Junger Klima-Protest in OWL so laut wie noch nie

Jemima Wittig, Seda Hagemann, Miriam Scharlibbe und Hannes Koch

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Auch die Schüler in Lippe schließen sich der weltweiten Bewegung "Friday for Future" an und wollen am Freitag auf dem Marktplatz in Detmold für eine bessere Klimapolitik demonstrieren. - © Frank Rumpenhorst/dpa
Auch die Schüler in Lippe schließen sich der weltweiten Bewegung "Friday for Future" an und wollen am Freitag auf dem Marktplatz in Detmold für eine bessere Klimapolitik demonstrieren. (© Frank Rumpenhorst/dpa)

Bielefeld. In kurzer Zeit hat es ein schwedisches Mädchen geschafft, tausende Schüler auf der Welt für den Klimaschutz zu sensibilisieren. Die Wut und Trauer über die aus ihrer Sicht unverantwortliche Klimapolitik regierender Politiker treibt die Jugendlichen auf die Straße. Schon seit Wochen ist bekannt, dieser 15. März soll historisch werden. So viele Schüler wie nie zuvor wollen bei den Fridays-for-Future-Protesten teilnehmen. Auch in OWL formieren sich die Anhänger der „Generation Greta":

Simon Erichsen (17), 
Bielefeld:
„Politisch interessiert bin ich schon immer gewesen", sagt Simon Erichsen, Schüler am Oberstufen-Kolleg. Aber engagiert in einer Umweltschutzorganisation oder Partei, nein, das habe ihn nie überzeugt. Dann kam Greta und Erichsen gründete mit sieben anderen Jugendlichen eine lokale Fridays-for-Future-Gruppe. Die erste Demo am 18. Januar sollte nur der Anfang sein. Inzwischen kommen auch aus anderen Städten Schüler nach Bielefeld. „Greta hat uns vor Augen geführt, dass die Ziele des Pariser Klimaabkommens nie erreicht werden, wenn nicht endlich jemand Druck ausübt", sagt der 17-Jährige. „Wir müssen auf die Straße gehen. Alles andere würde sich falsch anfühlen."

Laetitia Wendt (18), 
Paderborn:
In Sachen Klimastreik hat Paderborn die Nase weit vorn. Laetitia Wendt muss inzwischen schon mit zwei Whats-App-Gruppen jonglieren. Eine Chat-Gruppe fasst 256 Leute – zu wenig für die vielen Interessierten im Hochstift, oder wie die Gymnasiastin sagt, „ein Zusammenschluss wütender Jugendlichen, die jetzt mit einer Stimme sprechen". Zweimal hat die 18-Jährige mit Freunden den Demozug angeführt – „nicht jede Woche", damit die Lehrer, die das Anliegen unterstützen, nicht in Bedrängnis kommen. Wendt fordert eine Besteuerung für Kerosin, damit Fliegen wieder teurer und unattraktiver wird. „Es reicht nicht mehr, zuhause unsere Biogurken zu essen, wir müssen mehr tun."

Darleen Rinz (18), 
Extertal:
„Es geht um nicht weniger als die Zukunft des Planeten", sagt Darleen Rinz aus dem lippischen Extertal. Die 18-Jährige zeigt seit Monaten Flagge – bislang in größeren Städten. Zusammen mit 14 Freunden hat sie jetzt die erste Kundgebung in Lemgo organisiert. Fridays for Future nimmt auch im Kleinen Fahrt auf.

Doch ihr Einsatz fordert einen Preis: Darleen nimmt mit der Teilnahme an den Kundgebungen in Kauf, dass ihr Fehlen in der Schule auf ihrem Zeugnis vermerkt werden wird. Die Fehlstunden zudem als unentschuldigt gelten. "Ich kenne die Konsequenzen, aber meine persönlichen Prinzipien gehen ganz klar vor", erklärt die 18-Jährige ihre Entscheidung. Ihre Eltern stehen hinter ihr. Ihre Mutter wird am Freitag ebenfalls mit dabei sein in Lemgo. Sie engagiert sich auch in der Gruppe "Parents for Future".

