Helikopter-Eltern – Albtraum eines Lehrers

Dirk-Ulrich Brüggemann

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Überbehütend: Eine Mutter trägt ihrer Tochter den Schulranzen zum Unterricht. - © dpa
Überbehütend: Eine Mutter trägt ihrer Tochter den Schulranzen zum Unterricht. (© dpa)

Paderborn. Es gibt Eltern, die haben sich auf die Fahne geschrieben, auf jeden Fall „das Beste" aus ihrem Kind herausholen zu wollen. Diese „Helikopter-Eltern" wollen daher das Leben ihrer Schützlinge bis ins kleinste Detail kontrollieren.

Welche Ausmaße dieser Kontroll-Wahn annehmen an, weiß Simon P. aus einem Dorf in der Nähe von Paderborn nur zu genau. Der Pädagoge unterrichtet an einer weiterführenden Schule im Hochstift und muss sich mit solchen „Lebensmanagern" regelmäßig auseinandersetzen.

Das Handy ist immer dabei

Beispielsweise, wenn eine Klassenfahrt ansteht. Es soll für eine Woche in den Harz gehen. Als Lehrer hat er in einer Informationsveranstaltung für die Eltern vorgeschlagen, dass die Handys der Schüler während dieser Zeit durchaus zu Hause bleiben können.

Viele Kinder waren damit sogar einverstanden, aber bei zahlreichen Eltern regte sich Protest. „Wir müssen täglich wissen, wie es unseren Kindern geht", lautete die Begründung. So habe ein Schüler Simon P. erklärt, dass seine Mutter ständig Angst um ihn habe und er daher das Handy auf keinen Fall zu Hause lassen dürfe. „Das darf ich auch nirgends liegen lassen", erklärte der Junge.

Eltern rufen auf dem Lehrer-Handy an

Wenn es - wie bei der Fahrt in den Harz - in eine Region geht, in der der Handy-Empfang eingeschränkt sein könnte, drängen diese Eltern darauf, dass sie die Festnetznummer der Jugendherberge bekommen.

Die Mobilnummern der begleitenden Lehrer können die Eltern im Sekretariat der Schule erfragen oder sie wurden bereits im Vorfeld der Reise von Pädagogen bekannt gegeben. „Und die rufen auch manchmal an", sagt der Pädagoge und berichtet, dass das Handy für die Schüler häufig gar nicht mehr so wichtig ist, wenn sie eine alternative Beschäftigungsmöglichkeit auf der Klassenfahrt haben.

Heimweh ist ein großes Problem

Bei den Mahlzeiten müssen die Lehrer häufig die Schüler anleiten, nach dem Essen noch sitzen zu bleiben. „Wir fangen gemeinsam an und hören gemeinsam auf. Dass ein Kind sagt, ich bin fertig und aufstehen möchte, funktioniert dann nicht", beschreibt P. die gemeinsamen Mahlzeiten bei einer Klassenfahrt. „Die Schüler denken häufig nicht daran, dass der Tisch auch abgeräumt werden muss. Teilweise kommt es vor, dass jüngere Schüler und Schülerinnen nicht wissen, wie man einen Tisch abputzt", beschreibt der Lehrer die Situation, wenn es darum geht, dass bei einer Klassenfahrt feste Regeln und Dienste einzuhalten sind.

Ein großes Problem für Kinder von Helikopter-Eltern ist das Heimweh. Diese Kinder, die sich meist schon in Klasse 2 und Klasse 4 nicht an Klassenfahrten beteiligt haben, kommen auch in der Mittelstufe mit der Trennung von ihren Eltern nicht zurecht. „Vor dem Heimweh sind dann selbst elf- und zwölfjährige Kinder nicht gefeit", weiß Simon P. aus eigener Erfahrung. Diese Kinder haben einfach Angst, weil sie noch nie an einer Reise ohne Eltern teilgenommen haben.

Eltern sollen ihre Sprösslinge selbstständiger werden lassen

Eine Unsitte sei es für Simon P. auch, dass die Eltern bei schlechteren Witterungsbedingungen ihre Sprösslinge bis direkt vor die Schultür fahren müssen. „Das setzt sich sogar bis in die höheren Klassen fort", weiß der 53-Jährige zu berichten. „Ich wünsche mir, dass Eltern ihre Kinder selbstständiger werden lassen," sagt der Lehrer. „Auch bei Regen kann der Schüler zu Fuß, mit dem Fahrrad oder dem Bus in die Schule kommen, ohne dass er gleich krank wird."

Auch bei der Notengebung „sind Eltern durchaus Experten", beschreibt der Pädagoge eine andere Problematik für seine Arbeit. Es gibt Eltern, die lassen eine Klassenarbeit gern mal von einem Lehrer im Bekanntenkreis gegenkorrigieren. Oder sie schauen sich die Gesetzgebung genauestens an und wollen den Pädagogen in die Schranken weisen. „Das ist vielfach die Angst der Eltern, ihr Kind könne die Schule nicht schaffen", weiß P. und beschreibt, dass gerade bei Referendaren solche Fälle häufiger vorkommen.

Simon P. kritisiert: „In so einem Fall lernen Kinder schnell, dass ihre Eltern alles für sie regeln. Die Kinder selbst müssen dann gar nicht das Gespräch mit dem Lehrer suchen."

Wenn Kinder bisher ihre Hausaufgaben nur zusammen mit den Eltern gemacht haben, kann es während einer Klassenarbeit zu einer Blockade kommen. Ihnen fehlt dann die Bestätigung der Eltern, dass ihr gewählter Lösungsweg richtig ist. In der Arbeit kann dann nicht gefragt werden, ob der Ansatz zur Erfüllung der Aufgabe führt. "Den Kindern fehlt während der schriftlichen Prüfung dann einfach ein Stück Sicherheit", erzählt P. und wünscht sich, dass solche Eltern ihre Kinder einfach zur Selbstständigkeit motivieren und diese dann ihre eigenen „Lebensmanager" werden.

Information

Transporthub-, Rettungs- und Kampfhubschrauber

Der Präsident des deutschen Lehrerverbandes, Josef Kaup, hat bei seinen Beobachtungen von fürsorglichen Erziehungsberechtigten eine Typologie erkannt:

Transporthubschrauber: Das sind die „Mama"- oder „Papa"-Taxis, die ihre Kinder überall hinfahren. Sie befürchten, dass auf dem Weg zu Schule oder zum Sporttraining Katastrophen ihren Sprössling heimsuchen könnten.

Rettungshubschrauber: Die Eltern möchten auf jeden Fall ihr Kind vor einer Niederlage oder Unannehmlichkeit bewahren. Der vergessene Turnbeutel wird in die Schule nachgetragen und für den Nachmittagsunterricht wird die Versorgung mit frischen Obst sichergestellt.

Kampfhubschrauber: Diese Elternpaare gehen noch einen Schritt weiter, denn sie setzen sich aktiv für den Erfolg ihres Kindes ein. Diese Erziehungsberechtigten besuchen die jede Elternkonferenz, sie beschweren sich über die Lehrpläne, Disziplinarmaßnahmen, das Schulessen und natürlich über die Notengebung.

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