Deutsch-Türken stimmen bei Stichwahl überwiegend für Erdogan

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Einsatzkräfte der Polizei begleiten Anhänger des türkischen Präsidenten Erdogan im Duisburger Norden. - © Christoph Reichwein/dpa
Einsatzkräfte der Polizei begleiten Anhänger des türkischen Präsidenten Erdogan im Duisburger Norden. (© Christoph Reichwein/dpa)

Bei der Stichwahl um das türkische Präsidentenamt hat eine deutliche Mehrheit der Wahlberechtigten in Deutschland für Recep Tayyip Erdogan gestimmt. Beim Stand von rund 95 Prozent der ausgezählten Wahlurnen aus Deutschland kam der Amtsinhaber bei dieser Gruppe auf 67,4 Prozent der Stimmen, wie aus Zahlen der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu am Abend hervorging. Offizielle Zahlen der Wahlbehörde zum Ergebnis der Stichwahl in Deutschland lagen zunächst noch nicht vor.

Zuvor hatte sich Erdogan zum Wahlsieger erklärt - noch vor Ende der Stimmauszählung. Die Wahlbehörde teilte nach Auszählung von 99,43 Prozent der Stimmen schließlich mit, dass Erdogan 52,14 Prozent und Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu 47,86 Prozent der Stimmen erhalten habe.

Erdogan schnitt bei den Wählerinnen und Wählern in Deutschland somit erneut deutlich besser ab als insgesamt. Im ersten Wahlgang vor zwei Wochen hatte er bei den Deutsch-Türken 65,5 Prozent der Stimmen bekommen. Bei der Wahl 2018 waren es 64,8 Prozent gewesen.

Anhänger des türkischen Präsidenten Erdogan fahren in einem Autokorso mit türkischen Fahnen jubelnd durch den Duisburger Norden. - © Christoph Reichwein/dpa
Anhänger des türkischen Präsidenten Erdogan fahren in einem Autokorso mit türkischen Fahnen jubelnd durch den Duisburger Norden. (© Christoph Reichwein/dpa)

Gökay Sofuoglu, der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, sagte, es sei ein hoch emotionalisierter Wahlkampf von beiden Seiten gewesen. «Und man weiß: Wenn es um Emotionen geht, kann eigentlich niemand gegen Erdogan gewinnen.»

Vielfältige Gründe für Erdogans Erfolg in Deutschland

Dass Erdogan bei den Wahlberechtigten in Deutschland so gut ankommt, hat laut Yunus Ulusoy vom Zentrum für Türkeistudien in Essen vielfältige Gründe: Zum einen kommen viele Menschen, die im Zuge der Arbeitsmigration in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts nach Deutschland kamen, aus dem anatolischen Kernland. Dort herrschten konservativ-religiöse Lebensstile vor - die Wertvorstellungen seien an die nächsten Generationen weitergegeben worden, sagte Ulusoy.

Gerade bei der jüngeren Generation, die eigentlich komplett in Deutschland sozialisiert worden sei, gebe es zudem mitunter eine Trotzhaltung. Es seien teils verletzende Erfahrungen gemacht worden, dass Türke oder Moslem zu sein in Deutschland keine große Wertigkeit hätten, sagte Ulusoy. «Und dann kommt ein Präsident, der ihnen das Gefühl gibt, diese Wertigkeit anzuerkennen, ihre Zugehörigkeit zur Türkei zu betonen und nicht zuletzt auch ihre Emotionen, ihre Herzen anzusprechen. Und das gelingt Erdogan sehr, sehr gut.»

Zudem verfüge Erdogan über eine schlagkräftige Organisationsstruktur in Deutschland, sagte er. «Die konservativen Milieus sind in Deutschland gut organisiert.» In vielen Haushalten dominieren zudem türkische Medien - von denen ein Großteil von der Regierung kontrolliert wird. Bei den Wahlen in Deutschland habe er aber nichts mitbekommen, was bemerkbar unfair gewesen wäre, sagte Ulusoy. In den Wahllokalen sei die Oppositionspartei CHP überall vertreten gewesen. Es sei eine sehr friedliche Wahl gewesen, wenn man bedenke, wie politisch gespalten die türkische Gesellschaft sei.

Sofuoglu: Deutsche Politik gefragt

Sofuoglu von der Türkischen Gemeinde in Deutschland sagte, was die Türkeipolitik angehe, gebe es eine gespaltene Situation in Deutschland. Jetzt freue er sich darauf, dass man sich wieder stärker auf Themen in Deutschland konzentrieren könne. «Wir haben hier sehr viele Themen, die wir gemeinsam angehen müssen, die uns alle betreffen», sagte er. Er verwies etwa auf den 30. Jahrestag des rassistischen Brandanschlags von Solingen am heutigen Montag.

Außerdem gelte es zu analysieren, warum Türkeistämmige in Deutschland vermehrt Erdogan wählten, sagte Sofuoglu. Hier sei aber auch die deutsche Politik gefragt: «Wenn die Menschen so politikinteressiert sind - warum kann man sie dann nicht gewinnen für die politische Auseinandersetzung in Deutschland?», sagte er.

Autokorsos und Jubel in Duisburg

Am Abend gingen in Duisburg zahlreiche Unterstützer Erdogans auf die Straßen. Im Norden der Stadt - wo viele türkischstämmige Menschen leben - waren laut Polizei mehrere Hundert Fahrzeuge und mehrere Hundert Personen zu Fuß unterwegs. Bis auf vereinzeltes Zünden von Pyrotechnik blieb es laut einem Polizeisprecher friedlich. Ein auf Twitter veröffentlichtes Video zeigte einen Autokorso in München. In Essen gab es laut der Polizei eine kleinere Demonstration vor dem dortigen Generalkonsulat.

Auch in Berlin wurde bereits der voraussichtliche Sieg des amtierenden Präsidenten gefeiert. Rund um das Kottbusser Tor gab es am Abend vereinzelte kleinere Autokorsos von Unterstützern. In Kneipen der Stadt wurden innerhalb der türkischen Gemeinschaft kontrovers diskutiert. «Wir sind nicht glücklich», sagten die Türkinnen Cansa und Billur (beide 30) in einer Kneipe am Kottbusser Tor. Die 46-jährige Berna zeigte sich überzeugt, dass der absehbare Sieg Erdogans die türkische Gemeinschaft in der Hauptstadt weiter spalten wird. «Die Fronten sind sehr verhärtet», sagte sie am Sonntagabend der Deutschen Presse-Agentur.

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