„Die Gefahr eines Atomkriegs ist aktueller denn je“

Friderieke Schulz

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In Sorge: Angelika Claußen hofft auf ein Umdenken der Bundesregierung. - © Andreas Fruecht
In Sorge: Angelika Claußen hofft auf ein Umdenken der Bundesregierung. (© Andreas Fruecht)

Bielefeld. Die Bielefelderin Angelika Claußen vom Verein „Internationale Ärzte zur Verhütung des Atomkriegs" über den Hiroshima-Angriff und das Vermächtnis der Opfer.

Frau Claußen, viele Menschen glauben, dass das Thema Atomwaffen keine Rolle mehr spielt. Warum sind Sie noch immer aktiv?

Information
Zur Person
Angelika Claußen (66) ist Ärztin für Psychiatrie und Psychotherapie in Bielefeld. Über die Friedensbewegung, die sich gegen Atomenergie engagiert, kam Claußen zum Verein „Internationale Ärzte zur Verhütung des Atomkriegs".

Angelika Claußen: Die weltpolitische Lage wird chaotischer, Autoritäten werden zunehmend infrage gestellt. Wenn Staaten wie Russland oder die USA jederzeit 1.200 Atomwaffen auf der höchsten Alarmstufe stehen haben, sollte man Angst haben. Das 
Thema ist also aktueller denn je. Wir führen das Vermächtnis der Hiroshima-Überlebenden weiter. Sie wollen, dass es nie wieder zu dem Abwurf einer Atombombe kommt. Am 7. Juli haben 122 UN-Staaten beschlossen, es zur Wirklichkeit werden zu lassen.

Ist es nicht etwas spät, dies erst 72 Jahre später verbindlich festzuhalten?

Claußen: Ja, das ist es. Die Atomwaffenstaaten wollen das natürlich gar nicht und haben sich vehement gewehrt. Und die Zahl der Atomstaaten wächst zunehmend.

Wo verorten Sie diese Tendenzen?

Claußen: Insbesondere im Nahen Osten. Man muss die Pläne in Saudi-Arabien, Katar und der Türkei einordnen. Sie wollen Atomenergie und Atomtechnologie haben, damit sie Waffen selber produzieren können. Das wird nicht offen gesagt, aber es ist so.

Woran machen Sie das fest?

Claußen: Es war bisher immer so. Die Atomkraft ist der Schlüsselweg zur Atombombe. Darüber eignet man sich die Technologie an.

Welche Rolle spielt Deutschland dabei?

Claußen: Zwar eine Passive, aber keine Unerhebliche. Die Urananreicherungsanlage in Gronau hat zum Beispiel einen pakistanischen Atomwaffentechniker ausgebildet. Er hat unter anderem dafür gesorgt, dass Pakistan die Atomwaffe entwickeln konnte.

Also liefert Deutschland das Wissen?

Claußen: Indirekt schon. Viel brisanter und aktueller ist jedoch, dass wir angereichertes Uran unter anderem in die USA liefern. Und zwar an einen Atomreaktor, der auch waffenfähiges Tritium erzeugt. Das braucht man für die Herstellung einer Atomwaffe.

Ist das erlaubt?

Claußen: Seit 2005 gibt es ein Gutachten, dass Urenco (so heißt die Anlage in Gronau, Anm. der Redaktion) nur dorthin exportieren darf, wo das Uran für Energie und nicht zur Waffenproduktion verwendet wird. Also ist es nicht erlaubt. Deutschland ist sogar eines der Gremien, die die Einhaltung kontrollieren.

Und warum setzt sich die Regierung darüber hinweg?

Claußen: Es gab eine Anfrage der Linken an die Bundesregierung. Die Antwort: Es ist alles geheim, dürfen wir nicht sagen, wir wissen nichts drüber. Die wirtschaftlichen Interessen überwiegen.

Wie wollen Sie die Bundesregierung dann von einer Unterzeichnung des Schutzvertrages überzeugen?

Claußen: Die Regierung ist traditionell für Frieden und Abrüstung und hat sich dafür eingesetzt. Aber Deutschland ist auch NATO-Staat und lagert im Rahmen der nuklearen Teilhabe 20 US-Atomwaffen in Büchel. 2010 gab es einen Beschluss, der besagt, dass diese Waffen an die USA zurückgegeben werden sollten. Aber die Bundesregierung wollte es trotz mehrheitlichem Dafür nicht tun.

Wie wollen Sie es nun durchsetzen?

Claußen: Wir müssen den Druck erhöhen. Wir wenden uns zur Wahl an die Bundestagesabgeordneten und fordern Aussagen. Zudem liegt der Atomwaffenverbotsvertrag ab dem 20. September zur Unterschrift. Nach drei Monaten müssen 50 Staaten unterschrieben haben und dann ist es Völkerrecht. Das heißt, dass die Bundesregierung dagegen verstößt, wenn sie weiter Atomwaffen lagert.

Gedenken in OWL

Am Sonntag und Mittwoch jähren sich die Atomwaffenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki zum 72. Mal. Auch in Ostwestfalen-Lippe wird der Opfer gedacht. Am Samstag startet eine einwöchige Fahrradtour auf dem Bahnhofsvorplatz in Köln. Ziele sind der Luftwaffenstützpunkt Nörvenich oder das US-Waffendepot in Dülmen. Ende der Fahrt ist das Hauptquartier der britischen Armee in Bielefeld. In Herford findet am Samstag, 12. August, um 10 Uhr eine Gedenkveranstaltung am Alten Markt statt.

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