So trotzen Frauen mit Schönheit dem Krebs

Niklas Tüns

  • 0
Am Schminkspiegel: Seminarleiterin Feray Prüfer zeigt Sonja Ricken aus Harsewinkel, wie sie Spuren ihrer Krebserkrankung mit dezentem Make-up kaschieren kann. Nicht mehr blass auszusehen, das ist das Ziel des Kursus.⋌Fotos: Andreas Frücht - © Andreas Frücht
Am Schminkspiegel: Seminarleiterin Feray Prüfer zeigt Sonja Ricken aus Harsewinkel, wie sie Spuren ihrer Krebserkrankung mit dezentem Make-up kaschieren kann. Nicht mehr blass auszusehen, das ist das Ziel des Kursus.⋌Fotos: Andreas Frücht (© Andreas Frücht)

Gütersloh. „Als ich die Diagnose Brustkrebs erhielt, hat es mir den Boden unter den Füßen weggezogen", sagt Sonja Ricken. Sechs der zwölf Chemo-Termine hat die 43-Jährige bereits hinter sich. Permanent schlapp sei sie derzeit, „die Knochen tun weh". Und allmählich offenbaren sich die optischen Folgen der Therapie. „Es fängt jetzt langsam an, dass ich meine Haare verliere", erzählt Ricken. Auch der mögliche Verlust ihrer Augenbrauen beunruhigt sie. In einem Kosmetikseminar speziell für Krebspatientinnen erfährt sie, wie sie sich dennoch schön fühlen und die Krankheit verstecken kann. „Damit nicht gleich jeder sieht, dass ich betroffen bin."

Kleine Anprobe: Auch Perücken zum Testen hat Feray Prüfer dabei. Vielen Chemo-Patienten fallen die Haare aus. - © Andreas Frücht
Kleine Anprobe: Auch Perücken zum Testen hat Feray Prüfer dabei. Vielen Chemo-Patienten fallen die Haare aus. (© Andreas Frücht)

Die Perücken und bunten Tücher geben Sicherheit, sie verstecken ein wenig die Krankheit, die das Leben der zehn Frauen prägt. Die Gruppe sitzt im nüchternen Konferenzraum, dritte Etage des Gütersloher Klinikums. Hier sind die Frauen unter sich, trauen sich mitunter, ihre Kopfbedeckungen, ihren Schutz abzulegen. Der Krebs hat Spuren hinterlassen, die Gesichter wirken müde, blass und teils aufgedunsen. Manchen fehlen die Haare. „Wartet nicht, bis Euch auch das letzte Haar von alleine ausgefallen ist. Das schmerzt umso mehr", rät Feray Prüfer, Kosmetikerin und Leiterin des Seminars. Sie zeigt Ricken eine schwarze Perücke, eine solche möchte die 43-Jährige demnächst tragen. „Ich kann mir nicht vorstellen, ohne Haare rauszugehen", so die Harsewinkelerin.

»Die Wohnung zu verlassen, kostet schon viel Kraft«

Maria Matlachowsky: Als Pflegekraft für Brusterkrankungen erlebt sie viele Krebspatientinnen. - © Andreas Frücht
Maria Matlachowsky: Als Pflegekraft für Brusterkrankungen erlebt sie viele Krebspatientinnen. (© Andreas Frücht)

Solche Sätze hört Maria Matlachowsky, Pflegekraft für Brusterkrankungen am Klinikum Gütersloh, öfter. „Der Moment, mal die Wohnung zu verlassen und rauszugehen, kostet schon viel Kraft", sagt Matlachowsky. „Dann will man nicht auch noch immer daran erinnert werden." Petra Heitmann, die ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, hatte schon einige Male für sie unangenehme Begegnungen. Nur mal schnell Brötchen kaufen, das wurde in der vergangenen Zeit ein Spießrutenlauf für die Frau aus dem Kreis Gütersloh. Bekannte sehen sie in der Stadt, kommen auf sie zu, legen die Hand auf Heitmanns Schulter. „Und dann sagen sie mir: ‚Oh, du Ärmste, du siehst ja schlecht aus‘. Dabei will ich als ganz normaler Mensch wahrgenommen werden."

»Unsere Visitenkarte sind unsere Augenbrauen«

Heitmann sitzt in der Mitte des braunen Konferenztisches, vor ihr ein Spiegel und eine ganze Palette an Kosmetika. Concealer, Lippenstift, Wimperntusche – alles gespendet von Unternehmen und darf mitgenommen werden. Auch das Seminar selbst, das die DKMS Life regelmäßig in mehreren OWL-Städten anbietet, ist kostenlos. Heitmann wirkt etwas überfordert ob der vielen Kosmetikprodukte vor ihr, mit Schminke habe sie normalerweise nicht allzu viel am Hut. Ihr kommt es daher entgegen, dass Seminarleiterin Prüfer auf einen dezenten Look setzt. „Ich will, dass ihr hier heute frisch rausgeht", sagt Prüfer. „Ein klein bisschen Rouge auf die Wange und man sieht schon gesünder aus."

