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Detmold

Polizei will sich Lösungen für Flüchtlings-Unterkunft überlegen

Detmold. Die Bundesregierung rechnet mit vielen neuen Asylbewerbern. Von der Situation Anfang der 90er ist Detmold aber weit entfernt. Ex-Sozialdezernent Dr. Burkhard Steglich erinnert sich: "Das ging gewaltig an die Nerven."

Die Mauer und der Eiserne Vorhang fielen, wenig später brach auf dem Balkan der Bürgerkrieg aus. Ex-DDR-Bewohner strömten nach Detmold, danach Aussielder und andere Flüchtlinge. Am 10. November 1989 erklärte der Regierungspräsident Walter Stich in Bezug auf die Übersiedlerströme aus der Ex-DDR: In 14 Kommunen Ostwestfalens wurden Aufnahmestopps verhängt. Die Situation entwickelte sich derart rapide, dass lippische Kommunen am 10. August 1990 Bund und Land öffentlich drohten: "Der Zuwandererstrom ist nicht mehr zu bewältigen."

Und die Bürgermeister-Konferenz beschloss: Wenn sich nichts ändert, fahren wir nach Düsseldorf und demonstrieren. Eine Kernforderung der Bürgermeister Lippes: Das Asylverfahren muss gestrafft und beschleunigt werden, damit Bewerber so schnell wie möglich erfahren, ob sie angenommen sind...

Zwischen 1987 und 1990 hatte Detmold 4000 Aussiedler aufgenommen, 14.600 kamen insgesamt nach Lippe. In der Folgezeit trafen pro Monat Hunderte Aussiedler in Detmold ein. Dazu kamen 639 Aslybewerber. Im Oktober 1990 war es so weit, dass Detmold sich bereit erklärte, jede Woche freiwillig 100 Menschen aufzunehmen, um den Zustrom kalkulierbar zu gestalten. Dr. Burkhard Steglich erinnert sich: "Es gab damals die Regelung: Für zwei Aussiedler muss man einen Asylbewerber aufnehmen. Wir entschieden, freiwillig mehr Aussiedler als rechtlich nötig aufzunehmen, um entsprechend weniger Asylbewerber zu bekommen, die vorwiegend Tamilen, yesidische Kurden und Roma waren. Wir glaubten: Die Aussiedler integrieren sich langfristig besser. Das hat sich bewahrheitet."

Mit der Unterbringung wurde es eng: "Anfang 1990 war nichts mehr frei." Daraufhin wurde alles belegt und angemietet, was ein Dach hatte: Hotels, Pensionen, Turnhallen, Schulen, das Haus der Jugend, Gewerbeimmobilien, in die, so Steglich, Stellwände und Etagenbetten kamen. Abwickeln musste das in der Verwaltung "eine Handvoll Leute."

Kundgebung in der Christuskirche 1992: Mehr als 1000 Lipper protestierten vor dem Hintergrund der Flüchtlingsproblematik in Detmold gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus.
Versammlung in der Detmolder Christuskirche 1992. Mit einem Klick auf das Bild können Sie den dazugehörigen Artikel lesen.

Kaum zwei Jahre später dominierte 1992 das Thema Flüchtlinge die Medien, auch die LZ, nahezu täglich. Züge mit Bürgerkriegs-Flüchtlingen aus Ex-Jugoslawien wurden erwartet, Roma-Flüchtlinge befanden sich in Detmold im Kirchenasyl. Es gab Übergriffe auf den Vorsitzenden des Detmolder Flüchtlingsbeirats und Demos, die am 5. Oktober 1992 zur symbolischen Besetzung des Hermannsdenkmals führten. Transparente wurden dort aufgehängt, und es gab Protest auf Flugblättern: "Seit der Öffnung der innerdeutschen Grenzen werden die Außengrenzen abgeschottet."

