Prozess gegen Lehrerin Heidi K. aus Detmold: Richter erinnern sich nicht

VON SONJA JORDANS

Horst Arnold (helles Hemd) und sein Anwalt Hartmut Lierow freuten sich im Juli 2011 über den Freispruch im Wiederaufnahmeverfahren. Inzwischen ist Arnold verstorben. - © FOTO: DPA
Horst Arnold (helles Hemd) und sein Anwalt Hartmut Lierow freuten sich im Juli 2011 über den Freispruch im Wiederaufnahmeverfahren. Inzwischen ist Arnold verstorben. (© FOTO: DPA)

Darmstadt/Bielefeld. Im Prozess gegen die ehemalige Lehrerin Heidi K., die einst in Bielefeld unterrichtete und einen Kollegen fälschlich der Vergewaltigung bezichtigt haben soll, haben zwei Richter als Zeugen ausgesagt - mit überraschendem Ergebnis.

Dass sich Zeugen nicht mehr erinnern, passiert im Gerichtssaal nicht gerade selten. Sätze wie "Ich weiß nicht", "Ich kann mich nur noch dunkel erinnern" oder "Das ist schon so lange her" sind nicht ungewöhnlich. Überraschend ist es allerdings, wenn diese Sätze aus dem Mund eines Richters kommen.

Im Prozess gegen die ehemalige aus Detmold stammende Lehrerin Heidi K., die früher in Bielefeld unterrichtete und ihren Kollegen Horst Arnold fälschlich der Vergewaltigung bezichtigt haben soll, haben am Montagnachmittag vor dem Darmstädter Landgericht zwei Richter als Zeugen ausgesagt - und genauso große Erinnerungslücken offenbart, wie sie "normale" Zeugen ansonsten vor Gericht zeigen.

Die beiden Richter, die sich am Nachmittag in der für sie ungewohnten Rolle präsentieren mussten, gehörten jener Kammer an, die Arnold 2002 schuldig sprach und zu fünf Jahren Haft verurteilte.

Verurteilt wegen Vergewaltigung

Arnold war von seiner ehemaligen Kollegin Heidi K. 2001 der Vergewaltigung bezichtigt und ein Jahr später deswegen verurteilt worden. Weil er die Tat, die er mutmaßlich nie begangen hatte, nicht einräumte, musste Arnold die komplette Haftstrafe absitzen.

In einem Wiederaufnahmeverfahren vor dem Landgericht Kassel wurde er 2011 vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen. "Absurd" nannte das damalige Gericht die Vergewaltigungsvorwürfe von Heidi K.

Nun muss sich K. seit Anfang April selbst vor Gericht verantworten - wegen Freiheitsberaubung. Sie soll Arnold beschuldigt haben, um sich seiner im Kampf um einen besseren Posten zu entledigen, so die Staatsanwaltschaft Darmstadt.

Einst von Arnolds Schuld überzeugt

Ob ein solches Motiv möglicherweise schon damals angesprochen worden sei, möchte die Vorsitzende Richterin Barbara Bunk am Montag von dem Richter wissen, der 2002 das Verfahren gegen Arnold leitete. "Es gab für die Kammer letztlich keine Anhaltspunkte", antwortet der Richter darauf. Aber: Was soll er auch sonst sagen? Seine Kammer war schließlich damals von der Schuld Horst Arnolds überzeugt.

Ansonsten erinnert sich weder der damalige Vorsitzende noch ein Kollege, der damals als beisitzender Richter fungierte, an Details. "Ich habe nicht mal ein Bild ihres Gesichts vor Augen", sagt der Vorsitzende. Und sein Kollege weiß nicht mehr, ob sich Horst Arnold damals überhaupt zu den Vorwürfen geäußert hat. "Und wenn, dann nur dahingehend, dass das nicht stimmt", sagt der heute 52-Jährige aus.

Auch wenn der Fall mehr als zehn Jahre zurückliegt, ist es doch verwunderlich, dass den beiden Männern so gar nichts mehr aus diesem Verfahren einfällt, das die Justiz nun schon zum dritten Mal beschäftigt und über das auch in der Öffentlichkeit mehrfach berichtet wurde. Manch anderer Zeuge in diesem Prozess bewies ein besseres Gedächtnis.

Richter wirken gefasst

Bei ihren Aussagen vor einer Kollegin - Arnold wurde damals vom Landgericht Darmstadt schuldig gesprochen, Heidi K. muss sich nun ebenda verantworten - wirken beide Richter äußerlich ruhig und gefasst.

Nur bei genauerem Hinsehen scheint der Vorsitzende von damals nervös zu sein. Seine Hände ruhen zwar meist übereinandergelegt auf der Tischkante, ab und zu jedoch knetet er seinen zwischen Daumen und Zeigefinger der linken Hand gelegten kleinen Finger der rechten Hand - bis die Haut ganz weiß wird.

Information
Die Kammer entscheidet
  • Fällt in einem Strafverfahren vor dem Landgericht ein Urteil, hat es der Vorsitzende Richter nicht allein gefällt, erläutert Frank Richter, Amtsgerichtsdirektor aus Südhessen. "Der Vorsitzende verkündet es zwar im Namen des Volkes, entschieden hat aber die Kammer gemeinsam."
  • Entscheidet eine Kammer, dass ein Angeklagter zu einer Haftstrafe verurteilt werden soll, müssen sich mindestens zwei Drittel der Kammer dafür entscheiden.
  • Bei der Verurteilung von Horst Arnold 2002 bestand die Kammer um den Vorsitzenden Richter aus zwei weiteren Berufsrichtern sowie zwei als Schöffen bezeichneten Laienrichtern.

Copyright © Lippische Landes-Zeitung 2018
Texte und Fotos von lz.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.