Experten warnen vor Gefahren in Badeseen

Anneke Quasdorf

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Beim Baden in Seen ergeben sich besondere Gefahren. Ertrinken können auch fitte Schwimmer - © Pixabay
Beim Baden in Seen ergeben sich besondere Gefahren. Ertrinken können auch fitte Schwimmer (© Pixabay)

Paderborn. Fünf Menschen sind am Pfingstwochenende bundesweit beim Baden ertrunken, darunter ein 18-jähriger Taiwanese, der in Minden in der Weser abgetrieben worden war. Auch am Wochenende davor ertranken deutschlandweit fünf Menschen in Flüssen, Seen und Teichen. Doch warum ist das Schwimmen in diesen Gewässern so gefährlich?

Mindestens 504 Menschen ertranken 2018 in Deutschland. Die Ertrinkungsstatistik der DLRG zeigt: 211 von ihnen starben in Seen und Teichen. Damit fordern diese Freigewässer Jahr für Jahr die meisten Todesopfer. Pierre Rojahn, stellvertretender Geschäftsführer bei der DLRG-Ortsgruppe Paderborn, weiß, warum das so ist: „Weil die Menschen die Baderegeln nicht befolgen." Und zwar das oberste Gebot: Abkühlung. „Die Leute springen an heißen Tagen einfach so erhitzt ins Wasser. Durch den Schock verfällt der Körper in eine Starre. Das Herz hört auf zu schlagen, und man geht einfach unter."

Das Tückische in den Seen sind die Sprungschichten. Rojahn: „In einem See, der, wie die meisten hier im Kreis, keine Zuläufe hat, sondern sich aus Grundwasser speist, ist keine Bewegung, findet keine Umwälzung des Wassers statt. Auf diese Weise bilden sich Wasserschichten mit großen Temperaturunterschieden."
So könne das Wasser direkt am Ufer 20 Grad warm sein, mit abfallendem Grund käme plötzlich eine Schicht, die nur noch acht Grad habe, gefolgt von einer noch tieferen Schicht, die wieder 20 Grad warm sei. „Das ist für den Körper eine hochgefährliche Mixtur. Das weiß aber keiner."

Größter Irrtum: die Annahme, so was könne nur älteren oder kranken Menschen passieren. Rojahn: „Das ist Unsinn. So einen Schock macht kein Körper mit, das kann Kinder treffen oder vollkommen gesunde 20-Jährige." Tatsächlich ertranken im vergangenen Jahr 71 Menschen zwischen null und 20 Jahren und 176 Menschen zwischen 21 und 56 Jahren, wie die Ertrinkungsstatistik belegt.
Grundsätzlich erleben die Experten eine immer größere Unbedarftheit im Umgang mit Wasser.

„Die Leute denken, dass Baden in Flüssen und Seen das gleiche ist wie im Freibad. Und das stimmt einfach nicht", sagt Bastian Wiebusch, technischer Leiter der Wasserwacht Westfalen-Lippe. „In Flüssen gibt es gefährliche Strömungen, die vom Ufer aus nicht zu sehen sind. Rund um Wehre wird oft Trinkwasser abgepumpt, das ist lebensgefährlich. Deshalb gibt es ja die Baderegeln, um sich in Gewässern zu orientieren und sicher schwimmen zu gehen. Aber die kennen die meisten ja gar nicht mehr."

Dass See nicht gleich Badesee ist, zeigen Zahlen im Kreis Paderborn. 25 Baggerseen gibt es hier. Nur im Lippesee bei Sande ist das Baden erlaubt, an allen anderen nicht. Das wird aber immer wieder ignoriert. Besonders beliebt ist laut Rojahn der Habichtsee in Schloß Neuhaus. „Hier stehen rund 20 Hinweisschilder, dass das Baden verboten ist. Mehr können wir nicht machen." Zuletzt war hier 2013 ein Schwimmer ertrunken.

Eine fast noch bestürzendere Erkenntnis liefert jedoch der häufigste Grund für Badeunfälle, der zur Unwissenheit dazu kommt: „In 90 Prozent der Fälle ist Alkohol im Spiel", sagt DLRG-Experte Rojahn. Der belaste das Herz-Kreislauf-System nicht nur zusätzlich, sondern verzerre die Wahrnehmung – der Temperaturen und der eigenen Fähigkeiten.

Dies könnte auch eine Erklärung für den eklatanten Unterschied sein, den die Ertrinkungsstatistik hinsichtlich der Geschlechter aufzeigt: Rund 80 Prozent der Badetoten im vergangenen Jahr waren Männer.

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