Lippische Landes-Zeitung: Nachrichten aus Lippe, OWL und der Welt

Detmold

Zeitreise in Detmolder Geschichte ist spannend

Detmolderin Lieselotte Heldmann hilft mit ihren Erinnerungen, Vergangenes zu erfassen

Macht Historie lebendig: Lieselotte Heldmann erinnert sich an Detmold, wie es vor mehr als 60 Jahren war. - ©
Macht Historie lebendig: Lieselotte Heldmann erinnert sich an Detmold, wie es vor mehr als 60 Jahren war. (© Foto: beckschäfer)

Detmold.  Eine Zeitreise in die Detmolder Geschichte ist spannend. Dies zeigt der Erfolg des schnell vergriffenen Bildbandes "Detmold 1930-1970". Doch Fotos allein sind noch keine Geschichte. Stadtarchivar Andreas Ruppert: "Ich habe nur die historischen Bilder und sehe die Häuser. Erst durch die Menschen, die mir erzählen können, wer darin gelebt hat, werden sie lebendig." Gemeinsam mit Mathias Schafmeister hat Ruppert die historischen Aufnahmen aus privaten und öffentlichen Sammlungen zusammengestellt - und sich bei der Zuordnung und Beschreibung der Bilder von Zeitzeugen helfen lassen.

Etwa von Lieselotte Heldmann, die sämtliche Aufnahmen gesichtet und mit Hinweisen aus eigener Erinnerung versehen hat. Und manchmal auch mit Korrekturen: Ein Foto im Bildband zeigt Militärfahrzeuge auf der Exterstraße in Detmold im Jahr 1945, voll besetzt mit Menschen – und mit ihrem Hab und Gut. Die Annahme, dies sei ein Umzugskonvoi für die Menschen, deren Häuser in Detmold nach dem Krieg durch die Besatzungsmacht enteignet worden sind, widerlegt Heldmann.

"Besatzungsgeschädigte waren dies sicher nicht, uns hat niemand geholfen", sagt sie nachdenklich beim Betrachten des Bildes. Und erzählt, wie sie die damalige Zeit erlebt hat: "Es schellte eines Tages an der Tür unseres Hauses. Wir hatten den Arzt gerufen, ich war überzeugt, dass dieser vor der Tür steht. Doch da standen die Tommys."

Eine Übersetzerin habe ihr dann mitgeteilt, ihr Elternhaus sei beschlagnahmt und bis 12 Uhr mittags am Folgetag zu räumen. Sie zog mit ihren Eltern in eine Wohnung, in der sie sich ein Zimmer mit einer Fremden, der neunjährigen Tochter des Vermieters, teilte. "Um 21 Uhr musste ich ins Bett, damit der Schlaf der Kleinen nicht gestört wurde", erinnert sich Heldmann. Sie war damals 24 Jahre alt.

Die neuen Lebensumstände verhinderten ihr Vorhaben, Medizin zu studieren. Plötzlich sei es nur darum gegangen, wieder festen Boden unter den Füßen zu bekommen. Eigenen Boden. In der Folge kämpfte sie um die Rückgabe ihres Hauses und wurde zur Sprecherin einer Notgemeinschaft der Besatzungsgeschädigten in Detmold. Mehr als 130 Familien mussten ihre Wohnungen und Häuser für die britischen Besatzungstruppen räumen.

Angesichts der allgemeinen damaligen Wohnungsnot fanden sie sich fast ausschließlich in Kellerräumen, Dachkammern oder Einzelzimmern ohne Wasseranschluss und Kochmöglichkeit wieder. "Da sind im Winter des Nachts die Blumen auf den Fensterbänken eingefroren", beschreibt Heldmann die teils menschenunwürdigen Unterkünfte.

Die Situation ihrer Familie verbesserte sich erst, nachdem die Detmolderin zu rabiaten Mitteln gegriffen hatte: "Ich bin damals in ein Büro im Wohnungsamt spaziert. Der Schlüssel steckte von innen. Ich habe ihn umgedreht, an mich genommen und den Beamten eröffnet, dass sie mir entweder eine neue Wohnung zuweisen müssten oder der Schlüssel aus dem Fenster flöge und wir die nächsten Tage in diesem Zimmer verbringen würden."

Sie lacht, als sie sich erinnert, dass dies, wie auch viele der folgenden überregional organisierten Protestaktionen, am Rande der Legalität gewesen sei. Letztlich erfolgreich, denn der wachsende öffentliche Druck führte Anfang der 1950er Jahre dazu, dass für die Besatzungsmächte gebaut wurde und die Vertriebenen nach und nach ihre Häuser zurück erhielten. Heldmann selbst lebt seit Februar 1955 wieder in ihrem Geburtshaus - und schreibt von dort bis heute mit an der Zeitgeschichte. Stadtarchivar Ruppert: "Zeitzeugen können sich im Detail vielleicht irren. Aber die Stimmungen, die sie wiedergeben, passen immer."

Copyright © Lippische Landes-Zeitung 2026
Inhalte von lz.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.