Der Möbelhandel ist in Unruhe

Martin Krause

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Möbelkauf funktioniert nur nach guter Beratung. Auch die Farbe des Sofastoffs will ausreichend diskutiert sein.  - © Fotolia
Möbelkauf funktioniert nur nach guter Beratung. Auch die Farbe des Sofastoffs will ausreichend diskutiert sein.  (© Fotolia)

Bielefeld/Paderborn. Der Möbelmarkt ist eine Branche, in der mit harten Bandagen gekämpft wird – seit Jahren schon. Zahllose Pleiten und Geschäftsaufgaben vor allem auf Seiten der Hersteller haben die Brutalität des Wettbewerbs offenkundig gemacht. Die Konzentration im Handel sei inzwischen „besorgniserregend", sagt dazu Lucas Heumann, Hauptgeschäftsführer der Verbände der Holz- und Möbelindustrie NRW in Herford. Zwischen Handel und Industrie herrsche „kein Gleichgewicht der Kräfte mehr."

Drei Ereignisse haben in diesem Sommer ein Schlaglicht auf die Entwicklung geworfen: Die Fusion der beiden Einkaufsverbände Union GmbH in Ratingen und Einrichtungspartnerring VME KG in Bielefeld zu einem Großverband mit mehr als 6 Milliarden Euro Außenumsatz hatte die Branche bereits Ende Juni überrascht. Es folgte Mitte August der Beitritt der Berliner Krieger-Gruppe („Höffner") zur neuen VME Union GmbH, die dadurch noch stärker wird.

Und dann wenige Tage später die Mitteilung, dass das Branchenschwergewicht auch die Paderborner Finke-Gruppe mit rund 300 Millionen Euro Umsatz übernimmt. Christian Zurbrüggen, einer der Geschäftsführer und Gesellschafter der mittelständischen Möbelhäuser Zurbrüggen, bestätigt: „Die Dynamik der Konzentration steigt." Nach dem faktischen Ausscheiden der in eine Schieflage geratenen Steinhoff-Gruppe, die ihre Beteiligung an der Discount-Kette „Poco" aufgeben musste, gebe es nun nur noch wenige ganz große Player: Neben dem Marktführer Ikea vor allem die österreichische XXXLutz-Kette (Platz 2 im Markt) und die Krieger-Gruppe (Platz 3).

Zurbrüggen spielt mit seinen Standorten in Bielefeld und Oelde auch in OWL eine bedeutende Rolle. Die Familie Zurbrüggen hatte 2015 XXXLutz mit 50 Prozent am Unternehmen beteiligt und gehört nun zum Lager der als besonders expansiv geltenden Österreicher. „Und die Konzentration geht weiter", prognostiziert Christian Zurbrüggen.

Genau wie Wilfried Finke hält auch Zurbrüggen die Entwicklung des Onlinehandels für entscheidend im Wettbewerb: „Alle großen stationären Händler brauchen eine gute Online-Strategie und eine Kopplung mit dem stationären Geschäft". Vor allem auch als Informationsquelle werde das Internet weiter an Bedeutung gewinnen. „Der Kunde wird künftig erwarten, dass er im Netz zu 100 Prozent alle Informationen findet – wie im Laden." Das sei bisher erst zu einem Bruchteil möglich: „Die Darstellung digitaler Kataloge mit 100.000 oder 150.000 Artikeln in allen Varianten bedeutet einen riesigen Aufwand", erklärt Zurbrüggen. Immerhin, das eigene Unternehmen sieht er in diesem Punkt „auf einem guten Weg" mit „starken Zuwachsraten".

Im Umsatz-Ranking des deutschen Möbelhandels gewinnen die Online-Experten seit Jahren an Boden: Die Otto-Group hat 2017 schon Platz 4 erobert, Amazon.de erreicht Platz 10. Mit Roller (Rang 5) und Poco (6) haben außerdem zwei Discounter an Bedeutung gewonnen, während Porta-Möbel aus Porta Westfalica (inklusive SB-Möbel Boss) im Umsatz stagnierte und auf Platz 7 zurückfiel.

Die Industrie gerät durch die Konzentration im Handel noch stärker unter Druck: „Konzentration im Handel führt auch zu Konzentration in der Industrie", glaubt Christian Zurbrüggen. Denn jeder Hersteller müsse in der Lage sein, eine gesamte Handelskette zu beliefern – das aber könne für kleine Produzenten zum Problem werden. Lucas Heumann ist für die Hersteller nicht ganz so pessimistisch. „Wenn die Konditionen verschärft werden, führt das natürlich zu einem Verdrängungswettbewerb", räumt er ein. Eine Chance sieht er aber auch für kleinere Hersteller, wenn sie sich auf eine Nische konzentrieren. „Massivholzmöbel oder Kleinmöbel sind ohnehin kein Massenmarkt", gibt Heumann zu bedenken.

Manche Firmen könnten den großen Handelsketten auch als Hersteller von Exklusivmodellen und Handelsmarken dienen – denn die Vertikalisierung, in der vom Produktentwurf bis zum Verkauf alles in einer Hand liegt, nehme zu. Heumann glaubt allerdings, dass der Handel sich mit seinen Fusionen ohnehin auf dem Holzweg befindet. „Die Zusammenschlüsse führen zur Gleichförmigkeit, aber gefragt ist mehr Individualität." Für alle Fälle will Heumann die Fusion der großen Einkaufsverbände juristisch prüfen lassen, denn: „Die Marktanteile erreichen jetzt kartellrechtlich bedenkliche Größen bis zu 50 Prozent."

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