Lemgo. Kriegsspiele, braune Uniformen und gnadenlose Indoktrination: In der Jugendorganisation der Nationalsozialisten formten auch in Lemgo Kinder andere Kinder nach den Vorstellungen Adolf Hitlers und der NSDAP zu vermeintlichen Herrenmenschen und Musterbürgern des Dritten Reiches. Der Lemgoer Horst Wrenger war ab seinem zehnten Geburtstag ein „Pimpf“ - also ein Mitglied des Deutschen Jungvolks, der Unterorganisation der Hitlerjugend für die zehn- bis dreizehnjährigen Jungen - und hat den körperlichen Drill und die linientreue Schulung des Geistes selbst erlebt. Wie ihn dieses Kapitel seines Lebens geprägt hat, erzählt der 94-Jährige im Gespräch mit der LZ. Die Erkenntnis kommt für Horst Wrenger erst nach dem Ende. Als das Reich der Nazis und damit Deutschland im Frühjahr 1945 in Schutt und Asche liegt und die Amerikaner seine Heimatstadt bereits eingenommen haben, besucht der damals 13-Jährige eine Filmvorführung in der Lemgoer Mittelstraße. „Damals gab es dort das Palastkino“, erinnert sich Wrenger. Was er dort zu sehen bekommt, stellt alles infrage, was er in den letzten vier Jahren gelernt hat. Gezeigt wird ein Film, den die Amerikaner mitgebracht haben und der den Deutschen die Augen öffnen soll. Überzeugter Nazi Berge von abgemagerten Toten, Gräben voller Leichen und auch die Gaskammern in den Konzentrationslagern sieht Wrenger hier zum ersten Mal und diese grausame und unmenschliche Realität trifft den Jungen bis in Mark. „Mir war erst mal sauübel“, beschreibt Wrenger seinen Zustand beim Verlassen des Lichtspielhauses. Und dann kommt in ihm der Gedanke auf, der so perfekt beschreibt, was die Naziideologie in den Köpfen der Jugend angerichtet hat: „Das kann doch nicht wahr sein, dass unser Führer Adolf Hitler, an den du so geglaubt hast, so was gemacht hat.“ Es fällt ihm schwer, zu essen, und es plagen ihn Gewissensbisse darüber, wie er selbst mit den Juden in Lemgo umgesprungen ist. Das kommt nicht von ungefähr, denn nur wenige Wochen zuvor glaubt der junge Horst Wrenger selbst noch an den Endsieg und die Überlegenheit des deutschen Volkes. „Wir waren überzeugte Nationalsozialisten“, sagt er rückblickend. Eingetrichtert wird ihm dieses Gedankengut auch von seinem älteren Bruder Heinz, der als Jungvolkführer für die Hitlerjugend an der Schulung der Jüngeren beteiligt ist. „Bei diesen Jungvolkführern hatten wir theoretischen und praktischen Unterricht“, erinnert sich Wrenger. Kinder müssen Juden beleidigen Auf den theoretischen wird laut Wrenger besonders großer Wert gelegt. „Die Aufgabe der Jungvolkführer bestand darin, uns die Ideologie der NSDAP näherzubringen und uns mit der Gliederung vertraut zu machen“, berichtet der 94-Jährige. Auch die Kriegsführung und warum der Krieg seine Berechtigung habe, ist Teil des Unterrichts. „Es wurde uns vermittelt, dass andere Völker - besonders die Polen, Franzosen, Engländer, Russen und Amerikaner - uns vernichten wollen“, erläutert Wrenger. Noch schlimmer kommen bei diesen ideologischen Schulungen die Juden weg: Den Jungen wird beigebracht, dass diese alle schlechte Menschen und der „größte Feind des deutschen Volkes“ seien. „Als 10-jährige Hitlerjungen waren wir natürlich leicht zu beeinflussen“, erinnert sich Wrenger an die ideologische Saat, die bei ihm und bei vielen seiner Kameraden auf fruchtbaren Boden fiel. Er und seine Kameraden werden dazu angehalten, offensichtlich jüdischen Menschen feindselig entgegenzutreten und sie zu beleidigen: „Jude itzig - Augen Eckig - Arschloch dreckig“, so lautet die Parole, die die Kinder den Juden entgegenschleudern. „Ich habe mich dafür später sehr geschämt“, resümiert Wrenger. Hitler statt Gott Doch der Nationalsozialismus hat viele Feindbilder und auch den Kirchen sind die Nazis in Lemgo nicht besonders wohlgesonnen. Zwar wird den Jungen freigestellt, sich für den Konfirmandenunterricht anzumelden, doch gern gesehen wird das laut Wrenger nicht. An den Sonntagen stören die Jungvolkgruppen zuweilen gezielt den Gottesdienst. „Des Öfteren mussten wir auch an Sonntagen mit anderen Jungvolkgruppen auf dem Marktplatz antreten, durch die Stadt marschieren und nationalsozialistische Lieder singen“, berichtet Wrenger. Besonders laut singen müssen die Pimpfe kurz bevor sie die Kirche St. Johann erreichen. „Um den Gottesdienst zu stören“, so Wrenger weiter. Dennoch entscheidet er sich letztlich, mit zwölf Jahren am Konfirmandenunterricht teilzunehmen. Unter den Nazis ist aber klar, was von der Kirche zu halten ist: „Was sollt ihr euch konfirmieren lassen. Gott