Fall Jenisa: Vater bewirft Angeklagten mit Flasche

Mörder des kleinen Dano wegen Mordverdachts im Fall Jenisa vor Gericht

Jobst Lüdeking und Christian Lund

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Der Angeklagte Ibrahim B. kommt mit Handfesseln ins Landgericht. Der 44-Jährige soll 2007 die achtjährige Jenisa aus Hannover getötet haben. - © DPA
Der Angeklagte Ibrahim B. kommt mit Handfesseln ins Landgericht. Der 44-Jährige soll 2007 die achtjährige Jenisa aus Hannover getötet haben. (© DPA)

Herford/Hannover. Die 13. Große Strafkammer des Landgerichts Hannover. Hier hat am Dienstagmorgen um 9 Uhr der zweite Mordprozess gegen Ibrahim B. aus Herford begonnen. Er ist der Mann der im März 2014 den fünfjährigen Dano umbrachte. B. soll nicht nur den kleinen Jungen sondern im Herbst vor acht Jahren die achtjährige Schülerin Jenisa M. ermordet haben.

Eigentlich sollten am Mittwoch zwei Mithäftlinge des Angeklagten aussagen. Doch einer der Hauptbelastungszeugen tauchte nicht auf. Die Verhandlung musste deshalb am Morgen unterbrochen werden. Ab 13 Uhr sagte ein anderer Zeuge aus und belastete Ibrahim B. schwer. Der Angeklagte habe von "Vergewaltigung und Mord" erzählt, sagte der Mann aus. Ibrahim B. sei habe berichtet, er sei Tage nach der Tat noch einmal im Umfeld des Leichenverstecks unterwegs gewesen, um sicherzugehen, dass Jenisa noch nicht gefunden worden sei.

Derweil wurde bekannt, dass der Vater des ermordeten Mädchens den Angeklagten im Gerichtssaal mit einer Flasche beworfen und beschimpft hat. Nach dem Vorfall nach Verhandlungsende am Vortag drohte der Vorsitzende Richter Wolfgang Rosenbusch am Mittwoch, bei erneuten Übergriffen oder Störungen des Prozesses könne auch gegen Angehörige des toten Mädchens eine Ordnungshaft verhängt werden.

Die halbvolle Wasserflasche hatte den 44 Jahre alten Angeklagten an der Schulter getroffen. Der Richter sagte, er wolle das Verhalten des leidgeprüften Vaters einmal ohne Konsequenzen lassen. Wie der Nebenklageanwalt der Eltern erklärte, habe der Angeklagte den Vater angegrinst, so dass dieser die Fassung verloren habe.

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Chronik der Ereignisse

Die Verhandlung am Landgericht Hannover hatte gerade erst begonnen, da wurde sie auch schon wieder unterbrochen, weil B.s Strafverteidigerin Christina Peterhanwahr einen Antrag gestellt hat. Ihrer Ansicht nach ist das Verfahren gegen ihren Mandanten bereits durch die Entscheidungen des LG Hannover und des OLG Celle aus dem Jahr 2010 abgeschlossen.

Die Staatsanwaltschaft Hannover hatte B. damals bereits angeklagt, doch das LG Hannover entschied, es gebe keinen hinreichenden Tatverdacht. Gegen diese Entscheidung ging die Staatsanwaltschaft vor, aber das OLG Celle entschied die Sache genauso.

Nach dem Antrag der Strafverteidigerin zog sich das Gericht zur Beratung zurück. Peterhanwahr erklärte in einem Gespräch mit der Neuen Westfälischen, ihr Mandant werde keine Angaben zur Tat machen.

Die Mutter der getöteten Jenisa M. war kurz nach Beginn der Verhandlung zusammengebrochen. Sie befand sich zunächst in ärztlicher Behandlung und wurde dann mit einem Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht.

Gegen 10.15 Uhr ging der Prozess dann weiter. Peterhanwahrs Antrag wurde von der Staatsanwaltschaft abgelehnt, das Gericht entschied den Antrag vorerst nicht, erklärte aber, ihn im Hinterkopf zu behalten.

Einer der wichtigen Punkte des neuen Verfahrens: die Aussagen von zwei Mitgefangenen von B. aus der Untersuchungshaft in Bielefeld. Ihnen gegenüber soll er den Mord gestanden haben. „Das Landgericht Bielefeld hat den beiden Zeugen in weiten Teilen nicht geglaubt“, hat Peterhanwahr bereits festgestellt. Just die Aussagen der Mitgefangenen hatte aber dazu geführt, dass die niedersächsischen Ermittler die Leiche des vermissten Mädchens in einem Wald bei Wunstorf entdeckten.

Sieben Jahre Ungewissheit über das Schicksal der Tochter hat Jenisas Eltern geprägt. „Sie sind in psychiatrischer Behandlung. Auch die Geschwister Jenisas leiden“, sagt Rechtsanwalt Benjamin Schmidt, der die Familie als Nebenkläger gegen Ibrahim B. vertritt. Bis zum Fund der Leiche hatte es widersprüchliche Informationen gegeben. Wie Meldungen, dass Jenisa noch lebe, aber bei einer anderen Familie untergebracht sei.

