Neben Hochschule entsteht Forschungsfabrik Smart-Factory OWL

Thomas Reineke

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In der intelligenten Fabrik der Zukunft: (von links) Melissa Paris, Benedikt Lücke, Sascha Heymann (im Hintergrund) und Andrea Huxol bereiten die einzelnen Module für die Inbetriebnahme vor. - © Thomas Reineke
In der intelligenten Fabrik der Zukunft: (von links) Melissa Paris, Benedikt Lücke, Sascha Heymann (im Hintergrund) und Andrea Huxol bereiten die einzelnen Module für die Inbetriebnahme vor. (© Thomas Reineke)

Lemgo. Eine der weltweit modernsten Fabriken wird am Montag, 11. April, in Lemgo offiziell ihren Betrieb aufnehmen. Nach gut einjähriger Bauzeit geht die Smart-Factory OWL in Nachbarschaft zum Campus der Hochschule online. Das ist wörtlich zu nehmen: Die verschiedenen Module der intelligenten Produktion sind komplett miteinander vernetzt und werden über das Internet gesteuert.

„Das funktioniert auch mit mobilen Endgeräten wie Tablets oder sogar mit meiner Smartwatch", sagt Projektleiter Sascha Heymann vom Lemgoer Fraunhofer-Anwendungszentrum Industrial Automation (IOSB-INA). Fraunhofer ist zusammen mit der Hochschule der Initiator der Smart-Factory. Diese wird auf einer Fläche von rund 800 Quadratmetern einen kompletten Entwicklungs- und Montagezyklus abbilden. „Inklusive CNC-Fräse und 3D-Drucker", ergänzt Fertigungsspezialistin Andrea Huxol.

„Das Prinzip ist, dass wir von der ersten Idee bis zum fertigen Produkt den gesamten Zyklus unter einem Dach abbilden", sagt Montagespezialistin Melissa Paris. Das war schon im benachbarten Forschungszentrum Centrum Industrial IT (CIIT) möglich. Bisher befanden sich die Kernstücke der Smart-Facory, die Lemgoer Modellfabrik und das Montagesystem, aber in verschiedenen Räumen. „Wir haben künftig ganz andere Forschungsmöglichkeiten – auch in der Präsentation. Das sind für uns Wissenschaftler ideale Bedingungen", sagt Heymann.

Für die neue Smart-Factory OWL rechnen die Lemgoer mit großer Aufmerksamkeit. „Das CIIT ist international als Kompetenzzentrum für die intelligente Automation fest verortet", sagt Jessica Zimmermann von der CIIT-Geschäftsstelle. Die angewandte Grundlagenforschung für die vierte industrielle Revolution („Industrie 4.0") ist die Spezialität der Forscher auf dem Campus der alten Hansestadt.

Das Besondere daran ist, dass dies immer in Zusammenarbeit mit den am CIIT beteiligten Partnern aus Industrie und Forschung geschieht. Diese sind mittelständische und große Unternehmen wie Phoenix Contact (Blomberg), Bosch Rexroth (Lohr) oder MSF-Vathauer (Detmold).

Die im CIIT frei werdenden Räume sollen für begleitende Forschungen und Seminare zur Industrie 4.0 genutzt werden. So haben die neuen Labore für Usability (Benutzerfreundlichkeit von komplexen technischen Systemen), Dokumentensicherheit (Banknoten), IT-Sicherheit und Big Data (die Verarbeitung und Analyse von riesigen Datenmengen) künftig mehr Platz.

„Im CIIT findet Grundlagenforschung statt, die in der Smart-Factory in der Realität ausprobiert und angewandt wird", erläutert Projektleiter Benedikt Lücke vom hochschuleigenen Institut für industrielle Informationstechnik (inIT). „Darüber hinaus wird es Forschungsprojekte mit unterschiedlichen Industriepartnern geben. Die einzigartige Infrastruktur hier macht es möglich."

