Wie eine Transsexuelle um eine Brustvergrößerung kämpft

Carmen Galler: "Ich will einfach nur eine Frau sein" / Neues Gesetz

VON SANDRA SPIEKER

"Ich will einfach nur eine Frau sein" - © OWL
"Ich will einfach nur eine Frau sein" (© OWL)

Bielefeld. Wenn Carmen Galler an sich herunterschaut, leidet sie. Viel hat sie getan dafür, dass ihr Körper weiblicher wird und wirkt. Schmerzen und etliche Tränen. Das sei aber harmlos im Vergleich zu dem, was sie jetzt durchmache. Denn der letzte und wichtigste Schritt vom Mann zur Frau fehlt ihr noch: eine Brustvergrößerung. Die wurde aber von der Krankenkasse immer wieder abgelehnt. Ein neues Urteil gibt ihr jetzt wieder Mut.

"Ich falle halt auf", sagt Carmen Galler, wenn sie mit ihrer Lebensgefährtin Sylvia Stracke-Austermann durch die Stadt geht. Sie ist groß, hat langes blondes Haar, ist perfekt geschminkt und trägt gern kurze Röcke oder Hosen. Die 53-Jährige ist transsexuell. Sie ist, so sagt sie, im falschen Körper geboren worden, dem eines Mannes. Lange hat sie dagegen angekämpft, dass sie als Kind gern Frauenkleider trug.

Als Mann habe sie sehr extrem gelebt, sagt Carmen Galler heute. Sie war Mitglied in einer Rockergruppe und bei den Gebirgsjägern der Bundeswehr. Es folgten Heirat und die Gründung einer Familie mit drei mittlerweile erwachsenen Kindern.

Trotz Rückschlägen will die Bielefelderin Carmen Galler weiter um eine Brustvergrößerung kämpfen. - © FOTO: SARAH JONEK
Trotz Rückschlägen will die Bielefelderin Carmen Galler weiter um eine Brustvergrößerung kämpfen. (© FOTO: SARAH JONEK)

"Heimlich habe ich aber immer als Frau gelebt, 30 Jahre lang", sagt sie. 2007 hat sie sich mit Unterstützung einer Bekannten geoutet – und diesen Schritt nie bereut. Nur zu ihren Kindern hat sie heute keinen Kontakt mehr, sagt Carmen Galler und kämpft mit den Tränen.

Noch fehlt der Brustaufbau

Seit 2009 unterzieht sie sich einer Hormontherapie, Anfang des Jahres folgte die große geschlechtsangleichende Operation. "Ein sechsstündiger Eingriff in Essen", berichtet sie. Nur wenige Kliniken in Deutschland führen solche Operationen durch. Ein zweiter kleinerer Eingriff folgte. Beide hat die Diabetikerin gut überstanden. Was jetzt noch fehlt, ist ein Brustaufbau. Denn trotz Hormonbehandlung hat sich bei ihr keine Brust gebildet.

"Ich vergleiche sie immer mit der eines 12-jährigen Mädchens", sagt Carmen Galler. Derzeit trägt sie die BH-Größe 95 B, muss das Körbchen aber auspolstern. Auch 95 A – eine Größe, die es in Geschäften ohnehin kaum zu kaufen gebe – wäre noch zu groß.
Zahlreiche Arztbesuche und Gutachten folgten. Eine Übernahme der Kosten für einen Brustaufbau wurden ihr mehrfach von ihrer Krankenkasse, der AOK, verwehrt.

Sie selbst kann den Eingriff nicht finanzieren. Schummeln mit Push-up-BHs und Einlagen kommt für sie auf Dauer nicht in Frage. Für transsexuelle Menschen sei die weibliche Brust das primäre erkennbare Geschlechtsmerkmal. "Ich möchte wenigstens ein Dekolleté, bei dem man einen Brustansatz sieht", sagt sie. Einfach nur eine eine Frau zu sein, mehr wünsche sie sich nicht.

Krankenkassse beruft sich auf Gutachten

Information

Alltagstest vor der Behandlung

  • Transsexuelle sind Männer und Frauen, die sich ihrem angeborenen biologischen Geschlecht nicht zugehörig fühlen.
  • Um den Körper dem als passend erlebten Geschlecht anzugleichen, lassen sie sich hormonell und chirurgisch behandeln.
  • Zuvor kommt der Alltagstest: Er oder sie muss mindestens ein Jahr lang in der angestrebten Rolle leben.
  • Seit 1981 gibt es ein Gesetz, das den Wechsel des Vornamens und des Personenstandes regelt.
  • Wissenschaftler schätzen, dass es unter 10.000 Männern und 15.000 Frauen jeweils einen Transsexuellen gibt. Betroffene setzen die Zahl viel höher an.

Laut Gutachten des Medizinischen Dienstes der Krankenkasse ist ein Brustaufbau nicht nötig, weil bei der Patientin keine "Beeinträchtigung der Körperfunktion" festzustellen sei. "Hier handelt es sich um eine Brustgröße, die innerhalb der großen Streubreite der Normvarianten weiblicher Brüste einzuordnen ist", heißt es in dem Gutachten. Galler widerspricht: "Vom medizinischen Dienst wurden auch falsche Angaben über das Gewicht meiner Brust gemacht."

Neuen Mut schöpfte sie, als sie in dieser Zeitung von einem Urteil des Bundessozialgerichts las. Demnach haben Mann-zu-Frau-Transsexuelle generell Anspruch auf eine Brustvergrößerung, wenn eine bestimmte Größe noch nicht erreicht ist. Voraussetzung ist, dass sich anders, etwa durch eine Hormonbehandlung, keine Brust mit mindestens Körbchengröße A gebildet hat. "Genau das trifft auf mich zu", sagt die 53-Jährige.

Michael Hilbert von der AOK Nordwest in Gütersloh sagte auf Nachfrage dieser Zeitung, dass die Krankenkassse bei ihrer Entscheidung bleibe. Sie müsse sich auf das Gutachten des Medizinischen Dienstes berufen und die Angaben, die Frau Galler im Gespräch mit dem Dienst gemacht habe. Da, so Hilbert, habe sie berichtet, man habe ihr in einem Wäschegeschäft gesagt Körbchengröße A sei "für sie passend". Carmen Galler will aber nicht aufgeben: "Für mich ist die Ablehnung nicht akzeptabel."

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