Pressekonferenz der Nebenkläger am Tag vor Verhandlungsbeginn ist bewegend

Die Überlebenden sagen: „Es geht um Gerechtigkeit“

Dirk Ulrich-Brüggemann und Silke Buhrmester

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Im Prozess Nebenkläger: Justin Sonder und Leon Schwarzbaum mit Klägervertreter Christoph Heubner (von links). - © Bernhard Preuß
Im Prozess Nebenkläger: Justin Sonder und Leon Schwarzbaum mit Klägervertreter Christoph Heubner (von links). (© Bernhard Preuß)

Detmold. In einer bewegenden Pressekonferenz in Detmold haben drei Nebenkläger deutlich gemacht, dass der am Donnerstag beginnende Auschwitz-Prozess vor dem Detmolder Landgericht eine längst überfällige Korrektur jahrzehntelangen Justizversagen ist. Verantworten muss sich der 94-jährige Reinhold H. aus Lage, der als ehemaliger SS-Wachmann der Beihilfe zum Mord in 170.000 Fällen beschuldigt wird.

Vor zahlreichen Journalisten aus dem In- und Ausland äußerten sich die Auschwitz-Überlebenden Erna de Vries (92), Leon Schwarzbaum (95) und Justin Sonder (90) zu ihren schrecklichen Erlebnissen im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau.

Christoph Heubner, Vize-Präsident des Internationalen Auschwitz-Komitees bewertete „Auschwitz als entsetzlichsten Ort der Menschheitsgeschichte". Laut Heubner waren in Auschwitz etwa 8.200 SS-Leute im Lager tätig und an den Morden beteiligt. Etwa 6.500 davon hätten den Krieg überlebt. Vor Gericht hätten sich bisher 43 Männer verantworten müssen. Acht von ihnen seien zu lebenslanger Haft verurteilt worden und 25 Freiheitsstrafen wurden verhängt. Der Rest sei von den Gerichten freigesprochen worden.

Medieninteresse: Vor dem Prozess gegen einen ehemaligen SS-Wachmann äußerten sich die Nebenkläger vor der Presse. - © Bernhard Preuß
Medieninteresse: Vor dem Prozess gegen einen ehemaligen SS-Wachmann äußerten sich die Nebenkläger vor der Presse. (© Bernhard Preuß)

Dem jetzt angeklagten Reinhold H. warf Heubner vor, dass er sich bis heute nicht zu seiner Vergangenheit geäußert habe. „Das ist der typische SS-Mann, der seine Geschichte verschwiegen hat und nie das Gespräch mit den Opfern gesucht hat", sagte Heubner.

Information
Internationales Auschwitz-Komitee

Das Internationale Auschwitz-Komitee (IAK) wurde 1952 von Überlebenden des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz gegründet. Viele der Leitungsmitglieder waren ehemalige Häftlinge des Konzentrationslagers, die es als ihre Aufgabe ansahen, für die Gesamtheit der Überlebenden und Opfer von Auschwitz zu sprechen. Das Komitee dient der Interessenvertretung seiner Mitglieder und fördert das Gedenken an den Holocaust. Seit 2004 wird die Arbeit des IAK vom Bundesministerium des Inneren finanziell gefördert. Seine Geschäftsstelle befindet sich in den Räumen der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin.

Für die Nebenkläger ist es von besonderer Bedeutung, vor einem deutschen Gericht schildern zu können, was der Holocaust ihnen und ihren Familien angetan hat. „Dieser Prozess hätte schon vor 40, 50 Jahren stattfinden müssen. Aber auch jetzt ist es nicht zu spät, um darzustellen, was einmal war", sagte der 90-jährige Justin Sonder, der als Jugendlicher das nationalsozialistische Konzentrations- und Vernichtungslager nur knapp überlebte. Sonder wird am Freitag als Zeuge vor dem Detmolder Landgericht aussagen.

Erstmals sei der arbeitsteilig organisierte Massenmord in Auschwitz in seinem ganzen Umfang angeklagt, sagte der Nebenklägervertreter Cornelius Nestler. „Wachmänner haben dafür gesorgt, dass die gesamte Vernichtungsfabrik Auschwitz gesichert wurde", machte Nestler deutlich. Die Beihilfe zum Mordsystem umfasse nicht nur das Bewachen der Deportationszüge, sondern auch das Aufrechterhalten unmenschlicher Zustände, von Hunger und das Ermöglichen von Massenerschießungen.

Auschwitz-Überlebende Erna de Vries. - © Bernhard Preuß
Auschwitz-Überlebende Erna de Vries. (© Bernhard Preuß)

Erna de Vries, Tochter einer jüdischen Mutter und eines christlichen Vaters, war in Auschwitz, weil sie ihrer Mutter nicht von der Seite weichen wollte. Die schwere Arbeit im Lager machte sie krank. Im überfüllten Todesblock wartete sie darauf, in die Gaskammer geführt zu werden. „Die Frauen schrien, haben sich die Brust zerkratzt und rauften sich die Haare, wenn sie welche hatten", erinnert sie sich. Als „Halbjüdin" wurde sie auf dem Weg in den Tod herausgegriffen und in das Lager Ravensbrück verlegt. Am Freitag wird Erna de Vries in den Zeugenstand treten.

