Tierschützer werfen Landwirten in OWL Quälerei vor

Carolin Nieder-Entgeltmeier

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Entzündete Augen: Der Verein Tierretter hat uns dieses und noch weitere weitaus schlimmere Bilde zugespielt, auf den Schweine mit deutlich schwereren Verletzungen zu sehen sind. Diese Aufnahme soll in einem  Betrieb im Kreis Höxter entstanden sein. - © tierretter.de
Entzündete Augen: Der Verein Tierretter hat uns dieses und noch weitere weitaus schlimmere Bilde zugespielt, auf den Schweine mit deutlich schwereren Verletzungen zu sehen sind. Diese Aufnahme soll in einem  Betrieb im Kreis Höxter entstanden sein. (© tierretter.de)
Paderborn/Münster. Die Vorwürfe wiegen schwer: In sechs Zulieferbetrieben von Westfleisch in den Kreisen Paderborn, Höxter, Minden-Lübbecke und Warendorf sowie im hessischen Kreis Waldeck-Frankenberg soll es in der Schweinemast massive tierschutzrechtliche Verstöße geben.

Der Verein Tierretter dokumentiert auf Fotos und Videos schwere Verletzungen, sterbende Schweine und Ferkel, überfüllte Krankenbuchten, Missbildungen, Überschreitungen der Ammoniak-Grenzwert- und fehlende Trinkwasserversorgung. Gestern hat der Verein Anzeige bei den Veterinärämtern gestellt.

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    Die Aufnahmen des Vereins "Tierretter" sind am
    Montagabend auch Bestandteil des ARD-Markenchecks "Haribo" gewesen, da
    offenbar auch tierische Gelatine für Fruchtgummis aus den Betrieben
    stammen soll. Den Markencheck finden Sie hier.

Die Veterinärdienste in OWL bestätigen die Anzeigen des Vereins Tierretter aus Münster. Die Aufnahmen stammen aus den Monaten August und September. Die Kreisveterinärämter in Paderborn, Höxter und Minden-Lübbecke sind den Hinweisen nachgegangen und haben die Mastanlagen überprüft.

Die Kreise Minden-Lübbecke und Höxter konnten noch keine Angaben über die Ergebnisse der Überprüfungen der zwei Betriebe machen. Im Kreis Paderborn richten sich die Vorwürfe gegen zwei Betriebe. „Im ersten überprüften Betrieb haben wir keine so spektakulären Zustände vorgefunden, die sofortige Maßnahmen erfordern. Wir prüfen jetzt die weitere Vorgehensweise, also ob wir ein Bußgeld oder weitere Schritte einleiten", erklärt die Sprecherin der Kreisverwaltung Paderborn, Michaela Pitz.

Gravierende tierschutzrechtliche Verstöße liegen jedoch nicht vor. „Die Ergebnisse der Überprüfung des zweiten angezeigten Betriebs werden heute veröffentlicht. Der Betrieb war zuletzt im Frühjahr 2016 routinemäßig überprüft worden, ohne besondere Auffälligkeiten."
Der Verein will beweisen, dass Tierquälerei keine Ausnahme ist

Die sechs angezeigten Betriebe in NRW und Hessen sind Lieferanten von Westfleisch. Das Unternehmen zählt zu den größten Fleischkonzernen in Europa und ist der drittgrößte in Deutschland. In NRW arbeitet Westfleisch nach Auskunft der Pressestelle mit rund 2.000 Schweinemastbetrieben zusammen, davon liegen rund 15 Prozent in OWL.

„Wir nehmen die Vorwürfe gegenüber den Tierhaltern sehr ernst und gehen ihnen mit aller Entschiedenheit nach. Die gezeigten Bilder machen uns tief betroffen", erklärt ein Sprecher des Unternehmens. Die Westfleisch-Mitarbeiter haben bereits am Tag der Anzeige Kontakt mit den betroffenen Landwirten, mit Veterinären und dem Unternehmen „QS Qualität und Sicherheit" aufgenommen, die Lebensmittel prüfen und kennzeichnen, allerdings von Verbänden aus der Land- und Ernährungswirtschaft getragen wird.

Westfleisch arbeitet nach eigenen Angaben mit bäuerlichen Familienbetrieben aus NRW und angrenzenden Gebieten zusammen, um Regionalität und kurze Transportwege zu gewährleisten. „Alle Betriebe werden regelmäßig unangekündigt überprüft. Wer dabei durchfällt, scheidet als Zulieferer automatisch aus", erklärt ein Sprecher.

Der Verein erwägt Strafanzeigen gegen drei Landwirte aus OWL

Der Verein Tierretter übt heftige Kritik an Westfleisch und seinen Zulieferbetrieben. „Wir möchten mit unseren Aufnahmen der Gesellschaft die Frage stellen, ob es gerechtfertigt ist, Tieren so etwas anzutun oder ob wir nicht endlich auch Tieren Grundrechte zusprechen sollten", erklärt Vorstandsmitglied Christian Adam.

Im Juli hatte der Verein vergleichbare Aufnahmen aus den Ställen des Familienbetriebs der Landwirtschaftsministerin Schulze Föcking (CDU) veröffentlicht. „Die Strafverfolgung wurde eingestellt und die tierhaltende Landwirtschaft hat sich mit der Ministerin solidarisiert", sagt Adam. „Es hieß immer wieder, dass es nur Momentaufnahmen sind, doch die neuen Aufnahmen aus sechs Betrieben zeigen deutlich, dass Tierquälerei Standard in Ställen ist."
Der Verein erwägt Strafanzeigen gegen drei Landwirte aus OWL

Information
Illegale Aufnahmen

Die Aufnahmen des Vereins stammen aus den Monaten August und September. Die Veterinärämter hat der Verein jedoch erst gestern informiert. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass ohne Einschaltung der Öffentlichkeit Anzeigen im Sand verlaufen und, dass Aufnahmen aus mehreren Betrieben nötig sind, um den Vorwurf der Einzelfälle zu entkräften", erklärt Adam die späte Weitergabe der Informationen an die Ämter.

Der Verein prüft laut Adam, ob zusätzlich Strafanzeigen gegen drei Landwirte aus den Kreisen Padeborn, Höxter und Minden-Lübbecke gestellt werden. „Wir sind aber keine Kontrollinstanz und hoffen, dass die Veterinärämter ihrer Aufgabe nachkommen und die strafrechtliche Verfolgung einleiten."

Der Vorsitzende des landwirtschaftlichen Bezirksverbandes OWL, Hubertus Beringmeier, übt Kritik an der Vorgehensweise und an den Einbrüchen in die Ställe. „Warum hat der Verein den Weg über die Veröffentlichung der Bilder gewählt und nicht gleich den Kontakt zu den Betroffenen gesucht haben, um die Missstände zu beheben?", fragt Beringmeier. „Wir sind offen für Kritik und nehmen sie sehr ernst, weil das Wohlergehen der gehaltenen Tiere immer an erster Stelle eines jeden Betriebsleiters steht. Aber wir werden die Richtigkeit der Aufnahmen überprüfen."

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