Was fordern Darleen und ihre Mitstreiter konkret? "Wir müssen früher aus dem Kohleabbau aussteigen. 2038 ist uns zu spät", sagt sie. Die Diesel-Verbote sind für sie nur der erste Schritt. "Wir wollen den Druck auf die Politik erhöhen. Sie sollen sich endlich mit dem Thema Klimaschutz ernsthaft beschäftigen und Lösungen entwickeln." Politisch aktiv war Darleen Rinz bisher nicht - der Umweltschutz ist ihr aber schon seit langem wichtig. "Ich achte da auch im Alltag drauf", sagt sie und nennt Müllvermeidung und konsequente -trennung als Beispiele. Sie wünscht sich eine globale Bewegung. Viel mehr Menschen sollten raus auf die Straße und protestieren. "Es nützt nicht viel, wenn wir einen Teil der Welt sauber halten, das ist eine weltweite Aufgabe."

Bei der Kundgebung in Lemgo wird es Reden geben. Die Polizei ist informiert. Bedenken gab es keine, nur wenige Hinweise zum Lärmschutz seitens der Ordnungshüter. Wie sind die Reaktionen in ihrer Stufe am Engelbert-Kaempfer-Gymnasium? "Unterschiedlich", sagt sie. Es gibt viele, die gut finden, was sie und ihre Freunde tun. Aber auch Kritiker. Mit denen setzt sich die 18-Jährige auch auseinander. Immer wieder hört sie: "Warum macht Ihr das nicht in Eurer Freizeit?" Da hat sie eine klare Antwort drauf. "Unser Vorgehen bringt mehr Aufmerksamkeit, wird mehr wahrgenommen. Es zwingt die Politik hoffentlich eher zum Handeln."

Johanna Brand (16), 
Detmold: "Mir ist die Fridays-for-Future-Demonstration extrem wichtig, weil ich spüre, dass etwas Machtvolles in Bewegung gesetzt wird. Es fühlt sich richtig an, Menschen für den Klimaschutz zusammen zu bringen. Wir Jugendlichen sind die letzte Generation, die noch etwas ändern kann", sagt die Schülerin. Sie fordert auch einen Wandel in der Bildungspolitik. "Klimabewusstes und nachhaltiges Handeln muss ein wichtiger Bestandteil der Bildung sein."

Die Schüler verzichteten zwar auf den Unterricht, lernten aber trotzdem Wesentliches für ihr Leben und "das sollte von allen Kritikern anerkannt werden". Der Klimawandel sei keine politische Meinung, sondern ein Fakt und deswegen gebe es "für mich keine Argumente gegen Klimaschutz und gegen das Engagement dafür.

Das Motto der morgigen Demo in Detmold soll lauten: „Lasst den Klimawandel nicht im Regen stehen".Johanna Brand (16) organisiert die Demo in Detmold. "Mir ist die Fridays-for-Future-Demonstration extrem wichtig, weil ich spüre, dass etwas Machtvolles in Bewegung gesetzt wird. Es fühlt sich richtig an, Menschen für den Klimaschutz zusammen zu bringen. Wir Jugendlichen sind die letzte Generation, die noch etwas ändern kann", sagt die Schülerin. Sie fordert auch einen Wandel in der Bildungspolitik.

"Klimabewusstes und nachhaltiges Handeln muss ein wichtiger Bestandteil der Bildung sein." Die Schüler verzichteten zwar auf den Unterricht, lernten aber trotzdem Wesentliches für ihr Leben und "das sollte von allen Kritikern anerkannt werden". Der Klimawandel sei keine politische Meinung, sondern ein Fakt und deswegen gebe es "für mich keine Argumente gegen Klimaschutz und gegen das Engagement dafür. Das Motto der morgigen Demo in Detmold soll lauten: „Lasst den Klimawandel nicht im Regen stehen".

Maria Wöstmann (18), Halle:
Jede Stunde Klima-Streik kostet Maria Wöstmann eine unentschuldigte Fehlstunde und eine sechs für die mündliche Beteiligung. Am Kreisgymnasium Halle gibt es kein Verständnis für den Protest. Wöstmann lässt sich davon nicht abschrecken und hat schon eine Demo mit 80 Teilnehmern organisiert. Auch, weil jeder Ausflug nach Bielefeld die Jugendlichen zehn Euro kostet. „Bus und Bahn müssen endlich attraktiver werden", fordert Wöstmann. Das würde neben einem schnelleren Kohleausstieg wirklich helfen.

Michelle Beste (18), 
Gütersloh:
Zum ersten Mal demonstrieren am Freitag auch die Gütersloher Schüler. Initiatorin Michelle Beste hat große Hoffnungen: „Ich wollte den Gedanken des Klimaschutzes in eine weitere Stadt bringen, da Gütersloh immerhin 100.000 Einwohner hat und jede einzelne Person, die auf die Problematik aufmerksam macht, etwas bewirken kann."

