Flüchtlinge erzählen von traurigen Schicksalen

Ärzte und Pfleger im Klinikum Lippe untersuchen Flüchtlinge aus der Detmolder Notunterkunft

Erol Kamisli

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Zur Untersuchung im Detmolder Klinikum: Christina, Claudia und Radiza (von rechts) sind mit ihren Eltern Miriana Asilowitz und Serdan Stoik gekommen. - © Vera Gerstendorf-Welle
Zur Untersuchung im Detmolder Klinikum: Christina, Claudia und Radiza (von rechts) sind mit ihren Eltern Miriana Asilowitz und Serdan Stoik gekommen. (© Vera Gerstendorf-Welle)

Detmold. Die kleine Adora sitzt auf dem Schoß ihrer Mutter und schaut auf ihren Unterarm. Um eine Einstichstelle hat der Arzt eine Blume gemalt. Gemeinsam mit 80 Flüchtlingen sitzen die Beiden im Klinikum, um untersucht zu werden.

Drei Stunden haben Dr. Patrick Dißmann, Chefarzt der Notaufnahme am Klinikum Lippe, und sein zehnköpfiges Team heute eingeplant, um die Flüchtlinge aus der Detmolder Notunterkunft auf Tuberkulose, Läuse und Krätze zu untersuchen. Trotz der wenigen Zeit sei alles professionell und keine „schnelle Fleischbeschau“, heißt es. Zum Team gehören auch Carola Biermann, Birgit Schlepper und Eva Scheiwe, die nicht nur für einen reibungslosen Ablauf sorgen, sondern auch Süßigkeiten verteilen. „Wir machen das alles freiwillig, und es ist ein gutes Gefühl, wenn man Menschen in Not helfen kann“, sagt Carola Biermann. Wenn die Flüchtlinge von den Strapazen, Entbehrungen und ihrem Leid erzählten, lasse das niemanden kalt.

Unter den Wartenden an diesem Abend ist auch Abdoruzia aus der Region Darfur im Sudan, wo seit Jahren ein Bürgerkrieg tobt. „Ich habe meine Heimat verlassen, weil ich sonst längst erschossen worden wäre“, sagt der 30-jährige Abdoruzia, der im Sommer von der italienischen Marine aus dem Mittelmeer gefischt wurde. Zehn Tage zuvor war er mit über 400 Flüchtlingen in Ägypten in ein Fischerboot gestiegen – Preis 1000 Dollar, Ziel Europa. „Es war die Hölle. Vor allem in der Nacht haben Kinder und Frauen geschrien, weil Väter und Männer aufgrund des hohen Wellengangs ins Wasser gefallen sind“, erinnert er sich. Einige seien nicht wieder aufgetaucht. Diese Schreie würden ihm nicht mehr aus dem Kopf gehen, manchmal schrecke er in der Detmolder Unterkunft nachts aus dem Schlaf. Im Traum liege er im Wasser und um ihn herum nur erschöpfte Körper ohne Gesicht, die um ihr Leben kämpfen. Er öffne dann die Augen und stelle fest, dass er nicht im Mittelmeer treibe, sondern im Bett in Detmold liege. Plötzlich ertönt Kindergeschrei im Klinikum. Er schließt die Augen und verabschiedet sich.

Nebenan im Untersuchungszimmer wehrt sich ein Mädchen gegen die Spritze, doch Lutscher und Keske vertreiben die Angst. Nur wenige Minuten später kommt sie mit Schokomund und einer Blume um die Einstichstelle heraus. „Keine Angst“, sagt Adnan 
Damer aus Syrien und streichelt seinem achtjährigen 
Neffen Mohammed auf dem Klinikflur über den Kopf. Er ist ein schmaler Mann, mit lichtem Haar, 40 Jahre alt, und wenn er lacht, wird die 
Zahnlücke im Oberkiefer sichtbar. Auch den beiden 
Syrern ist in einem ägyptischen Fischerboot die Überfahrt nach Italien geglückt. Ein paar 
Wochen später ging’s per Anhalter und Zug nach Deutschland.

„2000 Dollar habe ich für die Bootsplätze bezahlt“, sagt der Ingenieur für Klimatechnik. Für den Bruder, Ehefrau und seine drei Kinder habe das Geld leider nicht gereicht. Sie warten weiter in Ägypten. Adnan Damer habe ein gutes Leben in der Nähe der syrischen Hauptstadt Damaskus geführt, bis dieser „sinnlose Krieg“ begonnen habe. „Irgendjemand hat unser Haus bombardiert – alles liegt in Schutt und Asche“, sagt der Familienvater.

Zum Beweis zückt er sein Handy und zeigt ein Video. Einzelne Schuttberge und verbrannte Trümmer identifiziert er als Küche, Wohn- und Kinderzimmer. Dann zeigt er die Bilder seiner drei Kinder und küsst sein Handy. „Ich vermisse sie so sehr“, sagt er mit gebrochener Stimme. Sein Wunsch: eine Arbeit in Deutschland als Ingenieur und ein Leben mit seiner Familie, sagt der 40-Jährige.

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