Nach dem Fund der Leiche, so Schmidt, sei es den Eltern sehr schlecht gegangen. „Wir wollen eine Verurteilung wegen Mordes und die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld erreichen“, beschreibt Rechtsanwalt Schmidt das Ziel der Nebenklage. Damit würde Ibrahim B., dessen Gefährlichkeit feststehe, nie wieder freikommen.

In der Hierarchie ganz unten

Derzeit sitzt der 44-Jährige in Einzelhaft. Kindermörder stehen in der Hierarchie der Gefängnisse am untersten Ende und werden entsprechen grob von Mitgefangenen behandelt.

Rechtsanwalt Schmidt hinterfragt aber auch die früheren Ermittlungen des Jahres 2007 direkt nach Jenisas Verschwinden. „Ein großer Teil dieser Beweise war bereits damals schon bekannt“, stellt er fest. Es müsse deshalb auch die Frage gestellt werden, warum nicht schon viel eher reagiert wurde.

In der Verhandlung dreht sich alles um die Frage: Warum musste Jenisa sterben? Nach Angaben der ehemaligen Mithäftlinge ging es um einen Streit zwischen B. und Jenisas Familie. Die Familie habe Brautgeld für B.s Lebensgefährtin, die Schwester von Jenisas Vater, gefordert.

Dem widerspricht Juliano Muja. Es sei nie um Brautgeld gegangen. "Ich hätte ihn schon gern gehabt, wenn er einer von uns gewesen wäre. Es war aber offensichtlich, dass er uns nicht mochte, weil wir Roma sind", skizziert er vor Gericht sein Verhältnis zu "Ibo", wie Ibrahim B. innerhalb der Familie genannt wurde. Er habe sich gar nicht vorstellen können, dass B. seine Tochter umgebracht habe - erst später sei ihm etwa aufgefallen, dass B. ihm am Tatnachmittag frisch geduscht, in neuer Kleidung, aber mit hochrotem Kopf die Wohnungstür geöffnet habe. B. habe auch noch am Abend mit nach Jenisa gesucht.

Die Familie leidet

Mit der Festnahme und der Untersuchungshaft verhärtete sich der Mordverdacht gegen B. bei seinem Schwager. Der Verdacht blieb auch, als B. aus Mangel an Beweisen freigelassen werden musste. "Als ich das in Herford mit Dano hörte, habe ich dort sofort bei der Polizei angerufen", erzählt der Familienvater am Rande des Prozesses. Er und seine Familie litten nach wie vor. "Meine Frau, meine Kinder und ich sind in psychiatrischer Behandlung." Das Ziel der Familie formuliert Anwalt Benjamin Schmidt: lebenslängliche Haft und Feststellung der besonderen Schwere der Schuld. So dass Ibrahim B. nie mehr freikommt.

Am ersten Prozesstag am Landgericht Hannover hat sich der Angeklagte Ibrahim B. nicht geäußert. "Mein Mandant wird weder Angaben zur Person noch zur Sache machen", erklärte Strafverteidigerin Christina Peterhanwahr. Schräg gegenüber saßen Jenisas Eltern als Nebenkläger mit ihren Anwälten. Sie wollen Antworten und Gewissheit, wie ihr Kind am 7. September 2007 starb. "Mord und Vergewaltigung" der Achtjährigen wirft Staatsanwalt Sebastian Römer dem 44-jährigen B. vor. Die Tat soll in dem Wald geschehen sein, wo sieben Jahre später auch die Leiche des Kindes gefunden wurde.

Die Details der Anklage waren für Mutter Like Muja schließlich zu viel. In der Prozesspause vier Minuten nach der Verlesung bricht die 38-Jährige zusammen, wird von Sanitätern ins Krankenhaus gebracht. Die Anklage der Hannoveraner Staatsanwaltschaft - die B. schon im Herbst 2007 für den Täter hielt, es ihm aber nicht nachweisen konnte - stützt sich vorwiegend auf die Angaben von zwei Mitgefangenen. Die hatten sich nach eigenen Angaben das Vertrauen von Ibrahim B. während dessen Untersuchungshaft im Fall Dano erschlichen. Sie wollen von ihm durch einen Trick ein detailliertes Geständnis samt Ablageort der Leiche erhalten haben - das sie an die Justiz weitergaben.

Und genau hier sowie in einem zweiten Punkt sieht Verteidigerin Peterhanwahr massive juristische Probleme. Sie beantragte deshalb schon bei Prozessbeginn die "Einstellung des Verfahrens". Weil frühere Ermittlungen und eine Anklage wegen Kindesentziehung gegen den Angeklagten im Jahr 2012 eingestellt wurden, könne die Justiz nicht erneut gegen ihren Mandanten vorgehen, folgerte die Verteidigerin. Darüber hinaus seien die angeblichen Erkenntnisse der Mithäftlinge, die B. schwer belasten und in die Anklage einflossen, unter Verstoß gegen Verfahrensvorschriften erlangt worden. Dem Antrag folgte das Gericht nicht, gleichwohl, so der Vorsitzende Richter Wolfgang Rosenbusch, werde man die Punkte "im Hinterkopf behalten".

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