Phöbe Schröder (19), Hiddenhausen:
Etwas bewirkt hat Phöbe Schröder bereits. In Hiddenhausen, einer Gemeinde aus etlichen kleinen Dörfern im Kreis Herford, glaubte zuerst niemand an den Erfolg einer lokalen Fridays-for-Future-Aktion. Die 19-Jährige belehrte die Kritiker, organisierte zwei Demos, wurde danach von etlichen Parteien zum Gespräch geladen und durfte sogar im Umweltausschuss sprechen. Das Ergebnis: Hiddenhausen will sich jetzt verpflichtende Klimaschutzziele geben. Schröders nächster Traum: „Dass ich auch in ländlichen Gebieten mit dem Nahverkehr überall hinkomme, ohne das Auto benutzen zu müssen."

Kundgebungen und Protestzüge in der Region

Weltweit wollen Schüler an diesem Freitag für den Klimaschutz in den Streik treten. Damit soll die Bewegung „Fridays for Future" ihren vorläufigen Höhepunkt erreichen. Laut der Seite fridaysforfuture.org sind rund 1.660 Kundgebungen in 105 Ländern geplant. In Deutschland wollen Schüler an rund 200 Orten demonstrieren, auch in Ostwestfalen-Lippe:

Bielefeld: Treffen zur gemeinsamen Demo um 12 Uhr am Hauptbahnhof. Eingeladen sind auch Schüler aus Nachbarstädten ohne eigene Aktionen.

Paderborn: Kundgebung mit anschließendem Zug durch die Stadt, 13 Uhr, ab Domplatz/Neptunbrunnen

Gütersloh: Kundgebung, 12 Uhr, Berliner Platz

Lemgo: Kundgebung, 12 Uhr, Marktplatz

Detmold: Kundgebung, 15.30 Uhr, Marktplatz

Greta kämpft gegen die Apokalypse

Stockholm. Wer Greta Thunberg beobachtet, mag verwundert sein über das kleine Mädchen mit den langen Zöpfen. Es ist erstaunlich, dass diese 16-jährige Schülerin aus Schweden mit ihrem handgemalten Schild („Schulstreik für das Klima") eine internationale Protestbewegung ausgelöst hat und jetzt sogar für den Friedensnobelpreis nominiert wird.Diese entwickelt inzwischen einen beträchtlichen Sog.

Beim Weltwirtschaftsforum in Davos Ende Januar wurde Thunberg schon von Christine Lagarde begrüßt, der Chefin des Internationalen Währungsfonds. Am Freitag wollen Schülerinnen und Schüler an hunderten Orten den Unterricht boykottieren und stattdessen für eine wirksame Politik gegen den Klimawandel demonstrieren. Ähnliche Aktionen soll es in angeblich 50 Staaten der Erde geben. Und am Dienstag erklärten mehr als 12.000 Wissenschaftler aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, dass sie die Anliegen der jungen Leute unterstützen.

Für diesen Erfolg mag der Eindruck der Verletzlichkeit eine Rolle spielen: die kleine Greta gegen die große Politik. Das David-gegen-Goliath-Motiv erzeugt Solidarisierung. Gleichzeitig ist die junge Frau intuitiv professionell im Umgang mit Öffentlichkeit, Politik und Medien. Sie spitzt ihre Aussagen gnadenlos zu und polarisiert. Anfangs leise und schüchtern, haut sie, wenn sie in Fahrt kommt, in bestem Englisch, kurze, klare, harte Sätze raus.

Diese Thunberg-Botschaften klingen so: „Erwachsene sagen immer wieder: Wir sind es den jungen Leuten schuldig, ihnen Hoffnung zu geben. Aber ich will Eure Hoffnung nicht." Oder: „Ich will, dass Ihr in Panik geratet, dass Ihr die Angst spürt, die ich jeden Tag spüre." Sie begründet: „Es gibt keine Grauzonen, wenn es ums Überleben geht."

Thunberg konstruiert einen Gegensatz von Schwarz und Weiss. Entweder die erwachsenen Politiker beenden den Ausstoß klimaschädlicher Abgase, oder es kommt der Jüngste Tag. Sie spricht in einem apokalyptischen Ton und inszeniert eine enorme Dringlichkeit, was radikal und attraktiv wirkt. Dabei hat Thunberg ihr Anliegen ja nicht aus der Luft gegriffen. In ihrer Erklärung betonen die Wissenschaftler: „Nur wenn wir rasch und konsequent handeln, können wir die Erderwärmung begrenzen, das Massenaussterben von Tier- und Pflanzenarten aufhalten und eine lebenswerte Zukunft gewinnen."

