15-Jährige wird plötzlich blind

Ärzte haben keine Erklärung

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Keine Sicht mehr: Wie die Frau auf diesem Themenbild lebt auch die 15-jährige Sophie plötzlich in Dunkelheit.  - © dpa
Keine Sicht mehr: Wie die Frau auf diesem Themenbild lebt auch die 15-jährige Sophie plötzlich in Dunkelheit.  (© dpa)

Löhne. Es ist ein Novembertag wie viele andere, aber an diesem Vormittag vor fünf Monaten wird Sophie schwindelig. Im Sanitätsraum ihrer Schule legt sie sich auf eine Bank. Es ist kurz vor 10 Uhr. Nach einer kurzen Pause will sie aufstehen, doch ihr wird schwarz vor Augen. "Das Bild war weg", sagt sie. Und es ist bis heute nicht zurück gekommen.

Die Teenagerin lebt seit dem 11. November ohne Bilder. Nach dem sie lange davon und von den vielen Untersuchungen durch Ärzte gesprochen hat, hakt sie sich bei ihrem Vater unter und lässt sich zum Auto führen. Es geht zurück nach Hause. Essen kochen. "Das kann ich gut", sagt sie. Sophie hat gelernt, Kartoffeln mit dem Messer zu teilen, ohne die Knollen zu sehen. "Und für alles andere gibt es Maschinen", sagt sie und lacht.

Sophie heißt eigentlich anders. Sie ist wirklich ein fröhliches Mädchen. Sie hat die Fähigkeit zum Sehen verloren, nicht aber ihren Humor und den manchmal wirklich beißenden Spott über ihre Erlebnisse in Krankenhäusern und Arztpraxen. Sophie kann nichts mehr sehen, aber sie merkt ganz genau, dass die Ärzte ebenso im Dunklen tappen.

Sofort zum Augenarzt
Am Tag, als ihr schwarz vor Augen wurde, haben ihre Eltern sie sofort aus der Schule geholt und zum Augenarzt gefahren. Der untersuchte ihre Netzhaut, die Reflexe und ihr Gesichtsfeld und wusste keinen Rat. Er überwies die junge Löhnerin an eine Augenklinik. Doch auch dort kam keine Diagnose zustande. Entweder, hieß es, gäbe es eine neurologische oder eine psychosomatische Ursache für die Blindheit. Entweder spielen die Nerven verrückt oder die Seele. Die Nerven sind es wohl nicht.

Dreimal wurde Sophie in der Zwischenzeit in Krankenhäusern und von einem Spezialisten auf Schäden am Sehnerv und dem zentralen Nervensystem untersucht. Ärzte haben Proben von der Nervenflüssigkeit genommen, um auszuschließen, dass ein Virus, ein Pilz oder ein Bakterium für das plötzliche Nichtsehen verantwortlich ist.

Dann übernahmen die Seelenärzte. Es kann ja sein, dass ein Gehirngespinst die Macht in Sophies Kopf übernommen hat. In der Pubertät ist alles möglich, das haben viele Ärzte Sophies Eltern bestätigt. Und wenn das Gehirn befiehlt, nichts mehr zu sehen, dann sieht man eben nichts mehr.

Rat einer Kinderpsychologin
Eine Kinderpsychologin rät den Eltern und ihrer Tochter, eine jugendpsychiatrische Tagesklinik aufzusuchen. Nach einer Woche ist Sophie wieder zuhause. Die Klinik hat sie weggeschickt. Ohne Diagnose.

Bis heute warten die Eltern auf ein Abschlussgespräch mit den Ärzten. Doch auch das, glauben die beiden, wird nichts bringen. Sie sind zunehmend verzweifelt, weil kein Arzt es schafft, seinen Befund aufs Papier zu bringen.

Ohne Diagnose jedoch geht nichts voran. Sophie kann kein Blindengeld bekommen, keinen Förderunterricht für Blinde besuchen, geschweige denn eine Blindenschule. Lehrmaterialien für die Blindenschrift haben die Eltern inzwischen auf eigene Rechnung gekauft. Sophie hat eifrig gebüffelt. "Ich habe ja sonst nichts zu tun."

Seit dem 11. November geht sie nicht mehr zur Schule. Das ist ein Problem. Jeden Tag treffen sich alle Freundinnen und Freunde, außerdem hat Sophie große Pläne, will Jura studieren. Doch dazu müsste sie erst einmal ihre Mittlere Reife machen und dann auf eine Blindenschule, die Abitur anbietet. Da kommt aber nur hin, siehe oben, wer eine Diagnose hat.

Damit sie nicht den ganzen Tag zuhause herumsitzt und sich langweilt, hat der Lions-Club Sophie ein Tandem zur Verfügung gestellt. Damit radelt sie mit ihrer Mutter durch die Stadt. "Ich sitze natürlich hinten", erzählt Sophie und lacht wieder. "Eigentlich bin ich ja kerngesund, ich bin halt nur blind."

Anfang Mai hat Sophie einen weiteren Arzttermin. Ein Universitätsklinikum wird sich des Falls annehmen. Dann gehen die Untersuchungen wieder von vorn los. Die Familie hofft weiter - wenigstens auf eine Diagnose.

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