Eltern schicken ihre Kinder krank in die Kita

Anneke Quasdorf

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Falsch in der Kita: Kranke, fiebernde Kinder sind am besten zuhause aufgehoben. - © dpa
Falsch in der Kita: Kranke, fiebernde Kinder sind am besten zuhause aufgehoben. (© dpa)

Bielefeld/Paderborn. Im ersten Kitajahr fehlt ein Kleinkind ein Drittel der Zeit wegen Krankheit. Das ist die nüchterne Rechnung der Kinderärzte. Weil die 10 Kinderkrankheitstage, die gesetzlich Versicherten zustehen, dafür aber längst nicht ausreichen, landen Kinder, die ansteckend sind, trotzdem in der Kita. Das schafft massenhaft Konflikte zwischen allen Beteiligten. Und bringt die Kitas jedes Jahr aufs Neue an ihre Grenzen.

„Die Kinder werden oft zu krank gebracht", sagt Annette John, Leiterin der Kita Spatzennest in Bielefeld. Eine Beobachtung, die ihre Kolleginnen Karin-Weber Brehm, Leiterin der Kita Windspiel in Bethel, und Ursula Wesseler, Leiterin der Kita Potzblitz in Paderborn, teilen. Der Grund: Die Sorge der Eltern um den Job. „Die Kinder sind ständig krank, das zieht sich über Wochen und Wochen", so Wesseler. „Da ist eine große Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren – und keine Zeit, das Kind in Ruhe auskurieren zu lassen."

Information

Hygieneplan

Der Hygieneplan des Landeszentrum Gesundheit NRW für Kitas beinhaltet unter anderem Vorgaben zum Lüften, zur Flächenreinigung, zur Händehygiene und zu Meldepflicht und Sofortmaßnahmen für Krankheitsfälle.

Dieser Umstand ist ein Grund, warum das ohnehin problematische Virenkarussell in Kitas in Herbst und Winter nicht aufhört, sich zu drehen, Krankheiten wochenlang immer wieder auftreten und irgendwann auch das Personal ausfällt. Grippe, Magen-Darm, Hand-Mund-Fuß, die Liste der nicht meldepflichtigen Infekte ist lang. Gegensteuern können die Kitas kaum. „Dass die ganz Kleinen krank werden, lässt sich nicht vermeiden", sagt die Leiterin des Gesundheitsamtes des Kreises Herford und Kinderärztin Marie-Luise Kluger. „Das erste Jahr im Kindergarten ist ein Trainingscamp für die Abwehr. Das ist notwendig und lässt sich auch mit strengen Hygieneplänen nicht verhindern."

Kinderärztin Gabriele Trost-Brinkhues, Vorsitzende des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte Deutschland, weiß aber auch: „Oft hilft nur: Klare Kante von Seiten der Kita. Ich habe Kindergärten erlebt, die über zwei Jahre mit Läusen zu kämpfen hatten. Weil es viele Eltern überhaupt nicht interessiert hat, sich an die Vorschriften zu halten. Da müssen Erzieher konsequent sein." Klare Kante heißt: Kinder, die Fieber haben, werden nicht angenommen.

Und müssen 24 Stunden fieberfrei sein, bis sie wiederkommen dürfen. Doch auch dieses Gebot wird unterwandert, wissen die Kita-Leiterinnen Wesseler und Weber-Brehm. „Dann kriegen die Kinder halt Fiebersaft. Dann sind die fit, wenn sie zu uns kommen. Und wir merken erst hinterher, dass sie noch krank sind." Wesseler, die seit über 30 Jahren in der Erziehung arbeitet, ist froh, wenn es bei Ibuprofen und Paracetamol bleibt: „Ich habe schon Kinder in die Schule entlassen, die durch ständige Antibiotika-Behandlung völlige Wracks waren."

Kommentar: Bedürftigkeit statt Betreuung

von Anneke Quasdorf

Es sind Schilderungen, die unweigerlich bestürzen: Eltern geben ihr krankes Kind aus Existenzangst lieber ab, als dem Arbeitgeber ihren erneuten Ausfall erklären zu müssen. Schlappe, mit Medikamenten fit geputschte Kinder müssen sich durch anstrengende Kita-Tage schleppen und bekommen keine Zeit zur Erholung zugebilligt.

Am besorgniserregendsten aber ist der Tenor der Erzieher in den Interviews und Gesprächen. Jene, die es am besten wissen müssen, sagen ganz klar: Wir werden den Kindern nicht gerecht. Wir können es gar nicht. Es fehlt an Zeit und an Personal.

Das beginnt schon bei den gesunden Kindern. Die bitte gesund bleiben sollen. Täglich raus, täglich frische Luft ist eine der wichtigsten Maßgaben der Kinderärzte zur Abhärtung des Immunsystems. In vielen Kitas ist das gar nicht möglich. Weil niemand es schafft, jeden Tag 80 Kinder anzuziehen und nach dem Toben auf dem Freigelände wieder auszuziehen.

Kranke Kinder in der Kita, das ist ein weiteres Beispiel das zeigt: Der Nachwuchs in Deutschland muss funktionieren. Damit Mama und Papa funktionieren können. Alles dreht sich um Betreuung, niemand aber spricht von Bedürftigkeit.

Es kann in unserer Gesellschaft keinen Weg zurück geben zur klassischen Rollenverteilung. Es ist richtig und wichtig, dass Frauen sich verwirklichen und absichern. Ohnehin ist es in den meisten Fällen nötig, dass zwei Ernährer den Familienunterhalt verdienen.

Also müssen wir vorwärtsgehen. Zu fantasievolleren, wertschätzenderen, flexibleren Arbeitsmodellen.

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