Experte der DLRG über Schwimmkurse: "Eltern gehören nicht ans Becken"

Ulf Hanke

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Für Schwimmkurse gibt es klare Regeln - © picture alliance
Für Schwimmkurse gibt es klare Regeln (© picture alliance)

Bad Oeynhausen. Der Tod eines sechsjährigen Jungen in einem Schwimmkurs für Anfänger vor einem Jahr im Hallenbad Rehme wirft Fragen nach grundsätzlichen Regeln und Sicherheitsstandards bei Schwimmkursen auf. Harald Rehn ist Referent „Schwimmen" und als Experte der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) auch über die Grenzen des Verbandes bekannt. Der 58-jährige Sportwissenschaftler hat für die DLRG in der Deutschen Gesellschaft für das Badewesen (DGfdB) die bundeseinheitliche Richtlinie „94.14" für Schwimmkurse miterarbeitet. Sicherheit und Aufmerksamkeit im Wasser sind besonders wichtig, betont Rehn, denn: „Menschen ertrinken still und leise."

Die Statistik

Jedes Jahr kommen etwa 400 Menschen in Deutschland durch Ertrinken ums Leben, weiß der DLRG-Experte. „Schwimmen ist nicht wie Fußballspielen. Wer im Wasser untergeht, kann nicht mehr atmen. Das ist das besondere Risiko." Das müsse allen Beteiligten klar sein. In der Altersgruppe der Sechs- bis Zehnjährigen sind im Jahr 2016 14 und im Jahr 2017 fünf Kinder ums Leben gekommen. Gründe fürs Ertrinken sind oft Ermüdung oder Vorerkrankungen. „In Ausbildungssituationen ertrinken sehr wenig Kinder", sagt Rehn, eine Statistik dazu gibt’s nicht: „Trotz der relativ geringen Zahl ist so ein Fall aber immer besonders tragisch."

Die Richtlinie

Der Experte: Harald Rehn ist Referent beim DLRG-Bundesverband und Mitautor der Sicherheitsrichtlinie für Schwimmkurse. - © Philipp Pijl
Der Experte: Harald Rehn ist Referent beim DLRG-Bundesverband und Mitautor der Sicherheitsrichtlinie für Schwimmkurse. (© Philipp Pijl)

Die Richtlinie, „Sicherheit bei der Organisation und Durchführung von Schwimm- und auf das Schwimmen vorbereitenden Kursen", gilt als Norm für die Betreiber von Bädern, die Schwimmkurse anbieten. Das ist vergleichbar mit der Deutschen Industrienorm (DIN). Die Richtlinie hat nur drei dicht beschriebene Seiten. Demnach können Schwimmkurse grundsätzlich von nur einem qualifizierten Kursleiter angeboten werden. Wie viel Personal genau eingesetzt wird, schreibt die Richtlinie nicht vor. Allerdings weist sie dem Kursleiter auch die alleinige Verantwortung für den Schwimmkurs zu und nicht etwa weiteren im Bad angestelltem Personal.

Die Gruppengröße

Ein Lehrer-Schwimmschüler-Verhältnis von 1:1 hält Rehn für illusorisch. „Das ist im Normalfall personell nicht darstellbar, aber auch nicht nötig." Wie viele Anfänger im Kurs teilnehmen, hänge von vielen Faktoren ab, entscheidend seien aber die „Vorkenntnisse und Wasserängstlichkeit" der Teilnehmer, erläutert Rehn. Der DLRG empfiehlt eine Gruppengröße von acht bis maximal 15 Kindern pro Ausbilder. Die meisten Bundesländer legen, so der Experte, in ihren Schulschwimm-Erlassen eine Gruppengröße von 15 Schülern fest. „Im Zweifel ist die Gruppengröße zu reduzieren", sagt Harald Rehn: „Das ist aber immer eine Entscheidung des Kursleiters. Er allein trägt die Verantwortung."

Die Eltern

Eltern am Beckenrand stehen dem Erfolg eines solchen Kurses oft im Weg. Ziel der Schwimmkurse ist schließlich, dass die Teilnehmer am Ende schwimmen können. „Eltern gehören aus pädagogischen Gründen nicht an den Beckenrand", sagt der DLRG-Experte: „Wenn Mama neben dem Wasser steht, wird das Kind meist abgelenkt und der Kursleiter bekommt mit seinen Übungsangeboten zu wenig Aufmerksamkeit."

