Detmold-Remmighausen. Heute vor drei Jahren: Die Polizei findet die Leiche von Arzu Özmen. Kurze Zeit später werden fünf Geschwister und ihr Vater zu Haftstrafen verurteilt. Was macht die Familie heute, gibt es Hafterleichterungen für die Täter, und wie ist die Stimmung in Remmighausen? Ein Besuch.
Die Straßen an diesem regnerischen und windigen Nachmittag sind wie leer gefegt. Auf dem Supermarktparkplatz an der Hauptstraße flattern lose Planen am Baugerüst, das eingezäunte Dixi-Klo wackelt bedenklich. „Wer?“, antwortet Evelyn Schmidt auf die Frage, ob sie sich an den Fall Arzu Özmen erinnere. Ach ja, das arme Mädchen wurde doch ermordet, sagt sie und legt ihre linke Hand auf den Mund. Sie habe die traurige Geschichte längst vergessen, fügt sie hinzu und steigt ins Auto.
Nebenan packen Helmut Wagner und Ehefrau Ruth die Wochenendeinkäufe in den Kofferraum. „Es ist traurig, aber viele denken nicht mehr daran“, sagt der 68-Jährige. Wenn er mal auf dem Friedhof sei, falle sein Blick auf den Gedenkstein, der an die ermordete 18-Jährige erinnert. Viele andere Menschen an diesem Tag winken einfach ab, wenn sie den Namen Arzu Özmen hören.
Diese Haltung kennt Ortsbürgermeisterin Bärbel Droste, aber sie rede immer wieder mit den Bürgern über den Mord in der Nachbarschaft. „Es gibt immer noch Berührungspunkte zur Familie, da Frau Özmen und ihre vier Kinder hier leben“, sagt Droste. Treffen in der Schule und im Supermarkt gehörten zum Alltag in so einem kleinen Ort.
Das erlebt auch Margit Maahs; ihr Haus steht gegenüber dem der Özmens. „Wenn wir uns auf der Straße treffen, gehen wir wie Fremde aneinander vorbei“, sagt sie mit stockender Stimme. Sie kenne die Familie seit Jahren: „Da konnte die kleine Arzu noch nicht auf den Beinen stehen. Die waren wie unsere Enkelkinder“, sagt die Rentnerin. Alle seien hilfsbereit, freundlich gewesen und die Familie habe nie den Eindruck gemacht, dass sie besonders religiös sei.
Sie könne bis heute nicht begreifen, was vor drei Jahren vor ihrer Haustür passiert sei. Mit dem Verschwinden der 18-Jährigen sei der Kontakt zur Familie abgebrochen. „Plötzlich war unsere Straße in Polizeihand“, erinnert sich die Rentnerin. Nach dem Leichenfund, den Verhaftungen und den Gerichtsprozessen habe sie das Verhältnis zu den Özmens endgültig begraben. Andere Nachbarn folgten. Natürlich seien Emotionen hochgekocht, einige hätten sogar den Umzug der Familie gefordert.
Diese Gefühle kennt Bäcker Johannes Müller. Bei ihm hatte Arzu gearbeitet. „Es ist ruhiger geworden“, sagt der 73-Jährige. Er sehe die Familie Özmen und die verurteilten Söhne Kemal und Elvis, die im offenen Vollzug ihre Reststrafe absitzen, immer mal wieder. „Ich habe kein Mitleid, sondern bin wütend“, beschreibt er seine Gemütslage. Seine Frau habe die Tat nicht mehr so präsent, aber er müsse immer wieder an die 18-Jährige und die Tage nach ihrer Ermordung denken. In Erinnerung geblieben sind ihm die vielen Menschen, die sich zum Trauermarsch trafen, Kerzen aufstellten und Bilder zeigten. Aber auch der Tag, als ihn die Polizei über Arzus Tod informierte. Nach dem Gespräch sei er gleich zu Arzus Ex-Freund Alexander, der immer noch in seiner Bäckerei arbeitet, gegangen. „Wir standen fassungslos in der Backstube.“ Erst vergangene Woche habe er mit Alexander gesprochen, doch dieser wolle von dem Mord nichts mehr hören. „Ich möchte mich erinnern, damit diese schreckliche Tat nicht vergessen wird“, sagt Müller.
Info
Offener Vollzug für zwei Brüder
Die 18-jährige Arzu Özmen war in der Nacht zum 1. November 2011 von fünf Geschwistern aus der Wohnung ihres Freundes entführt und mit zwei aufgesetzten Schüssen kaltblütig hingerichtet worden. Das Schicksal der Jesidin, deren Leiche im Januar 2012 bei Hamburg gefunden wurde, hatte in Lippe und Deutschland für Entsetzen gesorgt. Am 16. Mai 2012 verurteilte das Landgericht die Geschwister: Lebenslang wegen Mordes für Osman Özmen, der die Verantwortung für die Tat übernahm. Zehn Jahre Haft für Sirin und Kirer Özmen, je fünfeinhalb Jahre für Kemal und Elvis Özmen. Der damalige Richter Michael Reineke hatte die Tat klar als „Ehrenmord“ bezeichnet. Sie haben ihre Schwester auf den Gewissen, nur weil sie etwas mehr Freiheit wollte.
Am 4. Februar 2013 wurde Vater Fendi Özmen zu sechseinhalb Gefängnis verurteilt. „Elvis und Kemal Özmen verbüßen ihre Strafe im offenen Vollzug. Alle anderen sitzen noch ein“, berichtet Oberstaatsanwalt Christopher Imig. Die beiden Brüder waren bereits wieder in Remmighausen unterwegs. „Es läuft mir ein kalter Schauer über den Rücken, wenn ich die beiden sehe“, sagt Bäcker Johannes Müller. Seit April 2013 erinnert ein Gedenkstein auf dem Friedhof in Remmighausen an Arzus Ermordung.