Blomberg. Das Jahr 2025 war für Nicole Albrecht ein Rekord: „Ich hatte allein in diesem Jahr 470 Beratungskontakte, so viel wie noch nie.“ Und das vor dem Hintergrund, dass die gelernte Erzieherin, Sozialarbeiterin und Coachin als Einzelkämpferin im Arbeitslosenzentrum und in der Arbeitsberatung gerade mal eine 32-Stunden-Stelle bekleidet. 470 Kontakte, die sie manchmal einfach sprachlos machen. Vor allem, wenn es um die Lage von Frauen geht. „Es kommt auch heute immer noch vor, dass sich Frauen an mich wenden, die gerade in Trennung leben und plötzlich vor dem Nichts stehen.“ Auch im Jahr 2026 herrsche oft noch die alte Rollenverteilung: „Da hat sich dann der Mann immer um alles Finanzielle gekümmert. Jetzt lässt er sie wegen einer Jüngeren sitzen, und sie hat keine Ahnung, was zu tun ist.“ Das klingt wie ein Klischee, aber es sei auch die Realität. „Wenn eine Frau beispielsweise mit den Kindern alle Hände voll zu tun hat, dann überlässt sie es mitunter einfach ihrem Partner, sich um Versicherungen und Finanzen zu kümmern. Weil die Zeit und die Energie für anderes drauf gehen.“ Verständlich, aber mit fatalen Folgen, wenn es hart auf hart kommt. „Ich hatte neulich erst wieder eine junge alleinerziehende Mutter vor mir, die einfach mit nichts dasteht, wo plötzlich Schulden auftauchen. Sie sagt, sie hätte ab und an mal was unterschrieben, aber nicht wirklich hinterfragt, um was es ging.“ Selber schuld? Das käme Nicole Albrecht niemals in den Kopf, geschweige denn über die Lippen: „Wir waren eigentlich in unserer Gesellschaft schon viel weiter. Aber seit Corona macht sich tatsächlich wieder das alte Rollenbild breit: Während der Pandemie waren es oft die Frauen, die Zuhause blieben und sich um die Betreuung gekümmert haben, während der Mann weiter seinem Job nachging.“ Papas machen häufig Karriere Dazu geht ihr der Spruch durch den Kopf, den sie mal von der ehemaligen Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Bielefeld gehört hat: „Wo ein Baby gedeiht, gedeiht auch der Mann.“ Weil es eben immer noch überwiegend die Frauen sind, die zurückstecken. „Wir reden hier selten von zwei Vollzeitbeschäftigten. Wenn noch kein Kind im Spiel ist, fällt oft die Trennung leichter, weil auch die Frauen im Beruf stehen.“ Doch erstens tummelten sich Frauen immer noch in finanziell nicht so attraktiven Arbeitsfeldern. Und zweitens reduzierten sie auch viel eher ihre Stellen wegen der Kinderbetreuung. „Oft arbeitet genau in dieser Zeit nach dem einen Papa-Monat der Vater weiter an seiner Karriere, während die Frau Zuhause bleibt.“ Das hat klare wirtschaftliche Folgen, denn Teilzeitarbeit bedeutet immer noch weniger Verdienst und entsprechend weniger Beiträge in die Rentenkasse. Und natürlich - im Fall einer Trennung - auch genau deswegen wirtschaftliche Notlagen. „Oft treten die betroffenen Frauen dann als Erstes den Weg zum Jobcenter an. Es gibt unzählige Dinge, die sie regeln müssen. Wenn es um Scheidung geht, fallen sie ja auch aus der Familienkrankenversicherung heraus.