gibt es sowieso nicht. Es gibt nur Adolf Hitler“, erinnert sich Wrenger. Dabei gerät er in einen Gewissenskonflikt - besonders in Bezug auf das christliche Gebot „Du sollst nicht töten“. Die Frage, wie dies mit den Werten und dem Unterricht zu vereinbaren ist, stellt er sich immer wieder. „Letztendlich habe ich mich mit meinem kindlichen Verständnis an dem Gedanken festgehalten, dass ein Krieg nicht möglich sei, ohne die Feinde zu töten“, berichtet der 94-Jährige. Weiterhin tritt er zwei bis dreimal pro Woche auf dem Laubker Schulhof an. Im Winter in einer komplett in Schwarz gehaltenen Uniform mit langer Hose, im Sommer in kurzer Hose mit einem braunen Hemd. „Ich konnte es kaum abwarten, die Uniform zu tragen, und war stolz wie Oskar“, sagt Wrenger, der von da an das Gefühl hat, „dazu“ zu gehören. Vormilitärische Übungen Der praktische Unterricht besteht aus vormilitärischen Übungen. Die Jungen lernen, im Gleichschritt zu marschieren, den Führergruß korrekt auszuführen und sich synchron zu bewegen. „Links, rechts - stillgestanden, die Augen links, die Augen rechts - stillgestanden“, beschreibt er die Übungen, die er als strapaziös empfindet. Zu den regulären Diensten kommt noch ein wöchentlicher Nachmittag im Werkunterricht - es werden Modellflugzeuge gebaut. Im Sommer 1944 erhält Horst Wrenger den Einberufungsbefehl zu einer viertägigen Übung am Detmolder Postteich, wo er mit seinen Kameraden von Unteroffizieren der Wehrmacht gedrillt wird. Schon am ersten Tag ist sein Heimweh so groß, dass er überlegt, abzuhauen. Den Gedanken verwirft er aber schnell, denn er fürchtet, dass er eine saftige Strafe bekommen könnte. Auch der Gedanke an einen desertierten Soldaten, der in Lemgo gefasst wurde und sich selbst tötete, hält Wrenger vom Weglaufen ab. Das Blut des toten Soldaten habe er selbst zu sehen bekommen. Körperliche Strafen Während der Übung werden die Jungen jeweils zu zwölft in einem Zelt untergebracht. In den Mittagspausen müssen die Zelte geschlossen bleiben und es hat absolute Ruhe zu herrschen. Als ein Unteroffizier Wrenger und seine Kameraden dabei erwischt, wie sie sich im offenen Zelt unterhalten, folgt die Strafe auf dem Fuße. Die Jungen werden nur in Turnhosen bekleidet durch den Wald getrieben und müssen sich dabei immer wieder auf den Boden legen und anschließend aufstehen - so lange, bis sie nicht mehr können. Dann gibt es einen Tritt in den Hintern und eine Belehrung: „Ein deutscher Hitler-Junge hat sich an gegebene Anordnungen zu halten!“ Ähnlich bestraft wird das gesamte Camp, als einer der Ausbilder Reste von entsorgter Erbsensuppe hinter einem Baum entdeckt und niemand diese „Schuld“ auf sich nimmt. Keiner der Kinder darf daraufhin zu Abendruhe ins Zelt gehen. Stattdessen heißt es für die Jungen immer wieder: Hinlegen und Aufstehen, Hinlegen und Aufstehen - bis in den späten Abend. Die Belehrung folgt am nächsten Tag: „Ein deutscher Hitler-Junge verschüttet keine Essensreste!“ Soldaten für den Endsieg Am letzten Tag der Übung werden die Kinder aufgefordert, sich freiwillig zum Militär zu melden. Mit ihrer Unterschrift bestätigen sie, dass sie mit dem Erreichen des 16. Lebensjahres zur Wehrmacht eingezogen werden können. „Der Führer braucht deutsche Soldaten für den Endsieg“, lautet die Begründung für dieses Vorgehen. Weil sein Vater bei einer Pioniereinheit ist, meldet sich Horst Wrenger ebenfalls für diesen Bereich. Drei Jungen verweigern die Unterschrift, mit der Begründung, dass ihre Väter es verboten hätten. „Als Strafe wurde ihnen vor allen Hitlerjungen der Hosenboden versohlt. Außerdem wurden sie als Feiglinge und Weicheier beschimpft“, berichtet Wrenger. Ihnen wird gedroht, dass ihren Vätern bald ein „Besuch abgestattet“ werden könnte. Am ersten April 1945 heben Wrenger und seine Kameraden noch Schützenlöcher für die Verteidigung von Lemgo aus, doch bereits am 4. April ist die Stadt eingenommen. „Damit hatte sich für uns Jungen das Thema Hitlerjugend erledigt“, erinnert sich Wrenger. Bereits beim Einmarsch der Amerikaner stellt er fest, dass diese ihn keineswegs wegen seiner Zugehörigkeit zu der Organisation töten wollen, wie es ihm seit seinem zehnten Geburtstag eingeschärft wurde. Seine Uniform, das Messer und das Koppelschloss tauscht er bei den Soldaten später gegen Zigaretten ein: „Die mit einem Hakenkreuz versehenen Gegenstände zählten bei den Amerikanern als besondere Souvenirs“, bericht Wrenger, dem es seit vielen Jahren ein Anliegen ist, über den Nationalsozialismus und die Schrecken des Krieges aufzuklären.