Schwänzen vor den Ferien: Schulen und Behörden in OWL greifen hart durch

Anneke Quasdorf

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Symbolbild Schule. - © Pixabay
Symbolbild Schule. (© Pixabay)

Immer mehr Schüler in NRW schwänzen die Schule, um die Ferien zu verlängern. Dahinter stecken die Eltern, die günstigere Flüge außerhalb der Ferienzeiten buchen, oder auf leere Autobahnen hoffen. Dabei ist das eine Ordnungswidrigkeit, die richtig teuer werden kann und gegen die Bezirksregierungen und Schulen mittlerweile entschieden vorgehen.

Bis zu 1.000 Euro müssen Eltern zahlen, wenn sie ihr Kind der Schulpflicht entziehen. Dabei berechnet sich die Höhe des Strafgeldes anhand von Beträgen pro Tag und pro Kind und Elternteil, deren Höhe jeder Regierungsbezirk selbst festlegen kann.

Am härtesten greift hier Münster mit 100 Euro durch. Eine vierköpfige Familie muss dann bereits nach drei Tagen die Höchstgebühr von 1.000 Euro bezahlen. Dennoch stieg in Münster die Zahl der Bußgeldverfahren von 64 im Jahr 2016 auf 149 im Jahr 2018.

In OWL weniger Bußgeldverfahren als im Vorjahr

Spitzenreiter in NRW ist allerdings der Bezirk Arnsberg. Trotz eines ebenfalls saftigen Strafbetrags von 80 Euro pro Tag und Kopf der Familie stieg hier die Zahl der Bußgeldverfahren von 406 im Jahr 2016 auf 678 im Jahr 2018.

Dagegen nimmt sich OWL mit dem Regierungsbezirk Detmold nahezu harmlos aus. Als einziger Bezirk in NRW sind die Zahlen hier von 61 im Jahr 2017 auf 55 im Jahr 2018 gesunken. Das besagt jedoch nach Angabe von Pressesprecher Andreas Moseke nicht viel. "Bei uns landen ja wirklich nur die Bußgeldverfahren, in denen Eltern sich der Kooperation mit der Schule verweigern. Der größte Teil der Fälle, in denen Kinder der Schule fernbleiben, klärt sich vor Ort mit der Schulleitung. Die eigentlichen Zahlen von Ferienschulschwänzern liegen also viel höher."

Bekannt ist das Problem jedenfalls an allen befragten Schulen und in allen Schulformen in Herford, Paderborn und Bielefeld. Regelmäßig reichen Eltern hier vor den Ferien Anträge auf vorzeitige Beurlaubung ein - oft ganz unverblümt mit dem Hinweis auf billigere Flugpreise.

Erfundene Beerdigungen

Genehmigt werden diese grundsätzlich nicht. "Dazu braucht es schon wirklich wichtige Familienangelegenheiten wie Hochzeiten oder Beerdigungen", sagt Karl-Wilhelm Strothotte, Abteilungsleiter der Martin-Niemöller-Gesamtschule in Bielefeld. Die werden allerdings auch gerne erfunden, hat eine Kollegin einer anderen Schule erlebt, die namentlich nicht genannt werden möchte. "Da gibt es immer mal wieder welche, die regelmäßig versuchen, die Oma sterben zu lassen."

Siegfried Martini, Leiter der Gesamtschule Paderborn-Elsen, hat in diesem Jahr einen Antrag genehmigt, der eine andere Begründung vorgibt: "Der Schüler fährt mit seiner Gruppe zu einem großen Pfadfindertreffen ins Ausland und wird deshalb nach den Ferien einen Schultag verpassen. Das ist ein Erlebnis, dem ich aus pädagogischer Sicht einen großen Wert beimesse. Deshalb geht das in Ordnung." Dennoch mussten die Eltern auch hier belegen, dass es das Treffen und die Einladung wirklich gibt.

Mit allen anderen Antragstellern verfährt Martini streng. So genehmigt er bereits jetzt, sechs Wochen vor den Sommerferien, grundsätzlich keine Beurlaubung mehr. "Da ist doch klar, dass in diesem Fall Gründe vorliegen, die mit Fernreisen und Buchungen zu tun haben."

Grundsätzlich nur mit Attest

Auch am Ravensberger Gymnasium in Herford gelten mittlerweile strenge Auflagen: Wer sein Kind zwei Tage vor und zwei Tage nach den Ferien krank meldet, muss dafür ein ärztliches Attest vorlegen. So verfährt auch Martina Schmidt-Schlierf, Leiterin der Grundschule Diesterwegschule in Bielefeld. "Einigen Eltern gelingt es dann tatsächlich, ein Attest vorzulegen." Eine Maßnahme, für die Thomas Gleichauf, Kinderarzt im Ärztezentrum an der Deckertstraße in Bielefeld, kein Verständnis hat. "In solchen Fällen stellen wir grundsätzlich keine Krankheitsbescheinigung aus."

Fehlt das Attest, ist der Weg klar vorgeschrieben: "Zunächst obliegt es den Schulleitern, die Eltern zu sanktionieren", sagt Andreas Moseke von der Bezirksregierung Detmold. "Das können Gespräche, Ermahnungen oder Mahnschreiben sein."

Zeigen sich Eltern dann immer noch nicht einsichtig, kann das unentschuldigte Fehlen an die Bezirksregierung gemeldet werden, die dann ein entsprechendes Bußgeld verordnet. Auch in OWL kann das bis zu 1.000 Euro betragen. Wie viel hier pro Tag veranschlagt wird, verrät Moseke nicht. "Wir wollen von vornherein verhindern, dass Eltern sich ausrechnen können, ob sich das angesichts billigerer Flüge lohnt."

NRW weiter ohne Flughafenkontrollen

Eine Beobachtung, die alle Schulleiter machen: Es sind hauptsächlich Kinder mit Migrationshintergrund, deren Eltern Anträge auf Beurlaubung einreichen oder die Kinder einfach früher aus der Schule nehmen. "Das ist in vielen Herkunftsländern erlaubt, oder wird jedenfalls nicht geahndet", sagt eine Sprecherin des Ravensberger Gymnasiums in Herford. Karl-Wilhelm Strothotte von der Martin-Niemöller-Gesamtschule erklärt sich damit auch die gestiegenen Zahlen der Bußgeldprozesse. "Das hat ganz sicher mit der Flüchtlingskrise zu tun."

So akut das Thema in NRW aber auch ist, Flughafenkontrollen wie in Bayern oder Hessen wird es hier auch in diesem Sommer nicht geben, so die Antwort von Schulministerin Yvonne Gebauer auf Nachfrage von nw.de: "Wenn Eltern aufgrund eines günstigen Urlaubsflugs ihre Kinder früher aus der Schule nehmen, dann ist das ein Verstoß gegen die Schulpflicht und nicht akzeptabel. Die Einhaltung der Schulpflicht kann auf vielfältige Art und Weise kontrolliert werden, aber wir gehen an Bahnhöfen und Flughäfen in NRW nicht systematisch auf die Pirsch nach Schulschwänzern. Das ist nicht unser Stil."

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