Ermittler suchen Motiv nach Bluttat bei US-Feiertags-Parade

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Eine US-amerikanische Flagge weht am Tag nach dem Massaker in Highland Park auf halbmast. (© Ashlee Rezin/Chicago Sun-Times/AP/dpa)

Die Zahl der Todesopfer ist nach den tödlichen Schüssen bei einer Feiertags-Parade in den USA auf sieben gestiegen.

Ein Mensch starb einen Tag nach der Attacke in Folge seiner Verletzungen, wie unter anderem die Nachrichtensender CNN und ABC News unter Berufung auf die örtliche Polizei berichteten. In dem Vorort von Chicago hatte ein Schütze am Nationalfeiertag der US-Amerikaner das Feuer eröffnet. Erst Stunden nach der Tat wurde der mutmaßliche Täter gefasst.

Der Mann wird verdächtigt, mit einem «leistungsstarken Gewehr» vom Dach eines Geschäftsgebäudes aus wahllos auf eine feiernde Menschenmenge geschossen zu haben. Ereignet hatte sich die Tat in einem Vorort Chicagos im Bundesstaat Illinois. Mehrere im Internet veröffentlichte Musikvideos, die Szenen von Waffengewalt zeigen, werden dem Verdächtigen zugeschrieben.

Zahlreiche Anwohner hatten sich am Vormittag des 4. Juli, an dem der Unabhängigkeitstag der USA landesweit gefeiert wird, im Zentrum der 30.000-Einwohner-Stadt Highland Park versammelt. Sie wollten gemeinsam feiern. Doch schon kurze Zeit nach Beginn der Parade fielen die ersten Schüsse. Augenzeugen berichteten später in US-Medien, sie hätten die Geräusche zunächst für Feuerwerk gehalten. «Mir fehlen die Worte, um diese Art von Monster zu beschreiben, das auf der Lauer liegt und in eine Menge mit Familien mit Kindern schießt», schrieb der Gouverneur des Bundesstaates, Jay Robert Pritzker, auf Twitter.

Tat wochenlang geplant

Die Polizei veröffentlichte neue Informationen zu dem mutmaßlichen Todesschützen: Er habe seine Tat nach neuen Erkenntnissen wochenlang geplant. Seine Waffe habe er nach derzeitigem Kenntnisstand legal in Illinois gekauft. Um sich zu tarnen und möglicherweise unter den Flüchtenden nicht aufzufallen, habe er bei der Tat typische Frauenkleidung getragen. Hinweise darauf, dass sich der Anschlag gegen eine gewisse etwa ethnische oder religiöse Gruppe richtete, gebe es derzeit nicht. Die Polizei stellte entgegen früherer Angaben klar, dass der Mann 21 Jahre alt sei. Im September werde er 22.

Rund 30 Verletzte wurden nach Polizeiangaben nach der Tat in Krankenhäuser gebracht. Ein Arzt in einem Krankenhaus in der Nähe des Tatorts sagte, dort seien Patienten im Alter von 8 bis 85 Jahren mit Schusswunden behandelt worden, darunter mehrere Kinder. Ein Augenzeuge namens Miles Zaremski sagte dem Sender CNN, er habe mehrere Verletzte und leblose Menschen gesehen, die auf dem Boden gelegen hätten. «Es war herzzerreißend.» Er habe rund 30 Knallgeräusche gehört. Menschen seien von der Parade geflohen. «Es war einfach chaotisch.»

Mutmaßlicher Schütze anhand der Waffe identifiziert

Der mutmaßliche Todesschütze konnte Medienberichten zufolge anhand der Waffe identifiziert werden. Ermittler hätten DNA-Spuren an dem Gewehr gefunden, das der Verdächtige am Ort des Geschehens zurückgelassen habe, berichtete der US-Sender NBC News.

Ein Onkel des festgenommenen Verdächtigen sagte dem Sender CNN, er habe bei diesem keine Warnzeichen für eine solche Gewalttat erkannt. «Ich bin untröstlich. Ich habe keine Anzeichen dafür gesehen, dass er so etwas tun würde.» Er habe seinen Neffen nie gewalttätig erlebt oder ein besorgniserregendes Verhalten bei ihm gesehen. «Ich kann nichts Schlechtes über ihn sagen.» Er beschrieb den jungen Mann als zurückgezogenen Menschen: «Er ist ein ruhiges Kind. Er ist normalerweise allein. Er ist ein einsamer, ruhiger Mensch, er behält alles für sich.»

