Bielefelder Wissenschaftler erforscht Amateurpornos

Susanne Lahr

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Privater Sex im Internet: Ein Forschungsprojekt an der Uni Bielefeld 
untersucht jetzt Amateurpornos und dokumentiert sexuelle Praktiken unter
deutschen Dächern. - © Symbolfoto: Pixabay
Privater Sex im Internet: Ein Forschungsprojekt an der Uni Bielefeld untersucht jetzt Amateurpornos und dokumentiert sexuelle Praktiken unter deutschen Dächern. (© Symbolfoto: Pixabay)

Bielefeld. Sexualität heute noch erforschen, ist das nötig? Ist doch alles gesagt, beschrieben, gezeigt, und alle Spielarten sind im Internet zu sehen. Der Soziologe Sven Lewandowski von der Universität Bielefeld ist ganz anderer Meinung. Er möchte daher mit Hilfe privater Videos einen Blick in deutsche Schlafzimmer werfen. Und die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziert sein Forschungsprojekt zu sexuellen Praktiken in der Amateurpornographie.

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Drei Jahre lang will der 49-jährige Wissenschaftler herausfinden, warum und wie sich die Menschen bei welcher Art Sex filmen. Und vor allem möchte der Soziologe erfahren, wie es dazu gekommen ist, dass die Geschlechtspartner ihre Selbstinszenierung öffentlich machen.

Beschreibungen kein Ersatz für Videos

Für Sven Lewandowski ein hoch spannendes Thema, da seine Arbeit nach seinen Worten der sozialwissenschaftlichen Sexualforschung einen neuen Zugang verschafft, der mit den konventionellen Methoden nicht zu erreichen ist. "Die Forscher litten bisher an dem banalen Problem, dass sie schlecht in den Schlafzimmern zuschauen konnten", sagt Sven Lewandowski. "Und Beschreibungen körperlicher Praktiken sind kein Ersatz." Jetzt liefern die Menschen mit ihren Videos sozusagen freiwillig das passende Material.

Sexuelles Benehmen ist erlernt

Darum wird der Soziologe in der nächsten Zeit in einschlägigen Foren aktiv werden, um geeignete Probanden für seine Studie zu finden - auf Tauschbörsen, Webseiten, in Chatrooms. Auf diese Weise will Lewandowski den direkten Kontakt zu den "Darstellern" herstellen, um sie auch interviewen zu können. Wobei er fest glaubt, dass die Amateurpornodarsteller nicht nur irgendwelche Videos der Pornoindustrie nachstellen. "Die individuellen sexuellen Handlungsstile setzen sich auf Dauer immer durch", erklärt er. "So wie man auch nicht zehn Seiten lang seine Handschrift komplett verstellen kann."

Was passiert, wenn die Kamera aus ist?

Das Forschungsinteresse richtet sich auf Amateurpornos, die nicht primär finanziell motiviert sind, sondern der Selbstinszenierung sexueller Identitäten und Formen des Begehrens dienen und/oder dem Lustgewinn. Sven Lewandowski will aber nicht nur wissen, was passiert, wenn die Kamera an ist, sondern auch, was davor oder danach passiert. Er sucht Menschen mit langjährigen Beziehungen oder Daueraffären. "Mich interessieren Ottonormalverbraucher, die jenseits der Kamera eine sexuelle Beziehung haben."

Soziale Phänomene hätten schon immer die Sexualität im Allgemeinen verändert, sagt Lewandowski. "Die heutige Sexualität navigiert zwischen der medialen sexuellen Inszenierung und dem privaten Begehren." Die Amateurpornographie ist für den Soziologen eine normale Spielart. "Diese Menschen haben eben die Neigung, ihr privates Leben auch auf diesem Gebiet öffentlich zu machen. So wie andere ihr Essen posten oder Fotos ihrer Kinder."

Im Soziologen-Eldorado

"Aber alle sozialen Phänomene - egal wie fremd sie zunächst erscheinen mögen - sind erforschenswert", erklärt der 49-Jährige. Der Soziologe ist extra für dieses Forschungsprojekt von Würzburg nach Bielefeld gekommen. "Vom soziologischen Dorf in die Großstadt New York", sagt Lewandowski und lacht. Seit dem 1. Februar ist er in Bielefeld. Jetzt ist er im Soziologen-Eldorado angekommen. Was ihm noch fehlt ist eine passende Wohnung.

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