“ Hier ist Nicole Albrecht gern Wegweiserin, geht mit den Klientinnen die Papiere durch. „Unangenehme Gespräche am Küchentisch“ Was müsste denn passieren, damit Frauen erst gar nicht in dieser Teilzeitfalle oder der wirtschaftlichen Abhängigkeit landen? - Das ist gar nicht so einfach. „Wir leben ja in einer Gesellschaft mit sehr patriarchalischen Strukturen, die von Social Media befeuert werden. Und Deutsch ist tatsächlich die einzige Sprache, in der es ein Wort wie „Rabenmutter“ gibt. Ich wünschte mir, dass Frauen sich trauen, kantiger, deutlicher zu sein.“ Was auch heißen könne, „dass schon in einem sehr frühen Stadium einer Beziehung vielleicht auch unangenehme Gespräche am Küchentisch stattfinden.“ Oder eben später. Frauen sollten sich klar machen, was sie wollen und wie sie ihr Leben gestalten möchten. „Fragen Sie mal eine Mutter von drei kleinen Kindern, was eigentlich ihre Lieblingsfarbe ist. Und wann sie zum letzten Mal was gekocht hat, was ihr selbst am besten schmeckt.“ Raum für sich zu haben, das müsse in einer modernen Gesellschaft selbstverständlich sein, aber anscheinend gelte das mitunter nur für Männer. „Ich kriege immer die Wut, wenn ich gegen Abend all die Jogger, Radfahrer und Leute im Gym sehe, für die ist es anscheinend selbstverständlich, was für sich zu tun. Da frage ich mich: Wo sind die Frauen?“ „Bei Trennung rate ich immer zu einem Anwalt“ Trennungen sind immer Ausnahmesituationen für die Betroffenen. Selbst, wenn es eigentlich eine Befreiung sein könnte, die Frau beispielsweise aus einer gewaltvollen Beziehung ausbricht. Denn Nicole Albrecht hat die Erfahrung gemacht: „Wenn Männer verlassen werden, dann werden manche richtig fies.“ Aber ganz gleich, wie eine Trennung abläuft, auch wenn es eine im Guten ist: „Ich rate Frauen immer dazu, sich einen Anwalt zu nehmen, der für die Wahrung ihrer Rechte eintritt.“ Natürlich berät die Detmolderin auch Männer in Blomberg, sogar überwiegend. Den Job zu verlieren - durch Kündigung oder einfach nur, weil die Rente ansteht - damit tun sich Männer schwerer als Frauen, meint sie. „Der Job schafft Identität, und wenn das plötzlich wegfällt, dann ist das für viele Männer sehr schwer.“ Dann erlebt sie auch eine große Hilflosigkeit: „Manche kommen dann einfach gar nicht klar. Die kommen rein und sitzen hier und heulen erst mal. Dann dauert es manchmal eine ganze Weile, bis ich überhaupt herausbekomme, was denn los ist.“ Aber das ist für Nicole Albrecht in Ordnung. „Ich gebe hier Raum, auch mal zu sagen: Das ist richtig scheiße. Weil es das manchmal einfach so ist.“ Männer kommen ihrer Erfahrung nach immer wieder, um sich helfen zu lassen. Oft gingen Frauen anders mit ihren Problemen um, seien taffer. „Männer heulen. Frauen brauchen einen Plan, und wenn sie ihn haben, dann marschieren sie damit los.“ Coaching als drittes Standbein Nicole Albrecht informiert und hilft auch weiterhin Menschen im Arbeitslosenzentrum und in der Arbeitsberatung. Doch nachdem sie nun eine eineinhalbjährige Ausbildung zur zertifizierten Coachin absolviert hat, möchte sie sie bei Bedarf darüber hinaus begleiten und ist dazu eine Bürogemeinschaft mit Apothekerin und Lehrcoachin Anja Keck eingegangen, die bereits in dem Sektor unterwegs ist. Die beiden eröffnen gerade ihr „Endlich-mehr“-Coaching-Atrium in den Räumen direkt am Langen Steinweg 60, direkt vor dem Niederntor. Die beiden haben übrigens unter „Boah, endlich“ auch noch einen Podcast begonnen.