Auf dem Land droht Tierarztmangel

Sigrun Müller-Gerbes

  • 0
Spritze: Ein Veterinär impft eine Kuh gegen die Blauzungenkrankheit. Bei Großtierärzten droht ein Engpaß. - © dpa
Spritze: Ein Veterinär impft eine Kuh gegen die Blauzungenkrankheit. Bei Großtierärzten droht ein Engpaß. (© dpa)

Bielefeld. Stellenanzeigen schreibt Tierarzt Christoph Sudendey schon lange keine mehr. "Da meldet sich sowieso niemand", klagt der Veterinär aus Büren. Liebend gerne würde er in seiner Praxis, die sich auf Nutztiere spezialisiert hat, zwei weitere Kollegen einstellen. Aber woher nehmen?

Wie Sudendey geht es vielen Tierarztpraxen in Deutschland. Zwar ist der Ansturm auf Studienplätze im Fach Veterinärmedizin nach wie vor enorm: Der Abiturschnitt muss etwa zwischen 1,2 und 1,6 liegen, um an einer der fünf deutschen Hochschulen einen Platz zu ergattern. Nach dem Studium aber Rinder, Schweine oder Legehennen in der Provinz zu betreuen, das scheint für immer weniger junge Leute attraktiv zu sein. Lieber bewerben sie sich in Kleintierpraxen in der Stadt. Für den "Luxustierbereich", wie es heißt.

Weniger Tierärzte für größere Gebiete

Die Folge: Sudendey und seine Kollegen müssen immer größere Gebiete versorgen. Bis weit ins Sauerland hinein kämen Anfragen von Landwirten, berichtet er. Im ganzen großen Kreis Paderborn gebe es nur noch 4 bis 5 Nutztierpraxen. Edmund Bölling, Vorsitzender des Tierärzteverbands Westfalen-Lippe, bestätigt: Es werde in ländlichen Regionen immer schwieriger, Mitarbeiter zu finden, auch Praxisübergaben würden zusehends problematisch. Nach dem Hausärztemangel kommt nun offenbar auch der Tierärztemangel auf dem Land.

Ein Praxensterben, wie es unter Hausärzten zum Teil belegt ist, hat die Tierärztekammer Westfalen-Lippe zwar bisher nicht ausgemacht. Seit Jahren bewegt sich die Zahl der niedergelassenen Veterinäre in Westfalen-Lippe konstant zwischen 920 und 950. Zunehmend schwierig werde es aber beispielsweise, auf dem Land die Notdienstversorgung sicherzustellen, bestätigt Hauptgeschäftsführerin Mechthild Lütke Kleimann. Das gelte auch für Kleintierpraxen, mitunter mit fatalen Folgen: "Wenn ein Hund eine Magendrehung hat, ist höchste Eile geboten. Wenn die Fahrt zur nächsten Tierklinik mit Notdienst dann zwei Stunden dauert, ist es zu spät."

Junge Menschen zieht es eher in die Ballungszentren

Die Gründe ähneln denen, die aus der Humanmedizin bekannt sind: Junge Menschen zieht es eher in die Ballungszentren; die Bezahlung für Tierärzte ist - mit 2.000 bis 2.500 Euro brutto - gemessen an den Arbeitszeiten eher mittelmäßig; Menschen wie Tiere brauchen auch Nachts und an den Wochenenden einen Arzt, entsprechend belastend sind die Dienstzeiten.

Mit "work-live-balance", einem Ausgleich zwischen den Interessen des Privatlebens und den Erfordernissen der Arbeitswelt, ist es im Notfall Essig. Besonders wichtig aber ist dieser Ausgleich jungen Frauen, die massiv in den Beruf streben. Fast 90 Prozent der Studierenden der Tiermedizin sind inzwischen weiblich. Und weil die Familienarbeit gesellschaftlich noch lange nicht gleichmäßig zwischen Frauen und Männern aufgeteilt ist, suchen vor allem Frauen Teilzeit-Anstellungen - die beispielsweise in Behörden ganz selbstverständlich angeboten wird, aber nicht unbedingt in der Landarztpraxis.

