Das bietet der neue Jugendkanal "Funk" von ARD und ZDF

Stefan Boes

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Der Talk für Mädchen:  Mai Thi Nguyen-Kim trifft ihre Gäste auf dem Frauenklo. - © SWR/ KOOPERATIVE BERLIN/ Katharina Frucht
Der Talk für Mädchen:  Mai Thi Nguyen-Kim trifft ihre Gäste auf dem Frauenklo. (© SWR/ KOOPERATIVE BERLIN/ Katharina Frucht)

Bielefeld. Mit ihrem neuen Programm für junge Leute starteten ARD und ZDF vor rund drei Monaten ein Fernsehexperiment, das ganz anders sein soll als ARD und ZDF. „Ein völlig neues Angebot, losgelöst von einem linearen Kanal", nennt es die ARD-Vorsitzende Karola Wille. Sie spricht von einem Content-Netzwerk, von Formaten und einem Online-Only-Angebot. Ganz offensichtlich handelt es sich hier um ein anderes, neues Fernsehen. Aber was genau ist Funk?

Das Publikum

Mit dem Konzept reagieren die öffentlich-rechtlichen TV-Anstalten – leicht verzögert – darauf, dass sich ein großer Teil der jungen Leuten vom sogenannten linearen Fernsehen, also TV mit festgelegtem Zeit- und Programmplan, abgewandt hat. Die jungen Leute sind im Internet zu Hause, bei YouTube, Snapchat, Facebook, Instagram und Streaming-Diensten. Menschen unter 30 Jahren sind das Zielpublikum.



Politischer Kopf: Rayk Anders blickt in „Headlinez" hinter Polit-Schlagzeilen. - © SWR/Rayk Anders
Politischer Kopf: Rayk Anders blickt in „Headlinez" hinter Polit-Schlagzeilen. (© SWR/Rayk Anders)

Der Zugang

Funk findet man nicht in der Fernsehzeitung, denn es ist Fernsehen ohne TV-Apparat. Die Beiträge sind ausschließlich im Netz zu sehen. Nutzer erreichen die Inhalte auf drei verschiedenen Wegen: auf der Funk-Webseite, in der Funk-App und bei sogenannten Drittplattformen wie YouTube, Facebook und Snapchat.

Die Formate

Das Ziel ist, dass alle Formate auf verschiedenen Wegen untereinander verknüpft und verbunden sind. Funk soll mehr sein als eine Ansammlung einzelner Formate und sich ständig verändern. Gestartet ist das Angebot mit 40 Formaten, inzwischen sind es mehr als 60. Inhaltlich gibt es drei Schwerpunkte: Information, Orientierung und Unterhaltung.

Information

Ein erfolgreiches Format heißt "Headlinez" und fällt in die Kategorie Information. Der Hauptdarsteller ist Rayk Anders, 29 Jahre alt, Youtuber, Welterklärer und so etwas wie der Anchorman von Funk. Einmal in der Woche meldet er sich zum Weltgeschehen zu Wort.

Seine Videos, die teils zehntausendfach aufgerufen werden, sind bunt, unterlegt mit Gitarrenmusik und erinnern eher an die Zeichentrickserie „Southpark" als an konventionelle Nachrichten. Rayk Anders ist Entertainer, doch seine Unterhaltung besteht darin, Argumente von politischen Parteien zu widerlegen und mediale Berichterstattung zu hinterfragen.

"Jäger und Sammler" ist ebenfalls Information. In den fünf- bis zehnminütigen Beiträgen gehen Nemi El-Hassan und Friedemann Karig politischen und gesellschaftlichen Missständen auf den Grund. Sie wollen aufdecken, neue Perspektiven zeigen, auch mal anecken. Das Format ist ein Beispiel dafür, dass die leicht konsumierbaren Beiträge sozialer Medien nicht immer nur an der Oberfläche kratzen.

Wie bei vielen anderen Funk-Formaten sind auch hier mit El-Hassan und Karig Leute am Werk, die schon zuvor mit Blogs, Videos und anderen Beiträgen in den sozialen Medien zu sehen waren und ihre „Follower" quasi mit zu Funk gebracht haben.

Unterhaltung

Andere Formate wollen eher unterhalten. "Gute Arbeit Originals" ist ein Comedy-Format. Es zeigt nach eigenen Angaben „neben klassischen Sketchen auch zur Nachahmung empfohlene Musikvideos, semi-lehrreiche Podcasts, suchtfördernde GIFs oder Memes, ökologische Müsli-Rezepte und knifflige Sudoku-Rätsel".

"Auf Klo" ist eine Talksendung für Mädchen: Dabei trifft Mai Thi Nguyen-Kim Woche für Woche einen Gast auf der Frauentoilette. Geredet wird über alles, was es zu besprechen gibt: Freundschaft, Sex, Liebe, Karriere.

Serien

Öffnet man auf dem Smartphone oder Tablet die sehr übersichtlich gestaltete App, die alle Angebote bündelt, erhält man gleich einige Empfehlungen. Der erste Vorschlag ist "Wishlist", eine Mystery-Serie mit bereits drei Millionen Videoaufrufen. Man erfährt darüber: „Mira ist 17 und Einzelgängerin. Als sie von einer unbekannten Nummer zur App ,Wishlist’ eingeladen wird, glaubt sie an Spam. Doch ,Wishlist’ bietet ihr an, jeden Wunsch zu erfüllen – für eine Gegenleistung."

Was passiert, wenn jeder Wunsch in Erfüllung gehen könnte? Die Serie ist mehr als leichte Unterhaltung, intelligent gemacht und voller Überraschungen. Nachdem die erste Staffel mit einer unerwarteten Wendung schloss, diskutierten Fans in hunderten Kommentaren, ob und wie es weitergeht. Gerade erst wurde bekannt: Eine zweite Staffel wird folgen.

Funk zeigt viele Serien. "Twentysomething" handelt von Jess und Josh, die statt Karriere zu machen ihren ganz eigenen Weg im Leben gehen wollen. In "Like or Dislike" geht es um das junge Amerika. "Young and Promising" handelt von drei Norwegerinnen, die auf dem Weg zu ihren Traumjobs sind: Schauspielerin, Autorin, Comedian. Nicht immer geht es bergauf. Abrufbar sind auch Serien der britischen Fernsehanstalt BBC, "The Aliens", "Hoff the Record" und "Banana". Auch die US-amerikanische Krimiserie "Fargo" ist zu sehen.

Erste Bilanz

„Aus meiner Sicht ist ,Funk’ gut gestartet", sagt ARD-Vorsitzende Wille. „Wir hatten Ende November bei den ,Funk’-Formaten auf YouTube und Facebook 46,4 Millionen Abrufe. 1,2 Millionen Menschen haben die Angebote mittlerweile abonniert."

Es ist fraglich, ob „Funk" schon zu der Mehrheit der jungen Leute durchgedrungen ist und ob sich die Generation darauf einlässt. Doch das Programm ist ambitioniert und zeitgemäß. Die Investition in „Funk" ist sinnvoll, sinnvoller als viele andere Investitionen, die in das lineare Programm von ARD und ZDF fließen.

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