Das Vereinssterben gefährdet die Zukunft der Dörfer

Matthias Bungeroth

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Kegelvereine und Co. sind wichtig für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. - © picture alliance / Swen Pförtner/dpa
Kegelvereine und Co. sind wichtig für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. (© picture alliance / Swen Pförtner/dpa)

Bielefeld. Viele Vereine in den ländlichen Regionen Deutschlands sind in den vergangenen Jahren aufgelöst worden. Das besagt eine Studie der Zivilgesellschaft im Stifterverband (ZiviZ). Danach haben sich zwischen 2006 und 2016 auf dem Land gut 15.500 Vereine, und damit etwa jeder neunte, aufgelöst.

Doch Vereine sind enorm wichtig für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Ostwestfalen-Lippe hat es den Daten zufolge bislang geschafft, sich dem Trend entgegenzustellen. So kam es in OWL in diesem Zeitraum zu maximal fünf Vereinsschließungen auf je 100 bestehender Vereine, wie die Studie durch Auswertung von Vereinsregistern herausgefunden hat.

Neigung zu generellem Engagement hat abgenommen

In anderen Regionen wie etwa in Brandenburg sind es bis zu 30 Vereinslöschungen. „Das Aussterben der Vereinsstrukturen schwächt die Voraussetzungen, die in Regionen mit alternder, abwandernder und schrumpfender Bevölkerung Lebensqualität und gesellschaftlichen Zusammenhalt ermöglichen", heißt es in der Studie.

Der Bielefelder Soziologe Detlef Sack sieht hinter dieser Entwicklung eine „Aushöhlung ländlicher Räume". Das betreffe etwa die Infrastruktur. „Die grundsätzliche Neigung zu generellem Engagement hat abgenommen", sagt der Professor. Das Ad-Hoc-Engagement hingegen nehme zu. „Dieses kann nicht gut erfasst werden." Denn es spiele sich in Treffen oder Social-Media-Kontakten ab.

Aufgaben der Daseinsvorsorge

Vereine übernehmen der Studie zufolge immer mehr Aufgaben der öffentlichen Daseinsvorsorge, so in der Führung von Bürgerbädern oder 
-bibliotheken, Bürgerbussen oder genossenschaftlich organisierten Dorfläden. Diesen Trend zur Übernahme von Aufgaben sieht Sack kritisch. „Die Vereine haben den Zweck und Nutzen, dass die Menschen sich sozial vernetzen." Die Interessenvertretung ist laut Sack erst der zweite Schritt. Menschen engagierten sich etwa zuerst in einer Tafel, weil sie dort auf Gleichgesinnte träfen. Erst in zweiter Linie gehe es um das Anliegen der Tafel.

Im Jahr 2017 gab es der Studie zufolge in den ländlichen Regionen bundesweit etwa 125.000 Vereine. Den Rückgang der Vereinszahl führen die ZiviZ-Experten auf einen Bruch zwischen jüngeren und älteren Engagierten zurück. Eine Lösung der Krise sei die konsequentere Nutzung der Digitalisierung, etwa um Entfernungen bei der Arbeit in den Vereinen zu überwinden.

Das unterstreicht Sack grundsätzlich, fordert aber auch: „Die Politik sollte ihren Job machen und für eine Digitalisierung sorgen, die der in Skandinavien gleichkommt." Im Übrigen seien mittlerweile nicht nur jüngere, sondern auch zunehmend ältere Menschen online. Doch: „Schulungsangebote für Ältere sprießen nicht gerade aus dem Boden."

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