Die Nebenkläger haben im vollen Bewusstsein der eigenen großen Belastung für die Teilnahme an diesem Verfahren entschieden. Sie wollen die Last auf sich nehmen, weil sie auch in ihrem hohen Alter glauben, ihren ermordeten Familien diese Beachtung in einem deutschen Gerichtsverfahren zu schulden. Zeugnis abzulegen vor einem deutschen Gericht, ist eine aufwühlende Aufgabe.

Den Nebenklägern geht es nicht um eine Strafe, sondern um ein Stück Gerechtigkeit und um ihre Geschichten. „Dieser Prozess soll darstellen, was einmal war", sagt Justin Sonder zum Schluss. Was er von dem Angeklagten erwarte, wird er noch gefragt. „Gar nichts", sagt er. Jedenfalls nichts Menschliches, denn das habe es in Auschwitz nie gegeben.

Leon Schwarzbaum und Justin Sonder sprechen in Detmold über den Holocaust

Leon Schwarzbaum und Justin Sonder – zwei Männer, die ein furchtbares Lebensereignis verbindet: Das KZ Auschwitz. Sie sind zwei von 40 Nebenklägern im Prozess gegen den ehemaligen KZ-Wachmann Reinhold H. (94).

Erinnerung: Leon Schwarzbaum mit einem alten Familienfoto, auf dem er (links) zusammen mit seinem Onkel Moses und seinen Eltern Estera und Josef (von links) zu sehen ist. Er hat sie nach der Trennung in Auschwitz nie wiedergesehen. - © Bernhard Preuß
Erinnerung: Leon Schwarzbaum mit einem alten Familienfoto, auf dem er (links) zusammen mit seinem Onkel Moses und seinen Eltern Estera und Josef (von links) zu sehen ist. Er hat sie nach der Trennung in Auschwitz nie wiedergesehen. (© Bernhard Preuß)

Leon Schwarzbaum kann nicht mehr. Das Fernseh-Interview im Detmolder Gemeindehaus der Martin-Luther-Gemeinde muss der Mann, der in wenigen Tagen 95 Jahre alt wird, abbrechen.

„Die Überlebenden tragen Auschwitz in sich", hatte sein Anwalt Thomas Walther zu Beginn der Pressekonferenz erklärt. Und auch wenn Schwarzbaum seine Holocaust-Geschichte schon so oft erzählt hat, wird er immer wieder von diesem Moment überwältigt: Als er 1943 als 22-Jähriger nach Ausschwitz deportiert wurde und von dem Häftling, der ihm die Nummer 95132624 eintätowierte, erfuhr, dass seine Eltern sofort nach ihrer Ankunft vergast worden waren. Mehr als 70 Jahre ist das her, doch die Details sind immer präsent: „Die Schornsteine spuckten Feuer so hoch wie sie selbst. Wenn man das Feuer sah, wusste man, das waren Menschen, die da brannten. Man hatte immer den Tod vor Augen." Leon Schwarzbaum entkam dem Tod.

Doch als Läufer des Lagerältesten stand er stundenlang Wache und sah dabei die furchtbarsten Dinge: „Einmal fuhr SS-Sturmführer Schwarzhuber auf einem Motorrad, hinter ihm ein Lastwagen voller nackter Menschen auf dem Weg ins Krematorium, sie schrien und weinten und hoben die Hände zum Himmel, ich bin fast ohnmächtig geworden vor Schock." Schwarzbaum konnte Auschwitz verlassen, weil er für die Zwangsarbeit bei Siemens ausgewählt wurde.

Justin Sonder aus Chemnitz war gerade 16, als seine Eltern verhaftet wurden. Er selbst kam als 17-Jähriger ins KZ, erinnert sich minutiös: „Es war der 27. Februar 1943, 6 Uhr früh, als ich von zwei Gestapo-Leuten verhaftet wurde." 17 Selektionen habe er erlebt, sagt Sonder, splitternackt hätten die Häftlinge oft stundenlang gestanden und gewartet: „Und dabei hat man gedacht, gelingt es dir noch einmal, Arbeitssklave für IG Farben zu bleiben oder hast du nur noch zwei oder drei Stunden zu leben? Ich bin der deutschen Sprache nicht mächtig genug, um darzustellen, was in Auschwitz eine Selektion war."

Am Donnerstag, 11. Februar, beginnt der Prozess, in dem Schwarzbaum und Sonder als erste aussagen werden. „Mit gemischten Gefühlen", sagt Schwarzbaum. „Es spricht aus meinem Herzen, dass auch nach langer Zeit so ein Verfahren noch durchgeführt wird", sagt Sonder. Beide Männer blieben auch nach dem Ende des Krieges in Deutschland. Leon Schwarzbaum eröffnete mit seiner Frau eine Kunsthandlung in Berlin. Justin Sonder kehrte zurück nach Chemnitz, war 40 Jahre bei der Kripo. „Darauf bin ich stolz. In Auschwitz waren wir eine Gruppe Juden, die sich als Deutsche fühlten. Wie haben uns vorgenommen: Wenn wir überleben, wollen wir uns für ein besseres Deutschland einsetzen."

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