Ehemaliges NS-Lager in Stukenbrock soll Gedenkstätte werden

Lothar Schmalen

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Historischer Moment: Befreiung des Stalags 326 durch US-Truppen Anfang April 1945. - © Dokumentationsstätte Stalag 326 (VI K) Senne
Historischer Moment: Befreiung des Stalags 326 durch US-Truppen Anfang April 1945. (© Dokumentationsstätte Stalag 326 (VI K) Senne)

Düsseldorf/Schloß Holte-Stukenbrock. Auf dem Gelände des ehemaligen NS-Lagers für sowjetische Kriegsgefangene (Stalag 326) soll eine Gedenkstätte von nationaler Bedeutung entstehen. Diese Aufwertung der bisherigen Dokumentationsstätte hat sich ein neuer überparteilicher Lenkungskreis zum Ziel gesetzt, an dessen Spitze der Präsident des NRW-Landtags, André Kuper (CDU) aus Rietberg, steht. Das 15-köpfige Gremium kommt am Montag erstmals im Rathaus von Schloß Holte-Stukenbrock zusammen und will dann über das weitere Vorgehen beraten.

Auf dem Gelände in Stukenbrock, in dessen unmittelbarer Nähe auch der Ehrenfriedhof mit Tausenden Gräbern von Kriegstoten aus der früheren Sowjetunion liegt, befand sich von 1941 bis zur Befreiung durch die US-amerikanischen Truppen am 2. April 1945 ein Kriegsgefangenenlager für sowjetische Soldaten (Stammlager 326), das von der Wehrmacht betrieben wurde. Insgesamt durchliefen dieses Lager 300.000 Soldaten, rund 60.000 kamen wegen der schlechten Behandlung ums Leben.

Vom 1. Oktober 1946 bis zum 31. Dezember 1947 nutzten die Briten das Lager zur Inhaftierung von insgesamt 8.885 deutschen Kriegsgefangenen und verdächtigten NS-Kriegsverbrechern. Von 1948 bis 1970 wurde das Gelände im Auftrag des NRW-Sozialministeriums als Heimstatt für Flüchtige aus den ehemaligen Ostgebieten des Deutschen Reiches (Sozialwerk Stukenbrock) genutzt. Hier waren insgesamt 220.000 Flüchtlinge, darunter 70.000 unbegleitete Minderjährige, vorübergehend untergebracht. Heute existiert auf dem Gelände eine Polizeischule.

Die bisherige Arbeit des Fördervereins Stalag 326 war bundesweit gewürdigt worden, als der damalige Bundespräsident Joachim Gauck die Dokumentationsstätte und den sowjetischen Soldatenfriedhof besuchte. Seitdem ist die Bedeutung der Erinnerungsstätte an die Leiden sowjetischer Kriegsgefangener in Deutschland auch politisch unumstrittener als noch zu Zeiten des Kalten Krieges.

Kuper (CDU) und der frühere SPD-Landtagsabgeordnete Günter Garbrecht (Bielefeld) bemühen sich schon seit Längerem um eine Aufwertung der bisherigen Dokumentationsstätte. Ziel ist eine profunde wissenschaftliche Aufarbeitung und eine deutlich größere Dauerausstellung auf dem Gelände in Stukenbrock. Ein erster Schritt könnte die Aufstockung der bisherigen Zuschüsse des Landes (zuletzt 85.000 Euro) sein. Für die Weiterentwicklung geht es aber auch um weitere Gelder vom Bund.

Mitglieder der Lenkungsgruppe
Der Lenkungsgruppe gehören neben Kuper unter anderem an: Günter Garbrecht (SPD), Elmar Brok (CDU), Sigrid Beer (Grüne), Stephen Paul (FDP), NRW-Kulturstaatssekretär Klaus Kaiser, Regierungspräsidentin Marianne Thomann-Stahl.

Kommentar: Deutsch-russische Aussöhnung

Von Lothar Schmalen

Die wackeren Streiter für eine würdige Erinnerung an die vielen Kriegsopfer aus der ehemaligen Sowjetunion im grausamen Stammlager (Stalag) 326 in Stukenbrock haben dem früheren Bundespräsidenten Gauck viel zu verdanken. Seit er Anfang 2016 die Dokumentationsstätte und den sowjetischen Ehrenfriedhof an der Grenze der Kreise Gütersloh und Paderborn besuchte, hat sich vieles verändert. Was lange Zeit als linke Nestbeschmutzung galt, ist inzwischen allgemein anerkannte Arbeit für die Erinnerung an ein ganz dunkles Kapitel in der Geschichte der Region Ostwestfalen-Lippe.

Bis heute ist nicht genau bekannt, wie viele Soldaten aus Ländern der Ex- Sowjetunion durch die unmenschliche Behandlung in Stukenbrock ihr Leben lassen mussten, spätestens seit Gaucks Besuch aber ist auch denen, die früher abseits standen, klar, dass in Stukenbrock der richtige Platz für eine große Gedenkstätte ist. Sie dürfte nach ihrer Vollendung übrigens eine nicht zu unterschätzende Rolle bei der Aussöhnung zwischen den früheren Kriegsgegnern Deutschland und Russland spielen.

Zur Geschichte des Stukenbrocker Lagers gehört die Nutzung des Geländes nach dem Krieg. Erst Internierungslager für Nazis, dann Heimstätte für Flüchtlinge aus dem Osten – auch das sind Kapitel einer erinnerungswürdigen Historie von OWL.

Dass der Rietberger André Kuper seine neue Funktion als Landtagspräsident nutzt, um eine überparteiliche und auch fachliche Allianz für die Weiterentwicklung zu einer Gedenkstätte von nationaler Bedeutung zu schmieden, dürfte für die Stukenbrocker Initiative einen Durchbruch bedeuten.

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