So verhielt sich Reinhold Hanning am ersten Prozesstag

Seit Donnerstag verhandelt das Landgericht Detmold gegen den 94-Jährigen aus Lage

Silke Buhrmester

  • 2
Reinhold Hanning, 94, und seine Anwälte Andreas Scharmer und Johannes Salmen. - © dpa
Reinhold Hanning, 94, und seine Anwälte Andreas Scharmer und Johannes Salmen. (© dpa)

Detmold. Gebeugt, mit schwankendem Schritt, wird Reinhold Hanning zur Anklagebank geführt und nimmt zwischen seinen beiden Verteidigern Andreas Scharmer und Johannes Salmen Platz. Der Mann, der als SS-Wachmann in Auschwitz Beihilfe zum Mord in mindestens 170.000 Fällen geleistet haben soll, steht seit Donnerstag vor dem Detmolder Landgericht unter Vorsitz von Anke Grudda.

Hanning verharrt in einer starren Haltung, die Hände auf dem Schoß verschränkt, den Blick zum Boden, als die Journalisten minutenlang ihre Kameras auf ihn richten. Aschfahl ist sein Gesicht, das Tweed-Sakko, das er über seinem gestreiften Hemd und dem gelben Pullunder trägt, wirkt viel zu groß für diesen kleinen, eingefallenen Mann.
Kein Wort, keine Regung. Er blickt nicht auf, als die Verteidiger sich gleich zu Beginn zehn Minuten zur Beratung zurückziehen.

Und er blickt auch nicht auf, als Salmen einige Dinge zur Person sagt: Hanning, 1921 in Helpup geboren, wächst mit zwei jüngeren Schwestern in einer Arbeiterfamilie in Billinghausen auf. Er verlässt mit 14 die Volksschule, arbeitet in einer Fahrradfabrik und geht 1940 „zum Militär", wie Salmen sagt. Im Mai 1945 gerät er in englische Kriegsgefangenschaft, drei Jahre später wird er entlassen, arbeitet zunächst ein Jahr als Koch, danach erst als Fahrer und Verkäufer in einem Molkereifachgeschäft in Lage, das er 1964 übernimmt und bis zur Rente 1984 führt.

Johannes Salmen verzichtet bewusst auf den SS-Begriff. Hanning hatte im Ermittlungsverfahren zwar zugegeben, als Angehöriger des SS-Totenkopfsturmbanns im KZ Auschwitz I (Stammlager) eingesetzt gewesen zu sein. Die Verwertbarkeit der damaligen Vernehmung zweifelt der Verteidiger aber nun an.

Als Oberstaatsanwalt Andreas Brendel 25 Minuten lang die Anklageschrift mit all den grausamen Details aus dem KZ Auschwitz verliest, blickt Hanning immer noch zu Boden. Brendel erklärt, wie das Gift Zyklon B wirkte: „Die Leichen lagen häufig in halbkauernder Position, die Haut mit grünen Punkten überzogen, Schaum vor dem Mund oder aus den Ohren blutend in den Gaskammern."

Dann tritt mit Leon Schwarzbaum (94) der erste Holocaust-Überlebende in den Zeugenstand. 35 Mitglieder seiner Familie seien getötet worden, erzählt er: „Die Nazis haben mein Leben zerstört." Die Bilder aus Auschwitz verfolgten ihn sein Leben lang. „Ich verstehe nicht, warum all diese Menschen ermordet wurden", sagt er und fordert eine Erklärung von Hanning. Der schaut erstmals für den Bruchteil einer Sekunde hoch.

Salmen bittet um eine Unterbrechung. Sein Mandant müsse auf die Toilette. Als er wiederkommt, ist die Zeit um – länger als zwei Stunden ist er nicht verhandlungsfähig. Leon Schwarzbaum wird am zweiten Prozesstag am Freitag nochmals aussagen müssen. Ob ihm das möglich sei, fragt Richterin Grudda einfühlsam. „Gerne", antwortet er ohne zu zögern.

Video auf YouTube

Empfohlener redaktioneller Inhalt


Wir bieten an dieser Stelle weitere externe Informationen zu dem Artikel an. Mit einem Klick können Sie sich diese anzeigen lassen und auch wieder ausblenden.

Externe Inhalte

Wenn Sie sich externe Inhalte anzeigen lassen, erklären Sie sich damit einverstanden, dass personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Weitere Hinweise dazu finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Copyright © Lippische Landes-Zeitung 2021
Inhalte von lz.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare