Vermisst: Wenn Kinder spurlos verschwinden

Carolin Brokmann

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Die Suche nach vermissten Kindern hört niemals auf. - © Pixabay
Die Suche nach vermissten Kindern hört niemals auf. (© Pixabay)
Tanja Mühlinghaus aus Wuppertal war 15, als sie am 21. Oktober 1998 verschwand. - © Polizei Wuppertal
Tanja Mühlinghaus aus Wuppertal war 15, als sie am 21. Oktober 1998 verschwand. (© Polizei Wuppertal)

Bad Driburg. Leicht von unten blickt das dunkelhaarige Mädchen in die Kamera. Das Foto ist mittlerweile mehr als 30 Jahre alt, der Fall aber noch immer aktuell. Das Bild zeigt die damals 12-jährige Ramona Herling. Das Mädchen war am 11. Mai 1989 auf dem Weg ins Schwimmbad, nicht weit von ihrem Elternhaus in Bad Driburg entfernt. Doch dort kam sie nie an. Bis heute fehlt von ihr jede Spur.

Ramona Herling, Deborah Sassen, Tanja Mühlinghaus oder Emin Önen: Alle diese Kinder sind spurlos verschwunden und werden noch bis heute vermisst – teilweise seit Jahrzehnten. Doch die Suche nach ihnen wird nie aufhören. „Solche Fälle sind noch da und werden bei neuen Hinweisen auch immer wieder aufgerollt", erklärt Andreas Hellwig, Pressesprecher der Polizei Höxter. Das bestätigt auch Simone Lah-Schnier, Polizeisprecherin aus Herford: „Bei Kindern wird immer weiter ermittelt."

Von knapp 2000 Kindern in Deutschland fehlt jede Spur

Jedes Jahr werden viele tausend Menschen als vermisst gemeldet. 2018 waren es laut dem Bundeskriminalamt (BKA) allein 12.762 Fälle von vermissten Kindern. Rund 97 Prozent dieser Fälle könnte die Polizei aufklären. Derzeit sind dem BKA insgesamt 1995 ungeklärte Fälle von vermissten Kindern bekannt. Mehr als die Hälfte davon seien Ausreißer oder unbegleitete Flüchtlinge, die selbstständig unterwegs sind. Bei den übrigen allerdings sei zu befürchten, dass sie Opfer einer Straftat wurden und nicht mehr am Leben sind.

Eltern geben nie die Hoffnung auf

Die 12-jährige Ramona Herling aus Bad Driburg wollte im Mai 1981 ins Schwimmbad - doch dort kam sie nie an. - © Polizei Höxter
Die 12-jährige Ramona Herling aus Bad Driburg wollte im Mai 1981 ins Schwimmbad - doch dort kam sie nie an. (© Polizei Höxter)

„Eine zerstörerische Situation für Eltern, Geschwister, die gesamte Familie", weiß Lars Bruhns, Vorsitzender der Initiative Vermisste Kinder. Gerade in der Anfangszeit sei die Aufmerksamkeit groß, ein emotionales Auf und Ab, immer wieder keime neue Hoffnung auf, bis nur noch eines bleibt: quälende Ungewissheit. Auf ihrer Internetseite hat die Initiative 48 verschwundene Mädchen und Jungen mit Informationen verlinkt. Vor allem die Ungewissheit mache den Familien schwer zu schaffen. „Eltern wollen Gewissheit, auch wenn sie noch so traurig ist."

Pierre Pahlke aus Essen war bereits 21, als er am 17. September 2013 spurlos verschwand. Der geisitig behinderte junge Mann lebte in einem Essener Wohnheim unweit des Supermarktes, in dem er zuletzt gesehen wurde. - © Polizei Essen
Pierre Pahlke aus Essen war bereits 21, als er am 17. September 2013 spurlos verschwand. Der geisitig behinderte junge Mann lebte in einem Essener Wohnheim unweit des Supermarktes, in dem er zuletzt gesehen wurde. (© Polizei Essen)

Die meisten gäben die Hoffnung nie auf, selbst nach Jahrzehnten nicht. Auch wenn sie laut Bruhns wissen, dass die Realität wahrscheinlich eine andere ist. In OWL fehlt derzeit von zwei Mädchen jede Spur. Neben Ramona Herling aus Bad Driburg ist auch Katrice Lee aus Paderborn bereits seit mehr als 30 Jahren spurlos verschwunden.

Viele Kinde bleiben nicht lange verschwunden

Doch es gibt auch andere Beispiele. In Löhne im Kreis Herford waren im Februar 1999 zwei vier und zwei Jahre alte Mädchen zusammen mit ihrem Vater verschwunden. Trotz bundesweiter Berichterstattung fehlte von den Schwestern jede Spur – ganze zehn Jahre lang. Schließlich wurden sie im Ausland gefunden, der Vater wurde wegen Kindesentziehung verurteilt, berichtet Simone Lah-Schnier.

Die zweijährige Katrice Lee aus Paderborn verschwand am 28. November 1981 aus einem Shopping Center in Schloß Neuhaus. - © Phil Wels
Die zweijährige Katrice Lee aus Paderborn verschwand am 28. November 1981 aus einem Shopping Center in Schloß Neuhaus. (© Phil Wels)

„Nicht wenige der vermissten Kinder sind Dauerausreißer aus Kinder- oder Jugendeinrichtungen", sagt Nils Schröder, Pressesprecher der Polizei Minden-Lübbecke. Die Einrichtungen müssen die Kinder und Jugendlichen der Polizei melden, „diese tauchen aber in der Regel nach einem halben oder einem Tag, wieder auf", ergänzt die Gütersloher Polizeisprecherin Corinna Koptik.

Familien brauchen Unterstützung

Für die Familien vermisster Kinder fehle laut Lars Bruhns vor allem staatliche Unterstützung. „Das Opferentschädigungsgesetz greift bei Vermisstenfällen häufig nicht." Über das Gesetz verpflichten sich Bund und Länder, Opfer von Gewalttaten zu versorgen – etwa die Finanzierung von Reha-Maßnahmen. „Doch für Angehörige von Vermissten wird eine Maßnahme nur schwer bewilligt", weiß Bruhns. So greifen private Initiativen wie seine oder auch die Opferschutzorganisation Weißer Ring ein und bieten Angehörigen Hilfestellung oder eine Auszeit.

Seit dem 16. Mai 1993 wird der damals zehnjährige Emil Önen aus Kerpen vermisst. - © Polizei Rhein-Erft-Kreis
Seit dem 16. Mai 1993 wird der damals zehnjährige Emil Önen aus Kerpen vermisst. (© Polizei Rhein-Erft-Kreis)

Wichtig für Familien sei auch ein polizeilicher Ansprechpartner, wie es ihn beispielsweise in England gibt. „Dort nennen sie sich Family Liason Officer und bilden eine Schnittstelle zwischen Polizei und Familie", erklärt Bruhns. Sie ermitteln, stellen aber auch eine dauerhafte, vertrauensvolle Verbindung her.

Aktionstag

Der 25. Mai ist seit 1983 der Tag der vermissten Kinder. Der damalige US-Präsident Ronald Reagan wählte diesen Tag, um an den sechsjährigen Etan Platz zu gedenken. Etan Platz verschwand am 25. Mai 1979 auf dem Weg zur Schule, sein Schicksal blieb Jahrzehnte ungeklärt. Erst 33 Jahre später, am 24. Mai 2012 verhaftete die Polizei Pedro Hernandez, nachdem er gestanden hatte, Etan Patz erwürgt und seine Leiche entsorgt zu haben. Im Februar 2017 wurde Hernandez der Entführung und des Mordes schuldig gesprochen. 2002 wurde der Gedenktag auch in Europa eingeführt.

Die damals achtjährige Deborah Sassen aus Düsseldorf wird seit dem 13. Februar 1996 vermisst. Sie kam nach dem Schwimmunterricht nicht nach Hause. - © Polizei Düsseldorf
Die damals achtjährige Deborah Sassen aus Düsseldorf wird seit dem 13. Februar 1996 vermisst. Sie kam nach dem Schwimmunterricht nicht nach Hause. (© Polizei Düsseldorf)

Die Telefonnummer 116 000 ist eine europaweit einheitliche Hotline für vermisste Kinder. Sie ist kostenlos aus allen Netzen rund um die Uhr erreichbar.

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