Pfleger Ferdi Cebi lud die Kanzlerin nach Paderborn - Montag kommt sie

Lena Vanessa Niewald

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Multi-Talent: Pfleger Ferdi Cebi (36) rappt in seiner Freizeit unter seinem Künstlernamen „Idref". Auch die Senioren des St. Johannisstift, wie diese 89-jährige Dame, durften schon mit ins Tonstudio. - © Lena Vanessa Niewald
Multi-Talent: Pfleger Ferdi Cebi (36) rappt in seiner Freizeit unter seinem Künstlernamen „Idref". Auch die Senioren des St. Johannisstift, wie diese 89-jährige Dame, durften schon mit ins Tonstudio. (© Lena Vanessa Niewald)

Paderborn. Ferdi Cebi ist ein kleiner Star im St. Johannisstift. Die Bewohner des Altenheims lieben ihn, seine immer fröhliche Art und seinen trockenen Humor. Wenn der Pfleger da ist, dann ist alles gut. Ferdi Cebi macht gute Laune. Selbst Senioren, die nicht in Cebis Abteilung wohnen, kennen den 36-Jährigen. Nicht nur, weil er immer gut drauf ist. Cebi kann noch mehr. Er war es, der es geschafft hat, Bundeskanzlerin Angela Merkel nach Paderborn zu holen.

Vor fast einem Jahr nahm er all’ seinen Mut zusammen. Er lud die Kanzlerin an seinen Arbeitsplatz ein. Und Merkel sagte prompt zu. Cebi war Gast in der Wahlkampf-Sendung „Klartext, Frau Merkel" des ZDF. Er stand damals im Publikum auf und sagte zur Kanzlerin: „Für mich ist es ein bisschen traurig, dass Gesetze festgelegt werden, obwohl die Politik noch nie wirklich in den Beruf reingeblickt hat. Da würde ich Sie einfach gerne mal einladen, dass Sie zu uns in die Einrichtung kommen."

Dass er aufzeigen würde, war für ihn schon vorher klar. Wenn er schon die Möglichkeit bekomme, wollte er auch etwas sagen. Dass er Merkel direkt einlud, war aber eher „eine spontane Entscheidung". Dass Merkel direkt zusagt, die größte Überraschung des Abends. „Ein bisschen Schiss hatte ich schon, als ich dann zurück nach Paderborn kam. Hätte ja sein können, dass hier alle total sauer sind", erinnert sich Cebi an seinen ersten Arbeitstag „danach". Im Gegenteil: Sauer war hier niemand. Im St. Johannisstift waren alle begeistert und beeindruckt; der Vorstand, die Kollegen, die Bewohner. Bis Merkel am Montag kommt, läuft hier aber alles so wie immer.

Ferdi Cebi kümmert sich um seine Gruppe. Er weckt die Bewohner morgens, wäscht sie, hilft ihnen beim Essen. Er unterhält sich mit ihnen, lacht mit ihnen, freut sich mit ihnen. Aber er ist auch still, wenn es nichts zu sagen gibt. Cebi ist für sie da. Gerade gilt das für Horst Klinge. Klinge hatte noch keinen Nachmittags-Snack. Die meisten hier trinken Kaffee. „Herr Klinge mag aber keinen Kaffee", sagt Cebi und stöbert durch die Teebeutel-Auswahl. Er weiß genau, wer was mag und was eben nicht. Cebi füllt den Tee in eine pinke Schnabeltasse. Pink sei nicht so Horst Klinges Farbe; aber da müsse er jetzt durch.

Zedrückte Banane und Tee aus der Schnabeltasse

Plötzlich geht der Alarmknopf. Hildegard Schuhmann aus Zimmer 114 hat geschellt. „Ferdi, mein Lieber", ruft sie ihm fröhlich entgegen, als er zur Tür hereinkommt, „sei so gut und zieh’ mir meinen Strumpf aus." Ferdi lacht und erwidert, die Stützstrümpfe dürfe sie doch erst abends ausziehen. „Das weiß ich doch. Aber ich ziehe sie jetzt schon aus", sagt die Seniorin bestimmt. Ferdi gibt nach; er kennt seine Leute. Hildegard Schuhmann lacht erleichtert.

Für Cebi geht’s zurück ins Nachbarzimmer zu Horst Klinge. „Herr Klinge", schreit Cebi, als er ins Zimmer kommt. „Hier muss ich immer ein bisschen lauter sprechen, damit Herr Klinge mich auch hört", fügt Cebi in normaler Lautstärke hinzu und schmunzelt. Er hat zerdrückte Banane, Käsekuchen und Tee dabei. Die Antwort, was der alte Herr lieber essen möchte, kommt prompt selbst. „Beides natürlich", sagt der 80-Jährige. Alles klar. Ferdi Cebi hat viel Geduld. Seelenruhig füttert er den Bewohner, spricht immer wieder – laut – mit ihm.

"Pfleger sein ist mehr, als alten Menschen den Hintern abzuputzen"

Fünfzehn bis zwanzig Minuten ist er hier locker beschäftigt. „Das ist aber wichtig. Herr Klinge soll genug Aufmerksamkeit bekommen", sagt Cebi. Für ihn sind die Bewohner „seine zweite Familie". Er kenne die meisten besser als seine eigenen Angehörigen, stellt er fest und lacht fast ein bisschen verdutzt.

Wenn Ferdi Cebi nicht auf der Station unterwegs ist, von Zimmer zu Zimmer geht und nach dem Rechten schaut, hier einen Plausch hält und da ein Kissen zurechtrückt, dann findet man ihn im Büro. Auch Dokumentieren gehört zu seinem Job. Wie viel hat Herr Klinge heute getrunken? Wann wurde bei Gisela Deppe das Kissen umgelegt? Hat Hildegard Schuhmann die neuen Tabletten bekommen? „Pfleger sein ist mehr als alten Menschen den Hintern abzuputzen", sagt Cebi.

Natürlich gehöre auch das dazu. Aber das sei eben nicht alles. Der Pflegeberuf sei vielseitig, unvorhersehbar, überraschend – und er gebe dem Pfleger selbst viel zurück. „Es ist ein Geben und Nehmen. Und es ist garantiert nicht alles so schlecht, wie es im öffentlichen Bild immer dargestellt wird", sagt Cebi.

Bessere Bedingungen für alle Pflegekräfte

Er habe es aber besser als viele Pfleger in anderen Einrichtungen. Cebi arbeitet nach „einem guten Tarif", 10 Tage am Stück und dann zwei Ausgleichstage. „Andere müssen zwölf Tage ran und haben nur zwei Tage frei – ohne Tarif. Das ist schon ein Unterschied." Auch, wenn er in seiner Einrichtung nicht viel zu beklagen hat, will sich Cebi für alle Pflegekräfte einsetzen.

Ob der Besuch von Merkel ein Anfang sein kann, will Cebi nicht voraussagen. Er will ihr zeigen, unter welchen Voraussetzungen Pfleger täglich arbeiten und ihr deutlich machen, dass diese Arbeit mehr wertgeschätzt werden muss. Und ein bisschen hofft er, dass er seinem Ziel, flächendeckende Tarife für alle Pfleger und eine geregelte 5-Tage-Woche zu schaffen, durch ihren Besuch ein Stückchen näher kommt. „Es ist ein Traum, dass sich zeitnah etwas verändert. Aber man muss auch Träume haben, oder?"

Namen und Zimmerzahlen der Bewohner wurden von der Redaktion geändert.

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