Ein Opfer von Datenklau berichtet: "Ich war mit den Nerven am Ende"

Stefan Koch

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Identitätsdiebstahl: Meist werden pesönliche Daten aus dem Netz
gestohlen. In Minden sind Diebe kürzlich ins Bürgeramt eingestiegen und
haben Akten mitgenommen. - © Karl-Josef Hildenbrand/dpa
Identitätsdiebstahl: Meist werden pesönliche Daten aus dem Netz gestohlen. In Minden sind Diebe kürzlich ins Bürgeramt eingestiegen und haben Akten mitgenommen. (© Karl-Josef Hildenbrand/dpa)

Minden. „Ich habe gleich an meinen Fall gedacht", sagt ein Mindener, der den Bericht über die aus dem Bürgerbüro Minden gestohlenen Akten für Reisepässe und Personalausweise gelesen hat. Was mit Menschen geschieht, deren Daten in die Hände von Kriminellen fallen und die diese für Betrügereien aller Art missbrauchen, hat er selbst erlebt. „Immer noch sehe ich mich mit Schulden konfrontiert, die der Unbekannte 2016 verursacht hat."

Der 60-Jährige schätzt, dass in den vergangenen Jahren Forderungen in Höhe von 40.000 bis 60.000 Euro gegen ihn aufgelaufen sind, ohne dass er dazu beigetragen hatte. „Am Anfang hatten sich die Ermittlungsbehörden noch sehr mit meinem Fall beschäftigt – doch mittlerweile höre ich gar nichts mehr." Der Täter sei wohl spurlos verschwunden oder habe sich ein neues Opfer gesucht.

Nicht bestellte Schuhe, Krankenhausrechnungen, Sex-Hotlines

Als der Alptraum des Mindeners begann, lag er wegen seiner chronischen Erkrankung für mehrere Tage im Krankenhaus. In dieser Zeit, am 28. November 2016, klingelte der Postbote mit einem Paket mit Herrenschuhen an der Tür des Abwesenden und gab dies dann bei der Nachbarin ab.

Die Ware hatte der Rentner nie bestellt, erhielt aber kurz darauf die Rechnung – so wie bei weiteren Lieferungen, die nun fast täglich an seiner Mindener Adresse eintrudelten. Hinzu kamen Forderungen von Betreibern von Sex-Hotlines, Schreiben von Banken wegen eines Kredites und Rechnungen für einen Privatpatienten seines Namens aus Krankenhäusern in Wuppertal, Bielefeld und Gütersloh.

"Krankenhauswanderer" unter falschem Namen

Die Ermittlungen der Polizei in Gütersloh ergaben, dass ein sogenannter Krankenhauswanderer – also eine Person, die Leistungen in Hospitälern nutzt, um dann abzutauchen – sich unter dem Namen des Mindeners als Notfallpatient hatte einweisen lassen.Noch während die Ermittlungen liefen, setzte der Täter seine Serie an Betrügereien im Namen des Mindeners fort, ließ sich in einem Leverkusener Krankenhaus behandeln und schlug dann neue Wege ein.

So sollte der Inhaber der gekaperten Adresse auch noch eine Rechnung für einen tschechischen Führerschein in Höhe von 1.800 Euro bezahlen. Ein Standesamt schickte eine Zahlungsaufforderung, nachdem dort telefonisch die Bestellung einer Eheurkunde eingegangen war. Offenbar brauchte das Phantom den Nachweis für seine eigene Heirat und rief dort unter dem Namen des Opfers an.

Wege der Daten bis heute unklar

Bis heute kann sich der Mindener nicht erklären, wie der Unbekannte wissen konnte, welches Standesamt für ihn zuständig war – denn es handelte sich um Dörverden, wo er seine erste Frau geheiratet hatte. Der Rentner vermutet, dass er irgendwann bei einem Krankenhausaufenthalt an den Identitätsdieb geraten war – vielleicht hatte ihn der Täter während eines gemeinsamen Aufenthaltes ausgespäht.

Weil der Mindener für die nicht von ihm bestellten Waren und Dienstleistungen nicht bezahlen wollte, setzen die Lieferanten Inkassounternehmen auf ihn an. Die Schufa speicherte ihn als kreditunwürdige Person, er konnte keine Verträge mehr abschließen. Mit den Nerven völlig am Ende suchte der Geschädigte Hilfe beim Weißen Ring. Zudem schaltete er einen Anwalt ein, um die zahlreichen Geldforderungen zu regulieren.

Nichts Neues von der Polizei

„Ich wollte nur noch, dass das aufhört", erinnert sich der Mindener an die Zeit, als der Unbekannte unter seinem Namen aktiv war. Zwar habe es seit mehr als einem Jahr keine neuen Rechnungen gegeben. Dennoch halten die Versandhäuser an ihren Forderungen fest.

Auch von der Polizei hat der Geschädigte nichts Neues gehört. Nur eine undeutliche Videoaufzeichnung existiert von dem Unbekannten. Und obwohl viele Krankenhausmitarbeiter das Phantom sahen, haben die Beamten kein Phantombild anfertigen lassen. So weiß auch der 60-Jährige nicht, wie der Identitätsdieb aussieht.

Datendiebe im Netz unterwegs

Das klassische Tummelfeld für Datendiebe bleibt aber das Internet. Wie die Kreispolizeibehörde anlässlich der Vorstellung der Kriminalitätsstatistik für den Kreis Minden-Lübbecke im Februar bekannt gab, fielen im vergangenen Jahr bei den Ermittlern 174 Fälle von Computerkriminalität an, von denen sie mehr als vier Fünftel aufklärte.

Bei Betrug und Datendiebstahl im Netz gelangen Kriminelle durch eigene Recherche an Informationen, die viele freiwillig in sozialen Netzwerken oder auf anderen Plattformen von sich preisgeben. „Hier findet man Vor- und Zunamen, Adressen, Familienverhältnisse, berufliche Tätigkeiten, persönliche Bilder und vieles mehr", sagt Ralf Steinmeyer, Pressesprecher der Kreispolizeibehörde. „Daher sollte sich jeder die Frage stellen, was er im Internet für jeden frei verfügbar preisgeben will." Täter agierten aber auch ganz klassisch, indem sie Telefonbücher auswerteten. „So zum Beispiel beim Enkeltrick, wo sie gezielt nach Namen älterer Menschen suchen."

Gefahrenquelle Schadsoftware

Eine weitere Variante des Datendiebstahls am PC erfolgt über Schadsoftware. „Hier werden massenhaft inkriminierte E-Mails versandt", so Steinmeyer. „Wenn der Empfänger den Anhang oder einen beigefügten Link öffnet, installiert sich zum Beispiel ein Trojaner." Die Polizei rät davon ab, verdächtige Anhänge in E-Mails zu öffnen oder sich über Links auf Seiten locken zu lassen." Die von den Kriminellen missbräuchlich erlangten Daten werden dann für so genannte Verwertungstaten wie zum Beispiel dem Warenkreditbetrug eingesetzt."

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