Der Meister und die Gesellen sind zufrieden, und der Azubi fühlt sich im Betrieb wohl. Mit anderen Worten: Es passt einfach! Damit das regelmäßig gut gelingt, bietet die Industrie- und Handelskammer Lippe zu Detmold ihr Programm „Passgenaue Besetzung“ an. Dabei bringt sie Ausbildungsbetriebe und Bewerber zusammen. Seit einem Jahr leitet Tobias Haak das Projekt. Er berät dabei nicht nur die Unternehmen, sondern auch viele junge Menschen, die eine Berufsausbildung anstreben. Und die vermittelt er an Betriebe weiter. Nur Volltreffer zu landen, kann auch Tobias Haak nicht garantieren, „aber es bringt Parteien zusammen, die sich sonst vielleicht nie begegnet wären.“ An dem Projekt teilnehmende Unternehmen kommen mit ihren Anforderungen in seinen Vermittlungspool, auf den Tobias Haak Zugriff hat und daher genau weiß, wonach die Ausbildungsbetriebe suchen.
Könnten Sie das Projekt „Passgenaue Besetzung“ und die Ziele kurz zusammenfassen?
Tobias Haak: Die Passgenaue Besetzung unterstützt Betriebe dabei, ihre freien Ausbildungsstellen zu besetzen, wovon natürlich auch Bewerber profitieren, die sich bei mir melden. Die Ausgangslagen sind dabei ganz verschieden: Von der Firma, die zum ersten Mal ausbilden möchte, bis hin zum Betrieb, der seit 30 Jahren und länger regelmäßig Azubis hat und jetzt einen Wandel bemerkt, z.B. weil die Zahl der Bewerber zurückgegangen ist.
Und wie kommen die Bewerber zu Ihnen?
Tobias Haak: Die Quellen sind recht vielseitig. Ich arbeite mit verschiedenen regionalen Partnern zusammen wie der Agentur für Arbeit, dem Jobcenter, dem Netzwerk Lippe, der Lippe Bildung eG, der Kreishandwerkerschaft – also die relevanten Partner, wenn es um das Thema Ausbildung geht. Viele Bewerber erreicht man aber auch auf den Ausbildungsmessen oder in den Schulen. Das Projekt wird unter anderem durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz gefördert. Daher ist die Beratung für beide Seiten grundsätzlich kostenlos.
Wie läuft so eine Beratung ab?Tobias Haak: Ich lade jeden Bewerber erstmal zu einem persönlichen Gespräch ein, denn ich möchte die Menschen genauer kennenlernen. Das ist sehr wichtig, um sie einschätzen zu können. Und ich verlange übrigens kein Anschreiben, mir reichen der aktuelle Lebenslauf und die Zeugnisse. Ich habe schon alles hier gehabt: Personen, wo die Unterlagen schrecklich aussahen, die aber im Gespräch einen Top-Eindruck gemacht haben und eine Woche später schon bei einer Firma untergekommen sind. Aber eben auch umgekehrt: Jemand mit super Unterlagen, aber im Gespräch machte er keinen guten Eindruck. Ich nehme mir viel Zeit, um den Bewerber kennenzulernen. Und am Ende bekommt der Bewerber ein ehrliches Feedback von mir.
Kennenlernen heißt auch, die Stärken und Schwächen zu erkennen?
Tobias Haak: Ja, genau. Es ist egal, welche Stärken und Schwächen man hat: Es gibt immer einen Bereich, der einem gut liegt. Klar, die Noten sagen immer etwas aus, aber das ist nur eine Tendenz. Es geht viel mehr darum, wo meine Stärken liegen. Ich bin der Meinung: Grundsätzlich kann jeder jede Ausbildung machen, aber manches fällt einem leichter, bei anderem tut man sich schwerer. Es ist einfach wichtig, einen Bereich zu finden, der einem wirklich liegt.
Und das hilft dann sicher auch langfristig? Stichwort: Abbrecherquote?
Tobias Haak: Genau. Im Rahmen der Passgenauen Besetzung bekommen die Unternehmen von mir eine schriftliche Einschätzung zum jeweiligen Bewerber. Und in diesem Text kann ich auch möglichen Vorurteilen entgegenwirken. Wenn jemand beispielsweise im Abschlusszeugnis eine schlechte Mathenote hat, vorher aber immer besser war. Wenn der Bewerber das mir gegenüber schlüssig begründen kann, kann ich das auch weitergeben. Durch das Projekt kenne ich die Ausbilder und Unternehmen recht gut und überlege schon während des Beratungsgesprächs, wo ein Bewerber gut reinpassen würde.
Welche Rolle spielen die Schulnoten?