Lücke geht davon aus, dass bestimmte Entwicklungen von der ersten Idee bis zur Serienfertigung künftig nur noch wenige Monate dauern werden. Die Produktzyklen würden immer kürzer. Auch darauf wolle das Team der Smart-Factory OWL, die zur Not binnen eines Arbeitstags auf eine neue Fertigung umgestellt werden kann, Antworten finden. „Smarte Lösungen halt", sagt der Wissenschaftler.

Gesellschaft investiert in Hightech
Die Smart- Factory OWL in Lemgo ist einzigartig in der Region. Bauherr des Gebäudes ist die Gesellschaft Lippischer Unternehmer.

Die GbR hat 2010 bereits das benachbarte Centrum Industrial IT (CIIT) für rund 8,4 Millionen Euro und einen rund 10 Millionen Euro teuren Erweiterungsbau, der ab Mitte kommenden Monats bezogen werden soll, errichtet.

Gesellschafter der GbR sind Privatpersonen sowie Unternehmer aus der Region. Die Investitionskosten für das Gebäude der Smart-Factory OWL (Gesamtnutzfläche: 2.000 Quadratmeter) betragen rund sieben Millionen Euro. Die Ausstattung ist ebenfalls mehrere Millionen Euro wert, schätzen die Projektleiter Sascha Heymann und Benedikt Lücke.

In der Smart-Factory können Studierende der Elektrotechnik, der Technischen Informatik sowie des Fachbereichs Produktion und Wirtschaft realitätsnah forschen. Zusammen mit dem stark ausgebauten CIIT erwächst damit inmitten von Ostwestfalen-Lippe ein Technologiecampus für die intelligente Automation.

Zahlreiche Delegationen aus Wirtschaft und Wissenschaft aus dem Inland, aber auch aus Spanien, Vietnam, Portugal oder China interessierten sich bereits für die Forschung unter dem Dach des CIIT. Mit der Smart-Factory dürfte die Besucherzahl auf dem Campus weiter steigen. Davon gehen die Verantwortlichen fest aus.

Die vierte Revolution
Kommentar von LZ-Redakteur Thomas Reineke

Mit dem Begriff ist äußerst sparsam umzugehen, soll er nicht der Inflation anheim fallen. Aber die Inbetriebnahme der Smart-Factory OWL auf dem Campus der Hochschule ist ein Meilenstein für den Forschungs- und Industriestandort Lippe. Die Lemgoer sind beim Transfer in die vierte industrielle Revolution weltweit führend. Sie vernetzen die einzelnen Module einer Produktion miteinander und mit dem Internet.

Die Forscher unter dem Dach des Centrum Industrial IT (CIIT) steuern ihre Maschinen per Smartphone, Tablet oder Smartwatch. Das Fernziel: In der Zukunft sollen hochmoderne Fabriken in wenigen Minuten umgebaut werden, um ein anderes Produkt herzustellen. So würden auch Kleinstserien rentabel. Das „Umstöpseln" soll ähnlich einfach funktionieren wie der Anschluss eines neuen USB-Geräts an einen Homecomputer. Plug and work sozusagen.

Die faszinierende Technik ist die eine Seite der Medaille, die andere ist: Die vierte industrielle Revolution wird wie die dritte (Einzug der Computertechnik in den 1970-er Jahren) Arbeitsplätze im produzierenden Gewerbe kosten. Die Globalisierung und die freie Marktwirtschaft zwingen Unternehmen dazu, ihre Fertigung ständig schlanker und effizienter zu machen. Vernetzte Maschinen, die von einem mobilen Endgerät permanent überwacht und gesteuert werden können, helfen dabei ungemein.

Zur Wahrheit gehört aber auch: An der Industrie 4.0 wird rund um den Erdball geforscht. Lässt sich Deutschland hier abhängen, wird das hier noch viel mehr Arbeitsplätze kosten.
treineke@lz.de

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