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Augustdorf

Drei Tage tobt die "Schlacht um die Dörenschlucht"

Deutsche Einheiten leisten Ostern 1945 erbitterten Widerstand

Augustdorf. Mitten im Wald, ein wenig Abseits der Bundesstraße 239, liegt zwischen Pivitsheide und Augustdorf ein kleiner Friedhof. Grünes Efeu bedeckt die rechts und links neben einem kleinen Pfad angelegten Ruhestätten. Auf den meisten der steinernen Grabsteine sind die jeweiligen Namen von insgesamt 31 deutschen Soldaten zu lesen, die in den Ostertagen vor 70 Jahren während der „Schlacht in der Dörenschlucht“ ihr Leben gelassen haben - einem der heftigsten Kämpfe bei dem sinnlosen Versuch, den Vormarsch der alliierten Truppen am Teutoburger Wald zu stoppen.

Ostersonntag, 1. April 1945: Von Stukenbrock aus nähert sich eine amerikanische Panzerkolonne der lippischen Grenze. Auf ihrem Weg zur Weser müssen die Alliierten das letzte natürliche Hindernis überwinden - den Teutoburger Wald. Dort hat die Wehrmacht hastig eine neue Verteidigungslinie aufgebaut, nachdem die deutsche Abwehrfront am Ostrand des Ruhrkessels zusammengebrochen ist. An den Passstraßen über den Teutoburger Wald haben sich deutsche Soldaten beispielsweise in Lämershagen, in Oerlinghausen oder der Dörenschlucht verschanzt, wobei die Truppen aus verschieden zusammengewürfelten Einheiten bestehen.

In Augustdorf setzen sich die Verteidiger unter anderem aus Reserve-Offizier-Bewerbern, einer Genesenden-Kompanie und einer Gruppe von Waffen-SS-Angehörigen aus dem Augustdorfer Nordlager sowie Besatzungen von vier Panzern zusammen. Obwohl die Deutschen den Alliierten zahlenmäßig, von der Ausbildung, Bewaffnung und Ausrüstung her weit unterlegen sind, hält die Wehrmachtsführung an Hitlers irrsinnigem Grundsatz fest, keinen Fußbreit Boden freiwillig zu räumen.

Als die Amerikaner Augustdorf erreichen, entwickeln sich die ersten heftigen Kämpfe. Wegen einschlagender Granaten muss der Ostergottesdienst in der Dorfkirche abgebrochen werden. Durch den Beschuss werden am Ende 28 Häuser in Augustdorf zerstört, das am Abend zum Teil von den amerikanischen Truppen eingenommen ist.

Tags darauf, am Ostermontag, 2. April 1945, setzen die Amerikaner zum Durchbruch durch den stark verteidigten Pass durch die Dörenschlucht an. In dem gebirgigen Gelände können die alliierten Panzer ihre Kampfkraft allerdings nicht voll gegen die erbitterten Widerstand leistenden deutschen Einheiten entfalten. Die haben sich in gut ausgebauten Stellungen verschanzt und unternehmen am Vormittag sogar zwei Gegenangriffe, bei dem sie den Dörenkrug am Eingang zur Schlucht kurzzeitig zurückerobern. Im Verlauf verlieren die Deutschen zwei, die Amerikaner sieben ihrer Sherman-Panzer. Dennoch gelingt es den Alliierten, bis zum Abend etwa die Hälfte des Passes zu besetzen.

Am Morgen des 3. April 1945 startet SS-Obersturmführer Reinhold zwei Gegenangriffe mit Panzerunterstützung, um das verlorene Gebiet zurückzugewinnen. Doch die Amerikaner wehren den Vorstoß ab, verstärken ihre Truppen und greifen ihrerseits am Nachmittag an. Erneut leisten die deutschen Einheiten enormen Widerstand und setzen mehrere Panzer außer Gefecht. Aufhalten können sie die Alliierten nicht. Bis zum Abend haben die amerikanischen Einheiten ihre Gegner vom Kamm des Teutoburger Waldes heruntergedrängt und die komplette Dörenschlucht eingenommen. Anschließend rücken sie an den Ortsrand von Pivitsheide vor. Gerade einmal drei Tage können die deutschen Einheiten die alliierte Übermacht am Ende aufhalten.

Die Augustdorfer haben während der Kämpfe tagelang in einigen stabilen Kellern gehockt. Viele können anschließend nicht in ihre Häuser zurück, da diese entweder zerstört oder beschädigt sind. Etliche Wertgegenstände wechseln die Nationalität oder den Besitzer. Auch die Geldkassette im Pfarrheim verschwindet.

Bei der „Schlacht um die Dörenschlucht“ verlieren sechs amerikanische Soldaten ihr Leben. Die deutschen Einheiten haben nach den Kämpfen um Augustdorf, an der Mordkuhle in der Nähe von Schloss Lopshorn und an der Dörenschlucht etwa 100 tote Soldaten zu beklagen.

31 von ihnen liegen auf dem kleinen Ehrenfriedhof im Wald an der Dörenschlucht begraben. „Wanderer, verweile und sieh unsere Gräber und lass Dich mahnen! Tue das Deine zur Wahrung des Friedens!“, steht dort auf einem Gedenkstein geschrieben.

Quellen: Waldemar Becker: Die Besetzung Lippes im Frühjahr 1945, in: Lippische Mitteilungen 64, 1995, S. 213-270. Müller-König, Rohtraut: Geschichte der Gemeinde Augustdorf 1775-1975, 1975. Piesczek, Uwe (Hrsg.):Truppenübungsplatz Senne – Zeitzeuge einer 100-jährigen Militärgeschichte – Chronik, Bilder, Dokumente, 1992.

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