Die Detmolder Kommunalpolitik lief derweil gegen "völlig inakzeptable" Pläne des Landes Sturm, die Klüter Kaserne an der Lemgoer Straße als Sammelunterkunft für Asylbewerber zu nutzen. Bürgermeister Friedrich Brakemeier und Stadtdirektor Dr. Axel Horstmann rechneten vor: 2800 Wohnheimplätze hat Detmold innerhalb von vier Jahren geschaffen und 5562 Aussiedler aufgenommen. Dennoch richtete der Bund ein zentrales Aufnahmelager in den Kasernen ein. Die Stadtspitze warnte vor sozialen Spannungen - Sozialarbeiter aus den Detmolder Übergangswohnheimen für Aussiedler berichteten dem Sozialausschuss von "haarsträubenden Zuständen", Alkoholkonsum, Drogenkriminalität und Aggression. Über die Asylantenunterkünfte hieß es, es handele sich "eigentlich nicht um Heime, sondern um Tollhäuser".

Die gesellschaftliche Situation war so weit gekippt, dass am "Tag der Menschenrechte" am Donnerstag, 10. Dezember 1992, Demonstrationszüge gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit durch die Stadt zogen. Mehr als tausend Lipper kamen zur Zentralkundgebung in der überfüllten Christuskirche. Sie standen auch draußen und hörten über Lautsprecher die Reden mit dem Fazit: "Die Würde des Menschen ist antastbar geworden, das Recht auf Asyl ist eine Farce."

Fragen von Sicherheit, Verkehr und Lärm sind Themen bei Versammlung zur Adenauerstraße

Detmold. Polizei und Stadt wollen sich besser um Verkehrsprobleme, Sicherheitsaspekte, weniger Lärm und Vermüllung im Umfeld der Flüchtlingsunterkunft Adenauerstraße kümmern. Das sagte Bürgermeister Rainer Heller Anwohnern.

Auf großes Interesse der Nachbarschaft sei die Einladung der Stadt zur Info-Veranstaltung über die Laufzeitverlängerung der Flüchtlingsunterkunft an der Adenauerstraße und Wolfgang-Hirth-Straße getroffen, schreibt die Stadt in einer Pressemitteilung. Bürgermeister Rainer Heller, Ingo Schlotterbeck vom Arbeiter-Samariter-Bund (ASB), Mitarbeiter der Stadt, Vertreter der Kreispolizeibehörde, der Bezirksregierung Arnsberg und der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben hätten für Fragen zur Verfügung gestanden.

Anfang August hatte die Bezirksregierung Arnsberg mitgeteilt, dass der Betrieb der Zentralen Unterbringungseinrichtung für Flüchtlinge bis Ende Februar 2016 verlängert wird. Bürgermeister Heller wies auf die aktuelle Entwicklung der Flüchtlingszahlen hin. In Detmold seien die Räumlichkeiten im Normalfall für etwa 500 und in Notfällen bis maximal 600 Menschen ausgelegt.

"Wir wissen, dass die Flüchtlingsunterkunft für die Nachbarschaft die größte Belastung ist. Wir haben mit dem ASB den besten Betreiber bekommen, der wünschenswert war", dankte Heller den Mitarbeitern sowie den rund 80 ehrenamtlichen Helfern. Ingo Schlotterbeck, verantwortlich für die Leitung der Unterkunft, machte deutlich, dass der ASB nicht nur die Grundbedürfnisse der Flüchtlinge erfüllen wolle, sondern auch ein qualitativer Anspruch in der Betreuungsarbeit umgesetzt werde: "In unserer Unterkunft ist es ruhig, wir brauchen keinen Zaun, das soll so bleiben."

Im Mittelpunkt der Fragen und Anregungen der Nachbarschaft hätten verkehrstechnische Probleme in der Siegfriedstraße/Adenauerstraße gestanden, die zeitweise Vermüllung im Areal rund um den ehemaligen Naafi-Shop, nächtliche Ruhestörungen im Zeitraum des Ramadans, Sicherheitsaspekte und die städtebauliche Entwicklung des gesamten Areals. Vertreter der Polizei hätten zugesichert, sich der Verkehrsproblematik an der Siegfriedstraße anzunehmen und Lösungen zu überlegen. Gleiches gelte für den Müll und die Beschwerden über Lärm während des Ramadans. Für die zukünftige Entwicklung müssten die Verhandlungen mit dem Bund abgewartet werden. 40 Wohneinheiten an der Immelmannstraße, die einem holländischen Fond gehörten, würden ab Herbst vermarktet.

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