Die hohen bürokratischen Auflagen schrecken ab

Dazu kommt bei Nutztieren noch ein ganz anderer Aspekt: Offenbar fehlt vielen jungen Tierärzten schlicht die Motivation, in der Lebensmittelproduktion zu arbeiten. Zum einen schreckten die hohen bürokratischen Auflagen ab, sagt Bölling. Er selbst hat seine Praxis, in der er Jahrzehnte lang vor allem Rinder und Schweine behandelte, vorzeitig aufgegeben: "Der Papierkram hat zum Schluss 50 Prozent der Arbeitszeit beansprucht. Das wurde mir zu viel."

Jede Medikamentengabe muss beispielsweise minutiös dokumentiert und in mehrere Datenbanken eingepflegt werden. Im Grundsatz findet der Veterinär das zwar richtig und wichtig, denn immerhin geht es um Lebensmittelsicherheit und darum, den Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung zu verringern. Aber: "So richtig Spaß macht das nicht."

In Großbetrieben ist auch der Tierazrt hochgeradig spezialisiert

Zum anderen macht Bölling die "Entfremdung von der Landwirtschaft" verantwortlich für die fehlenden Bewerbungen in Nutztier-Praxen. In landwirtschaftlichen Großbetrieben sei auch der Tierarzt hochgradig spezialisiert. Und sich den ganzen Berufsalltag lang nur mit Sauen zu beschäftigen, habe eben nicht mehr viel zu tun mit dem Bild, das Studienanfänger sich von "Traumberuf Tierarzt" machten. Das Image der Landwirtschaft sei bei vielen eher schlecht, sagt der Bürener Tierarzt Sudendey, und die öffentliche Debatte über Bedingungen in der Tierhaltung "führt nicht dazu, dass junge Leute sich eingeladen fühlen".

Dabei, darauf besteht Sudendey, gehe es vielen Milchkühen in Großbetrieben besser als in so manchem Kleinstbetrieb, der sechs Kühe irgendwo angebunden halte. Wer aber in den Beruf strebe, weil er oder sie Tiere retten, ihnen helfen wolle, der tue sich mitunter schwer damit, "dass sie nur gehalten werden, weil Menschen sie töten und aufessen wollen". Um ein guter Nutztier-Veterinär zu sein, müsse man "akzeptieren, dass das Leben dieser Tiere endlich ist". Das ändere nichts am grundsätzlichen ärztlichen Ethos: Den Tieren Leid zu ersparen, sie nach bestem Wissen gesund zu erhalten.

Tierärzte arbeiten auch mal 11, 12 Stunden am Stück

Dafür arbeiteten die Tierärzte auch mal 11, 12 Stunden am Stück, sagt Landwirt Hubertus Behringmeier anerkennend. Der Vorsitzende des Landwirtschaftlichen Bezirksverbandes OWL züchtet Schweine im Paderborner Land und sagt, zurzeit sei die ärztliche Versorgung in der Region noch gewährleistet - nicht zuletzt dank des großen Einsatzes vieler Veterinäre. Er sorgt sich aber um die Zukunft: In den nächsten 5 bis 10 Jahren stehe bei vielen Ärzten die Pensionierung an. Dann drohten Versorgungslücken, die auch mit weiten Anfahrten nicht mehr zu überbrücken seien.

Die Kammer sieht das Problem, hofft aber ein bisschen auf das branchenübergreifende Zauberwort "Digitalisierung". Auch bei Tieren gebe es durchaus Potenzial für Telemedizin, sagt Lüthe Kleimann. Vielleicht könne man mit deren Hilfe die Versorgung stabil halten - wenn es denn irgendwann gelingt, die Hürde zu nehmen, dass ein Schwein in der virtuellen Sprechstunde nicht so richtig sagen kann, wo es weh tut.

Copyright © Lippische Landes-Zeitung 2019
Inhalte von lz.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

0 Kommentare
0 Kommentare

Das Kommentieren ist nur mit einem gültigen LZ-Plus-Zugang möglich. Jetzt testen!