Enfants dIsadora» («Die Kinder von Isadora») der allgemeinen Verkümmerung der emotionalen Sprache nach, indem er auf die Kunst des Tanzes baut. Der Isländer Rúnar Rúnarsson spiegelt die Verrohung der bürgerlichen Welt in «Bergmál» («Echo») mit Szenensplittern, die deutlich von der Bildenden Kunst inspiriert wurden.

Nicht immer gehen künstlerische Originalität und Publikumsfreundlichkeit Hand in Hand. Einige der Filme muten zu rätselhaft an, um ein großes Publikum zu erreichen. Doch von diesen Filmen gehen kraftvolle Impulse aus, die das Erzählen im Kino anregen, die andere zum Abweichen vom Üblichen ermutigen.

Zu den wirkungsvollen Wettbewerbsbeiträgen gehört der deutsche Spielfilm «Das freiwillige Jahr» von Ulrich Köhler und Henner Winckler über eine komplizierte Vater-Tochter-Beziehung. Sie beeindrucken mit dem Mut zu einem provozierend-flapsigen Erzählton. Dabei aber entsprechen sie dem Wunsch vieler Zuschauer nach starken Emotionen im Kino. Sehr wirkungsvoll.

Die Jury vergibt ihre Preise am Samstagabend auf einer abendlichen Open-Air-Gala vor bis zu 8000 Zuschauern. Die Spannung ist groß, ob das Gremium, in dem die deutsche Regisseurin Valeska Grisebach («Western») mitarbeitet, eher konventionelles, massenwirksames Kino auszeichnet oder politische Klarheit und stilistische Waghalsigkeit honoriert.

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