Generation Corona - Lebensgefühl der Jugend in der Pandemie

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Illustration zu Jugendlichen in der Corona-Pandemie - © Foto: Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/dpa
Kinder und Jugendliche warten mit Abstand in der Ferienanlage in der Perspektivfabrik am Beetzsee. (© Foto: Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/dpa)

Berlin - Party machen bis der Arzt kommt? Wer junge Leute in Deutschland in der Corona-Pandemie so einschätzt, liegt nach einer neuen Studie daneben.

Die große Mehrheit der Umweltprotest-erprobten «Generation Greta» zeigt sich rücksichtsvoll und lässt sie sich durch Corona kaum aus der Bahn werfen. Das belegt eine repräsentative Umfrage für die Studie «Junge Deutsche 2021», die am Donnerstag in Berlin vorgestellt wurde. Dennoch sieht bis zu einem Drittel der 14- bis 39-Jährigen die Situation negativer und blickt mit Sorge auf die eigene Zukunft.

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Jugendforscher haben pauschale Medienberichte über eine hedonistische Jugend, die in der Pandemie ohne Rücksicht auf Verluste einfach weiterfeiert, nie für voll genommen. Denn das würde großen Untersuchungen wie der Shell-Jugendstudie widersprechen, die zuletzt eine solidarische junge Gesellschaft porträtierte - allerdings mit Abstrichen. Die neue repräsentative Online-Umfrage unter 1602 Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen Mitte Oktober und Mitte November zeichnet ein ähnliches Bild.

Zwei Drittel (66 Prozent) verzichten danach zurzeit bewusst auf Partys, um Familie und Freunde zu schützen. Lediglich acht Prozent geben an, dass sie dazu auf keinen Fall bereit seien. Rund ein Viertel (26 Prozent) antwortet mit «teils teils». 73 Prozent der Befragten ist es zudem wichtig, sich an die Abstands- und Hygieneregeln zu halten und Masken zu tragen. Nur vier Prozent sagen hier «nein». Fast ein Viertel (23 Prozent) ist unentschlossen.

Dass bei der Umfrage sozial erwünschte Antworten eine Rolle spielen, hält Sozialforscher und Mitautor Klaus Hurrelmann für unwahrscheinlich. «Die Tendenzen sind belastbar», urteilt er. Lediglich die einzelnen Prozentwerte könnten durch die eher geringe Zahl der Befragten eine kleine Fehlerquote haben. Denn die rund 1600 Interviewten stehen für jeweils 5,5 Millionen junge Bundesbürger, die Sozialwissenschaftler die Generationen Y (25 bis 39 Jahre) und Z (jünger als 25 Jahre) nennen.

Auffällig ist, dass ein gutes Viertel der Befragten beim Thema Rücksichtnahme nicht unbedingt mitmachen möchte. Diese Gruppe lässt sich für die Forscher noch genauer fassen: Es sind mehrheitlich junge Männer - rund ein Drittel im Vergleich zu einem Fünftel junger Frauen. Sie haben oft ein eher niedriges Bildungsniveau, leben eher in Klein- als in Großstädten und kommen häufig aus schwierigen Familienverhältnissen. Durch die Corona-Krise sehen sie sich noch weiter abgehängt als vorher - in der Schule, im Beruf, finanziell und mit Blick auf ihre Perspektiven.

Für Forscher Hurrelmann sind diese Umfrage-Ergebnisse fast deckungsgleich mit jenen aus großen deutschen Jugendstudien: «Ungefähr drei Viertel der jungen Leute fühlen sich in unserer Gesellschaft wohl und spielen gern bei ihren Regeln mit.» Doch 20 bis 25 Prozent hätten damit Schwierigkeiten. Und: «Junge Männer tun sich mit Selbstdisziplinierung schwerer als junge Frauen. Bei Corona spitzt sich das sichtbar zu.»

Die aktuelle Umfrage zeigt auf der einen Seite eine flexible und anpassungsfähige junge Generation, die Homeschooling oder Homeoffice mehrheitlich meistert. Ein gutes Fünftel fühlt sich mit den neuen Herausforderungen sogar wohler als vorher. Das hat die Forscher überrascht. «Hut ab, dass eine so große Gruppe das so aushält», sagt Hurrelmann.

Es passe aber ins Bild. «Viele junge Leute sind heute Krisen-Diagnostiker. Sie nehmen mit dem Klimawandel bereits eine kritische und schwierige Zeit wahr, in der man sich diszipliniert verhalten muss.» Deswegen habe die Corona-Krise einen großen Teil von ihnen auch nicht total überrascht und aus den Gewohnheiten gekippt. «Das ist eine junge Generation, die weiß, dass sie sich auf nichts dauerhaft verlassen kann. Das ist mit eingepreist in ihr Lebenskonzept.» Ein großer Teil traut dabei gleichzeitig den Abfederungen des Sozialstaats. Religiös gebundene junge Leute zeigten sich dazu optimistischer als andere.

Dennoch zeigt die Umfrage auch, dass fast ein Drittel der jungen Menschen mit Sorge auf die eigene Zukunft blickt. Häufig sind es junge Männer, die wissen, dass sie mit der Mehrheit der gebildeten und weltoffenen Jugendlichen kaum mithalten können. Weil sie den Mittleren Schulabschluss nicht schaffen, das Abi schon gar nicht. Weil die Familie ihnen selten den Rücken stärkt. Nationalistische und autoritäre Positionen können dann einen ganz anderen Reiz bekommen. Corona verstärkt ihre Sorgen. «Im Grunde wird diese Gruppe jetzt noch einmal weiter weggedrückt von der Mehrheit, weil sich ihre Perspektiven verschlechtern», sagt Hurrelmann. «Die Generation Corona - das sind sie.»

Nur gefühlt ist diese Benachteiligung oft nicht. Forscher gehen vor allem davon aus, dass die jüngere Generation Z, die noch in der Ausbildung ist, den Fuß durch die Corona-Krise schwerer in die Tür bekommen wird. Die Konjunktur wird kaum anziehen. Mehr als ein Drittel der Jüngeren gibt bereits jetzt an, dass sich ihre schulische oder berufliche Situation verschlechtert hat (37 Prozent). Bei den Älteren ist es ein Viertel.

© dpa-infocom, dpa:201126-99-472352/2

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