Diakonie will Alte nicht mehr fixieren

Freiheitsentziehende Maßnahmen sollen komplett abgeschafft werden

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Bielefeld. Mindestens jeder zehnte Bewohner eines Altenheimes muss hinter hochgezogenen Bettgittern schlafen oder wird im schlimmsten Fall mit einem Gurt fixiert. Zwar stehen Zwangsmaßnahmen dieser Art unter dem Vorbehalt richterlicher Genehmigung und dienen in aller Regel dem Schutz der Betroffenen. Trotzdem gibt es daran immer wieder Kritik. Denn den alten Menschen wird ein wichtiges Grundrecht genommen.

Die Diakonie Rheinland- Westfalen-Lippe, die insgesamt 450 stationäre Alteneinrichtungen, darunter auch zahleiche in der Region OWL, betreibt, will die sogenannten "freiheitseinschränkenden Maßnahmen" deshalb in Zukunft "auf Null reduzieren". Das bestätigte am Donnerstag der Geschäftsführer des evangelischen Verbandes für Altenhilfe, Rudolf Michel-Fabian. "Es wird höchste Zeit, dass wir uns uns in dieser Frage auf den Weg machen", sagte er der Neuen Westfälischen. Dazu sei man insbesondere auch als Christ verpflichtet.

Nach Angaben von Michel-Fabian gibt es neben der notwendigen Qualifizierung des Pflegepersonals eine Reihe von Möglichkeiten, um "Fixierungen nahezu komplett zu vermeiden".

Dazu gehöre beispielsweise ein gezielteres Bewegungstraining. Außerdem könne man beispielsweise die Heime mit Niedrigbetten ausrüsten, aus denen kein Sturzrisiko mehr besteht. Auch mit dem Einsatz von Kontaktmatten habe man in einem Projekt in Gronau sehr gute Erfahrungen gemacht. Über diese Matten wird ein Signal an das Pflegepersonal ausgelöst, wenn jemand sein Zimmer verlässt. Zur Realisierung des Ziels müsse es auch finanzielle Investitionen geben, sagte Michel-Fabian. Die Geldfrage sei aber zweitrangig.

Fixierungen in Heimen werden meist vorgenommen, um Stürze oder sturzbedingte Verletzungen bei alten Menschen zu vermeiden. Häufig sind Demenzkranke von den freiheitseinschränkenden Maßnahmen betroffen. Auch für das Pflegepersonal sei es belastend, einen Pflegebedürftigen hinter Gitter zu legen oder ihn im Extremfall ans Bett zu fesseln, betonte Michel-Fabian.

Die Caritas, der Wohlfahrtsverband der katholischen Kirche, steht den Fixierungen nach eigenen Angaben ebenfalls kritisch gegenüber. "Unsere Träger arbeiten bereits sehr kreativ, um diese Maßnahmen zu reduzieren", sagte Christoph Menz, Referatsleiter Altenhilfe im Diözesancaritasverband Paderborn, unter dessen Dach es 119 stationäre Alteneinrichtungen mit etwa 10.000 Plätzen gibt. Das größte Problem bei dem Ziel, auf freiheitsentziehende Maßnahmen verzichten, sei "derzeit noch die Haftungsfrage", sagte Menz.

Im Falle eines Sturzes müsse die Pflegeeinrichtung gebenüber der Krankenkasse nachweisen, dass sie alles getan habe, um eine Verletzung zu verhindern. Trotzdem "müssen die freiheitsentziehende Maßnahmen reduziert werden", fordert auch Annettte Ruwwe, Sprecherin des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes NRW. Eine Expertengruppe habe bereits eine Leitlinie dazu entwickelt. Eine Studie mit 36 Alten- und Pflegeheimen in Hamburg und NRW habe jüngst gezeigt, dass sich bei Anwendung der Leitlinie viele Fixierungen vermeiden lassen, ohne dass es zu mehr Stürzen und Verletzungen komme.

Information

Gurt als Todesfalle

  • Nach Angaben von Diakonie und Caritas werden Heimbewohner nur "extrem selten" mit einem Gurt fixiert.
  • Von dieser Zwangsmaßnahme sei etwa einer von hundert Bewohnern betroffen.
  • Die Ludwig-Maximilians-Universität München hat in einer Studie nach Auswertung von 27.000 Obduktionen zwischen 2007 und 2010 festgestellt, dass 22 Pflegebedürftige gestorben sind, weil sie mit einem Gurt fixiert waren.
  • In 19 Fällen wurde dabei eine fehlerhafte Anwendung der Gurte festgestellt. (gär)

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