Information

Termine

Weitere Kosmetikseminare finden statt in der Klinik Porta Westfalica in Bad Oeynhausen (7. Februar), im Klinikum Herford (19. Februar), im Bielefelder Franziskus Hospital (27. Februar), im Klinikum Lippe Lemgo (18. März) und im Gütersloher St.-Elisabeth-Hospital (19. März).
Alle Termine und Anmeldemöglichkeiten auf der Internetseite: www.dkms-life.de

Schritt für Schritt geht sie voran, manchmal beugt sie sich über die Frauen und demonstriert an ihnen Tipps. Die Tagescreme soll um die Augen in Kreisbewegungen aufgetragen werden. „Von außen nach innen, damit die Lymphe abfließt", so Prüfer. „Seid sanft und denkt an Babys, die ihr streichelt." In Folge einer Chemotherapie werden meist auch Hautzellen geschädigt, so dass die Haut empfindlicher wird und besondere Pflege benötigt. Auch können bei Bestrahlungen Hautflecken auftreten.

Dann kommt Feray Prüfer zum wichtigsten Punkt des Seminars. „Unsere Visitenkarte sind unsere Augenbrauen", sagt sie. Ihr Fehlen verändere die Aussagekraft des ganzen Gesichts. Ein Lineal, das sie senkrecht an die Nase einer Teilnehmerin hält, dient als Hilfsmittel, wie weit der Augenbrauenstrich gezogen werden muss, um natürlich zu wirken.

„Look good, feel better": „Sieh gut aus, fühl dich besser", so lautet das Seminarmotto, das auch auf den Kosmetiktaschen steht. - © Andreas Frücht
„Look good, feel better": „Sieh gut aus, fühl dich besser", so lautet das Seminarmotto, das auch auf den Kosmetiktaschen steht. (© Andreas Frücht)

Zunächst zurückhaltend probieren die Frauen die Empfehlungen aus. Nach und nach werden sie gesprächiger und es setzt eine erstaunlich lockere Stimmung ein. „Da muss man erst Krebs bekommen, damit man schön wird", witzelt Sigrun Hanswillemenke. Mitte Dezember erhielt die 57-Jährige die Krebsdiagnose, sie steht am Anfang ihrer Chemotherapie. Sobald sie sich mit den Händen über den Kopf fährt, fallen die Haare büschelweise aus. „Sie fliegen durch’s ganze Haus und verstopfen inzwischen auch die Dusche", erzählt sie. Die Rasur stehe daher kurz bevor – ein mulmiges Gefühl. Dass sie sich mit anderen Krebspatientinnen, die ihr Schicksal teilen, austauschen kann, helfe ihr. „Heute die anderen Betroffenen zu sehen und wie sie mit ihrer Krankheit umgehen, das macht mir Mut", sagt die Gütersloherin. Auch für Sonja Ricken ist es wichtig zu sehen, „dass man nicht alleine ist".

Etwa eine halbe Million Menschen erkranken in Deutschland jedes Jahr neu an Krebs. Die Volkskrankheit wird am Weltkrebstag, dem 4. Februar, besonders in den Fokus gerückt. Bei Frauen tritt Krebs oft in der Brust auf. Fast jede Dritte der 5.614 neuerkrankten Krebspatientinnen hatte 2015 in OWL laut Krebsregister die Diagnose Mammakarzinom. Ähnlich viele waren es in den Jahren zuvor. „Wenn wir feststellen, dass die Patientinnen eine Chemotherapie benötigen, klären wir in einem passenden Moment über die Nebenwirkungen auf", sagt Matlachowsky vom Kooperativen Brustzentrum Gütersloh. Die Reaktionen seien unterschiedlich – von Abgeklärtheit bis hin zu Weinkrämpfen.

»Viele Patientinnen erschrecken zunächst vor dem Spiegelbild«

Und auch der weitere Umgang mit der Krankheit sei typbedingt. „Man hat ein Selbstbild, eine Vorstellung von sich. Wenn sich die Leute äußerlich verändern und in den Spiegel schauen, dann erschrecken sich manche", so Matlachowsky. „Sie wollen es zunächst nicht verstehen und blicken 50 Mal am Tag in den Spiegel. Man muss sich erst selbst akzeptieren." Kosmetikseminare wie am Klinikum würden dabei helfen, das Selbstwertgefühl wieder zu steigern. Die Nachfrage für solche Kurse ist hoch. Fünf Interessierte musste Matlachowsky beim aktuellsten Termin vertrösten.

Diejenigen, die dabei sind, fühlen sich nach den zwei Stunden schöner. Alles könne man zwar nicht umsetzen, meint Sonja Ricken. „Aber ein bisschen Rouge werde ich ab jetzt auf jeden Fall nutzen."

Copyright © Lippische Landes-Zeitung 2019
Inhalte von lz.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

0 Kommentare
0 Kommentare

Das Kommentieren ist nur mit einem gültigen LZ-Plus-Zugang möglich. Jetzt testen!