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Kosovo-Einsatz zerstörte Leben eines Augustdorfer Soldaten

Bielefeld/Bad Salzuflen. Seinen Einsatz als Bundeswehrsoldat kann Michael A. nicht mehr vergessen. Zu tief haben sich die Geschehnisse im Kosovo in seinen Körper eingebrannt. Als Fahrer eines Kampfpanzers Leopard war er einer der Ersten, die 1999 in das Land im Balkan einmarschiert sind.

Die schrecklichen Bilder des Krieges haben den damals Mitte Zwanzigjährigen immer wieder beschäftigt, berichtet Loyal, das Magazin für Sicherheitspolitik des Reservistenverbandes. Acht Monate war er im Einsatz. Als seine Dienstzeit in der 3. Kompanie des Panzerbataillons 214 in Augustdorf endet, steigt er aus und zieht mit einem Rucksack nach Paraguay. Ein Jahr bleibt er in Südamerika, das aufregende Leben dort überlagert seine seelischen Narben.

Vor seinem Wehrdienst hatte Michael A. den Beruf des Verpackungstechnikers gelernt. Nach seiner Rückkehr aus Paraguay steigt er in seinen alten Beruf wieder ein und arbeitet sich in Bielefeld zum Vorarbeiter hoch.

In OWL führt er ein ganz normales Leben. Er heiratet, wird Vater, doch letztlich scheitert die Ehe. Dann lernt er eine neue Frau kennen. Als diese auch schwanger wird, wollen beide nach Bad Salzuflen ziehen. Michael A. wechselt den Job und ist mittlerweile Betriebsleiter in einem Unternehmen für Stanztechnik. Er ist jetzt Vorgesetzter von 100 Mitarbeitern. Jemand, der für seine Familie sorgt.

Während seine Lebensgefährtin die letzten Umzugskartons packt, klingelt das Telefon. Michael A. meldet sich: "Ich bin jetzt bei meiner Mutter. Die fährt mich in eine Klinik, denn sonst bringe ich mich sofort um."

In der psychiatrischen Klinik in Gütersloh kommt er für kurze Zeit auf eine geschlossene Station. Obwohl die Kriegserlebnisse aus dem Kosovo 13 Jahre zurückliegen, sind sie für Michael A. präsenter denn je. Seine Lebensgefährtin ist stolz, dass er sich um medizinische Hilfe bemüht. Sein Arbeitgeber sieht das anders und kündigt das Arbeitsverhältnis noch in der Probezeit. Die Ärzte können nicht helfen. Sie diagnostizieren eine posttraumatische Belastungsstörung.

Helfen können nur noch Experten für Kriegstraumatisierungen. Davon gibt es in Deutschland nur wenige, die meisten arbeiten bei der Bundeswehr. A.s Lebensgefährtin schaltet einen Bielefelder Anwalt ein. Der soll herausfinden, welche Ansprüche ihr Partner gegenüber der Bundeswehr hat.

Der Anwalt bemüht sich, die Albträume von Michael A. aufzuarbeiten, untermauert mit Einsatzfotos seinen Antrag auf "Versorgung nach dem Soldatenversorgungsgesetz". Er möchte eine Anerkennung einer Wehrdienstbeschädigung erreichen, damit Michael A. eine Grundrente vom Staat bekommt. Im Versorgungsamt in Münster dauert die Bearbeitung mehr als zwei Jahre. Dann gibt das Versorgungsamt den Antrag weiter an die Wehrbereichsverwaltung in Düsseldorf. Von dort kommt die Information, dass sich die Dauer der Bearbeitung leider nicht vorausbestimmen lasse.

Mittlerweile gibt es Gesetze, die die Bearbeitungszeit solcher Anträge begrenzen. Und auch ein Einsatzweiterverwendungsgesetz sorgt für Absicherung und medizinische Hilfe. Doch auf diese Möglichkeiten weist die Bundeswehr den Anwalt nicht hin. Loyal fragte im Verteidigungsministerium nach, warum die Wehrbereichsverwaltung diese Informationen nicht an den Anwalt weitergab. In Berlin stritt das Ministerium seine Zuständigkeit ab und schob dem Anwalt die Schuld zu.

Michael A. bekämpft mit Drogen seine Angstzustände. Hofft, dass sie nun aufhören. Im September 2013 meldet sich das Bundesamt für Personalmanagement der Bundeswehr als nun zuständige Behörde beim Anwalt und erklärt, dass die Erkrankung erst nach seiner Dienstzeit bei der Bundeswehr diagnostiziert sei und daher keine Ansprüche bestehen würden.

Für Michael A. bedeutet dieser Bescheid, dass die Bundeswehr für ihn als Veteranen die Verantwortung ablehnt. Er arbeitet jetzt als Fensterputzer für 450 Euro im Monat.

Seine Lebensgefährtin bittet ihn, sich behandeln zu lassen. Egal, ob bei der Bundeswehr oder in einem zivilen Krankenhaus. Michael A. erzählt ihr von Terminen im Bundeswehrkrankenhaus in Hamburg und einem Therapieplatz. Doch das ist eine Lüge. Er hat nur einen Termin und den bei einer vom Versorgungsamt bestellten Psychologin in Bielefeld. Doch auch den nimmt er nicht wahr. Er möchte nicht noch einmal all das erzählen, was er vor Jahren schon den Ärzten in Gütersloh berichtet hat.

Michael A. kann nicht mehr. Der junge Mann öffnet seine Post nicht mehr, beantwortet die E-Mails seines Anwalts nicht. Am 18. August 2014 geht er abends in den Keller. Dort findet ihn am nächsten Tag ein Arbeitskollege. Sein lebloser Körper hängt an einem Abwasserrohr unter der Kellerdecke.

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