Fall Maria H.: Gericht prüft Sicherungsverwahrung für angeklagten Blomberger

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Dramatische Beziehung: Maria H. aus Freiburg und ihr mutmaßlicher Entführer Bernhard H. aus Blomberg. - © Polizei
Dramatische Beziehung: Maria H. aus Freiburg und ihr mutmaßlicher Entführer Bernhard H. aus Blomberg. (© Polizei)

Freiburg (dpa). Die Ermittler hatten kaum noch Hoffnung. Sie waren mehr als 1.000 Hinweisen nachgegangen, doch eine konkrete Spur fehlte. Dann tauchte das Mädchen, das mehr als fünf Jahre lang vermisst wurde, unerwartet und überraschend wieder auf. Der rund 40 Jahre ältere Begleiter der inzwischen 18 Jahre alten Maria aus Freiburg - der Blomberger Bernhard H. - wurde wenig später festgenommen.

Nun beginnt der Prozess gegen den Mann. Maria und ihre Mutter sind Nebenklägerinnen. Anwälte vertreten sie vor Gericht. Öffentlich zum Prozess äußern wollen sie sich auf Nachfrage nicht.

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Vorlage für "Tatort"-Episode

Nach Angaben der „Initiative Vermisste Kinder" in Hamburg werden in Deutschland jedes Jahr mehr als 100.000 Kinder und Jugendliche als vermisst gemeldet. In den allermeisten Fällen kämen sie nach kurzer Zeit zurück oder würden gefunden. Marias Fall sei ungewöhnlich, weil das Mädchen vergleichsweise lange verschwunden war und dann plötzlich und unerwartet zurückkehrte.
Inspirieren ließen sich die Macher der ARD-Krimireihe „Tatort" von dem Fall. Der vor rund zwei Monaten ausgestrahlten Folge „Für immer und dich" diente der reale Fall als Vorlage.

Der Angeklagte, der heute 58 Jahre alter Deutsche aus Blomberg, steht im Zentrum des Strafprozesses, der am Mittwoch, 8. Mai um 9 Uhr vor dem Landgericht Freiburg beginnt. Ihm werden Kindesentführung und schwerer sexueller Missbrauch eines Kindes zur Last gelegt. Die Anklage listet 108 Missbrauchstaten auf, sagt ein Sprecher des Gerichts. Ein psychiatrischer Sachverständiger wird den Prozess begleiten, heißt es. Er soll im Auftrag des Gerichts prüfen, ob für den Angeklagten aus medizinisch-psychiatrischer Sicht Sicherungsverwahrung möglich ist.

Die gemeinsame Geschichte von Mann und Mädchen beginnt laut Anklage im April 2011. Damals lernen sich die beiden über ein Chat-Forum im Internet kennen - Maria ist da 11 Jahre alt. Der erwachsene Mann gibt sich im Internet dem Mädchen gegenüber anfangs als Teenager aus, so die Ermittler. Es gibt erste heimliche Treffen, ohne dass Marias Eltern davon wissen oder einverstanden sind.

Am 4. Mai 2013 tauchen die beiden gemeinsam unter. Maria ist damals 13 Jahre alt.

Die Ermittler gehen davon aus, dass das Mädchen freiwillig mitging. Es ist dennoch eine Straftat, weil der Mann ohne Einwilligung der Eltern mit der Minderjährigen unterwegs ist. Hinzu kommt der vorgeworfene sexuelle Missbrauch.

Die Polizei sucht mit internationalem Haftbefehl nach dem Mann, ohne Erfolg. Eine erste Spur führt nach Polen: Wenige Wochen nach seinem Verschwinden wird das ungleiche Paar in der polnischen Kleinstadt Gorlice gesehen. Dort werden kurz zuvor auch das Auto des Mannes sowie sein Schäferhund gefunden.

Danach gibt es immer wieder Hinweise, Lebenszeichen von Maria und dem Mann haben Familie und Polizei aber fünf Jahre lang nicht. Maria und der Mann bleiben verschwunden. Auch das Engagement von Marias Mutter, die mit Aufrufen im Internet und in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY - ungelöst" um Hilfe bittet, bleibt wirkungslos.

Im vergangenen August dann die überraschende Wende. Maria, inzwischen 18 Jahre alt, meldet sich bei ihrer Familie. Sie kehrt freiwillig zurück und sagt bei der Polizei aus. Der Mann wird wenig später in Italien festgenommen und nach Deutschland ausgeliefert. Er sitzt in Untersuchungshaft. Gegenüber der Polizei geäußert hat er sich den Angaben zufolge nach seiner Festnahme nicht.

Marias Angaben zufolge sind die beiden von Mai 2013 an mit dem Zelt durch Osteuropa und dann nach Italien gereist. Die vergangenen beiden Jahre lebten sie demnach gemeinsam in einer Wohnung in der Küstenstadt Licata in Sizilien. Maria und der Mann hätten sich als Vater und Tochter ausgegeben, erzählen Einheimische. Festgenommen wurde der Mann in dem Ort in einem leerstehenden Haus, nicht weit entfernt von der Wohnung. Er habe keinen Widerstand geleistet. Gelebt habe er, ebenso wie Maria, von Gelegenheitsjobs.

Wieso Maria nach mehr als fünf Jahren zur Familie zurückkehrte, ist öffentlich nicht bekannt.

Für den Prozess sind laut Gericht acht Verhandlungstage geplant. Ein Urteil könnte es demnach Ende Juni geben. Bei Kindesentzug drohen laut Strafgesetzbuch den Angaben zufolge bis zu fünf Jahre - in schweren Fällen bis zu zehn Jahre - Haft. Hinzu kommt die mögliche Sicherungsverwahrung (Az.: 3 KLs 160 Js 12932/13 AK 7/19).

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