Bei Schwimmkursen mit behinderten Kindern dagegen gibt es keine pauschale Regel. Rehn: „Die DLRG befürwortet inklusive Kurse. Die Eltern müssen vor Kursbeginn klären, ob ihr Kind die Voraussetzungen erfüllt. Dazu können Atteste eingefordert werden."

Der Kursleiter

Ob der Kursleiter während des Kurses im oder außerhalb des Wassers stehen sollte, ist in der Richtlinie nicht eindeutig geregelt. Er muss aber so stehen, dass er die Aufsicht über die Gruppe führen kann. Zum Standort gibt es unterschiedliche Lehrmeinungen. Harald Rehn sagt: „Beides hat Vor- und Nachteile." Im Wasser habe der Ausbilder einen schlechteren Überblick über seine Kursteilnehmer als von außen am Beckenrand, kann aber besser Hilfestellungen geben. „Ich persönlich empfehle, dass der Kursleiter nicht selbst mit ins Wasser geht, sondern ein Assistent." Ein Problem bei Schwimmkursen sei allerdings oft Personalmangel. Die DLRG bilde deshalb selbst Assistenten aus.

Vom Nichtschwimmerbereich aus ist der Beckenboden des tieferen Schwimmer- oder Sprungbereichs aus kaum zu erkennen. „Die Sicht ist beim Stehen im flachen Wasser in der Regel stark reduziert. Oft ist sie aus dieser Perspektive nicht möglich", sagt Rehn. Das Wasser sei ständig in Bewegung und es gebe zahlreiche Lichtreflexionen an der Oberfläche.

Das Kursziel

Ziel aller Schwimmkurse ist laut Richtlinie, dass Anfänger am Ende des Kurses sicher schwimmen können. Unterschieden wird zwischen Wassergewöhnung, Wasserbewältigung und Wassersicherheit. Konkret fordert die Richtlinie, dass die Teilnehmer sich unter und über Wasser zurechtfinden, auf Rücken und Bauch schwimmen können, sich 15 Minuten ohne Halt und ohne Hilfen über Wasser halten, mehrere Sprünge ins Wasser beherrschen und auch nicht anhalten, wenn sie mal Wasser schlucken.

Die Kontrolle

Besonders betont wird in der Richtlinie die ständige Überprüfung der Teilnehmerzahl. Jeder Gang zur Toilette muss demnach festgelegt und eingeübt werden. Doch damit nicht genug. Zwischendurch sollte außerdem „eine stichprobenartige Kontrolle der Teilnehmerzahl erfolgen", heißt es in der Richtlinie.



Information

Prozessbeginn im Fall des ertrunkenen Jungen


Vor dem Amtsgericht Bad Oeynhausen muss sich am Freitag der Schwimmlehrer verantworten, in dessen Anfängerkurs im Januar 2018 ein sechsjähriges Kind beim Schwimmenlernen ertrunken ist. Angeklagt ist ein 25-Jähriger aus Vlotho. Die Staatsanwaltschaft Bielefeld wirft ihm fahrlässige Tötung vor.

Offenbar war der Kursleiter in einer Ecke des Beckens, als die Kinder das Springen übten. Dabei tauchte eines der zwölf Kinder nicht wieder auf, was der Schwimmlehrer aber nicht bemerkt haben soll. Der festangestellte Schwimm-Meister des Hallenbades entdeckte laut Anklage den leblosen Körper auf dem Boden im Schwimmerbereich, als er aus dem Technikraum zurückkehrte.

Die Mutter des toten Kindes erhebt schwere Vorwürfe gegen die Stadtwerke, ihr Rechtsanwalt Detlev Binder spricht von Organisationsversagen.

Nach einer Beschwerde des Anwalts ermittelt die Staatsanwaltschaft erneut gegen den festangestellten Schwimmmeister des Bades. Das Verfahren am Freitag gegen den Schwimmlehrer ist davon abgekoppelt worden.

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