Thunberg und ihre Mitstreiter reden aber nicht nur. Sie riskieren etwas, verweigern sich dem System, indem sie an einem Tag der Woche den Unterricht bestreiken. Sie demonstrieren eine gewisse Macht, üben Druck aus. Das wirkt mobilisierend. Darüber ärgern sich Politiker und Lehrer. Aber sie werden gezwungen, Stellung zu beziehen.

Diese Dynamik bewirkt augenblicklich, dass die Bewegung wächst. Irgendwann wird sie das vermutlich nicht mehr tun. Man darf gespannt sein, was den Schülerinnen und Schülern dann einfällt, um den Konflikt virulent zu halten.

Solidarität und Kritik für eine "aufmüpfige Generation"

Bielefeld. „Klar ist, hätten die Schüler freitagnachmittags demonstriert, hätten sie nicht so viel Aufmerksamkeit bekommen." Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) bringt auf den Punkt, was viele Beobachter des weltweiten Klimastreiks denken. Gerade dass die Schüler während der Unterrichtszeit demonstrieren bringt ihnen Respekt ein, aber auch Kritik und schlechte Noten.

Fest hinter den Aktionen der der Schüler stehen derzeit häufig stolze Eltern. Teilweise gemeinsam mit Großmüttern und Großvätern schließen sie sich derzeit zu „Parents for Future"-Gruppen zusammen, in Freiburg, Hürth oder auch Paderborn. Die Eltern üben unter anderem deutliche Kritik an Nordrhein-Westfalens Bildungsministerin Yvonne Gebauer und Ministerpräsident Armin Laschet. Diese hatten die Schülerdemonstranten als Schulschwänzer bezeichnet und Schulleiter dazu aufgefordert, notfalls auch Sanktionen gegen streikende Schüler zu verhängen.

Rückenwind erhalten die Schüler auch von einer breiten Allianz europäischer Wissenschaftler, die unter dem Label „Scientists for Future" Fakten und Argumente für den Protest der Schüler liefern.

Unterstützung gibt es auch von der Bundesstudierendenvertretung. Viele der „Students for Future" nehmen schon seit Wochen vor Ort an Demos teil. In einer offiziellen Erklärung heißt es: „Wir unterstützen, dass Schüler die Politik selbst in die Hand nehmen. Das sollte auch das Ziel von Bildung in Schule und Hochschule sein: Sich mit einem Thema so auseinanderzusetzen, dass man sich dazu eine Meinung bilden kann und gemeinsam mit anderen das eigene und das gesellschaftliche Leben gestalten kann. Es ist also völlig legitim und ein demokratisches Mittel, dass die Schule oder Hochschule bestreikt wird. Politiker, die das kleinreden oder verhindern wollen, fürchten nur basisdemokratisches Engagement."

Im politischen Lager sind es vor allem linke und grüne Politiker die sich mit Solidaritätsbekundungen zu Wort melden. Schahina Gambir, Sprecherin der Grünen in Bielefeld betont: „Fehlstunden verkraftet man, die Klimakatastrophe nicht! Es ist höchste Zeit, dass diese Botschaft auch in der Politik gehört und ernst genommen wird."

Dass noch nicht jeder Politiker sich davon angesprochen fühlt, zeigten Äußerungen von FDP-Chef Christian Lindner („Die sollen den Protest mal den Profis überlassen.") oder dem Paderborner CDU-Landtagsangeordneten Daniel Sieveke, der den Schülern vorwirft, sie würden nur einer Mode nachlaufen und wollten die Schule schwänzen.Der Bielefelder Bildungsforscher Klaus Hurrelmann sieht derweil mit „Fridays for Future" eine neue „aufmüpfige Generation" heranwachsen.

Die Schülerinnen und Schüler seien heute viel politischer als die über 20-Jährigen und vor allem die über 25-Jährigen, sagte Hurrelmann. „Umwelt hat für junge Leute seit langem einen hohen Stellenwert", so Hurrelmann. Dieses Thema scheine für sie emotional an der Spitze zu stehen. Er betont aber auch, wenn er Rektor einer Schule wäre, würde er das Schwänzen bestrafen.

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