Der Verdächtige soll laut US-Medien versucht haben, sich einen Namen als Rapper zu machen. Mehrere Social-Media-Konten, von denen anzunehmen ist, dass sie dem jungen Mann zuzuordnen sind, wurden inzwischen gesperrt. In archivierten Versionen sind - anscheinend selbst gedrehte - Videos des mutmaßlichen Schützen zu sehen. Sie wurden unter einem Pseudonym veröffentlicht. Ein etwa vor einem Jahr hochgeladenes Video zeigt einen Comic, in dem mehrere Szenen von Erschießungen zu sehen sind. An einer Stelle liegt ein Schütze in einer Blutlache am Boden, umzingelt von Polizisten mit gezückten Gewehren.

Ein weiteres Video zeigt einen Mann mit bunt gefärbtem Haar und mehreren Tätowierungen, unter anderem im Gesicht. Er ist in einem Raum zu sehen, der wohl ein Klassenzimmer darstellen soll. Gegen Ende des Videos posiert er mit einem Schutzhelm und einer Art Einsatzweste vor einer Tafel. Er hält dabei eine US-Flagge hoch. Ermittler hatten ein Fahndungsfoto des Verdächtigen auf Twitter veröffentlicht.

«Ich bin in Highland Park aufgewachsen, und diese Parade ist für so viele Familien ein Höhepunkt des Jahres», schrieb die US-Schauspielerin Rachel Brosnahan («The Marvelous Mrs. Maisel») auf Twitter. In ihrer Instagram-Story teilte sie zudem Erinnerungen an ihre Jugend in Highland Park. «Ich habe nie darüber nachgedacht, dass ich dort nicht sicher sein könnte.»

Die USA haben seit langem mit einem gigantischen Ausmaß an Waffengewalt zu kämpfen. Erst Ende Mai richtete ein 18 Jahre alter Schütze an einer Grundschule in Texas ein Massaker an: Er tötete in der Kleinstadt Uvalde 19 Kinder und 2 Lehrerinnen, bevor er von der Polizei erschossen wurde. Gut eine Woche zuvor hatte ein 18-Jähriger in Buffalo im Bundesstaat New York zehn Menschen erschossen, die Ermittler gehen von einem rassistischen Motiv aus.

Landesweit mehr als 50 Tote durch Schusswaffen täglich

Die Amokläufe entfachten die Diskussion über schärfere Waffengesetze neu. In den USA sind Schusswaffen oft leicht erhältlich. Nach Angaben der Gesundheitsbehörde CDC wurden 2020 landesweit fast 20.000 Menschen erschossen - mehr als 50 pro Tag.

US-Präsident Joe Biden zeigte sich «schockiert über die sinnlose Waffengewalt, die an diesem Unabhängigkeitstag wieder einmal Trauer über eine amerikanische Gemeinde gebracht hat». In seiner Mitteilung hieß es: «Ich werde den Kampf gegen die Epidemie der Waffengewalt nicht aufgeben.» Biden und seine Demokraten fordern seit langem schärfere Waffengesetze. Weitreichende Reformen scheitern aber immer wieder am Widerstand der Republikaner im Kongress und am Einfluss der mächtigen Waffenlobby-Organisation NRA.

Im vergangenen Monat beschloss der Kongress unter dem Eindruck der Amokläufe von Texas und anderer Bluttaten parteiübergreifend ein Gesetz gegen Schusswaffengewalt, das aber weit hinter Bidens Reformvorschlägen zurückblieb. Experten werteten die Verschärfung des Waffenrechts zwar als die wichtigste seit Mitte der 1990er. Das Gesetz ist inhaltlich allerdings nur ein überparteilicher Minimalkompromiss, den Kritiker als völlig unzureichend rügen.

Das von Biden Ende vergangenen Monats unterzeichnete Gesetz sieht eine intensivere Überprüfung von Waffenkäufern vor, die jünger als 21 Jahre sind. Zudem geht es darum, Gesetze aus Bundesstaaten auszuweiten, um potenziellen Gefährdern Waffen abnehmen zu können. Illegaler Waffenhandel soll auf Bundesebene bestraft werden können. Zudem sollen Milliarden in psychische Gesundheitsvorsorge und Anti-Gewalt-Programme fließen. Auch für die Sicherheit von Schulen sind weitere Mittel vorgesehen. Das von Biden und seinen Demokraten geforderte Verbot von Sturmgewehren fehlt in dem Gesetz.

Fotostrecke: Nach Blutbad bei US-Feiertags-Parade: Verdächtiger gefasst
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