Tobias Haak: Auf den Schulabschluss achte ich nur sekundär. Es muss natürlich schon im Groben passen. Wenn mir ein Betrieb sagt, er fordert einen Abschluss der Höheren Handelsschule, dann ist ein Neuner-Hauptschulabschluss vielleicht nicht so passend. Aber jemand mit einem guten Realschulabschluss mit Q-Vermerk würde ich da auch hinschicken, wenn die restlichen Anforderungen und Vorstellungen soweit passen. Ich ziehe keine strikte Grenze, das Gesamtbild muss stimmen.
Ist es für die Bewerber nicht auch gut, dass sie beim Gespräch mit Ihnen schon mal fürs eigentliche Bewerbungsgespräch üben können?
Tobias Haak: Auf jeden Fall. Und ich gucke mir ja auch die Bewerbungsunterlagen an. Die korrigiere ich zwar nicht, aber ich checke, ob grobe Fehler drin sind und gebe Tipps.
Welche Rolle spielt die Berufsorientierung?
Tobias Haak: Berufsorientierung ist eigentlich nicht Teil des Projekts, jedoch sind viele Bewerber noch unentschlossen und von der Menge an Möglichkeiten überfordert. Angesichts von rund 120 verschiedenen Ausbildungsberufen, die man in Lippe ergreifen kann, bundesweit sind es sogar über 300, kann es selbstverständlich schwierig sein, den passenden Beruf für sich zu finden.
Was empfehlen Sie dann?
Tobias Haak: Berufsorientierung bedeutet ja eigentlich, die Nadel im Heuhaufen zu suchen. Mein Tipp lautet: Sucht nicht nach der Nadel, sondern versucht, das Heu aus dem Weg zu räumen. Das heißt: Macht ein Praktikum oder am besten sogar mehrere, probiert vieles aus und nehmt das ernst! Denn auch, wenn ein Praktikum schlecht war, hat das was Gutes: Denn man hat herausgefunden, was einem nicht gefällt. So lassen sich ganz viele Berufsbilder aussortieren. Unsere Messe „Berufe live“ ist übrigens eine gute Gelegenheit, um Kontakt mit Betrieben aufzunehmen und auch, um Praktika zu vereinbaren.
Man sollte also offen sein?
Tobias Haak: Ja! Es gibt nicht nur das Büro oder die Werkstatt, sondern auch vieles dazwischen. Momentan beobachte ich einen deutlichen Trend: Ein überdurchschnittlich großer Teil der Bewerber, die sich an mich wenden, will entweder den Fachinformatiker oder Industriekaufmann erlernen. Die anderen Berufe gehen da oft leer aus. Das hat vielleicht mit entsprechender Werbung oder dem Bekanntheitsgrad für diese Berufsfelder auf Social Media zu tun. Das ist schade, weil es so viele tolle und verschiedene Ausbildungsberufe gibt, welche meist nicht in Betracht gezogen werden.
Was können Betriebe tun,um besser für sich zu werben?
Tobias Haak: Ein klares Azubi-Marketing ist wichtig, man muss als ausbildender Betrieb sichtbar sein, um an Auszubildende zu kommen. Eine Karriereseite auf der eigenen Homepage sollte daher grundsätzlich immer vorhanden sein. Für die Zielgruppe ist das oft die erste Anlaufmöglichkeit und stellt die erste Kontaktaufnahme her. Ich gebe Betrieben auch einige Tools an die Hand. Beispielsweise unsere kostenlose Plattform „Ausbildungschance OWL“ (www.ausbildungschance-owl.de). Hier können sich Unternehmen einpflegen lassen und angeben, wie viele Ausbildungs- und Praktikumsplätze sie anbieten. Das wird dann auf einer Google-Maps-Karte angezeigt. Die können wiederum die Bewerber nutzen, um sich zu orientieren.
Was würden Sie von jetzt auf gleichin Bewerbungsverfahren abschaffen? Tobias Haak: Ich würde auf jeden Fall die Antwortzeit der Betriebe ändern, dass sie schneller reagieren, damit das teils lange Warten seitens der Bewerber auf eine Zu- oder Absage verkürzt wird. Zum anderen plädiere ich für mehr Offenheit für die jeweils andere Seite. Bewerber müssen offen sein für die Anforderungen des Betriebes. Und die Betriebe müssen offen sein für die Bewerber. Die Jugendlichen sind heute digital unterwegs, darauf müssen sich Arbeitgeber einstellen. Flexiblere Unternehmen bekommen oft die passenderen Bewerber. Also: Nicht so strikt sein in der Wahrnehmung, nicht nur auf einzelne Faktoren wie Noten oder perfekte Bewerbungsunterlagen fokussieren und dann zu schnell Bewerber aussortieren!