Detmold (nw). Mein Atem stockt, die Knie zittern leicht. Nur noch zehn Stufen, dann ist es soweit. Hinter mir wird die schwere Holztür abgeschlossen, damit die Besucher auf der Aussichtsplattform uns nicht folgen.
Ich steige in das Sicherungsgeschirr und werde mit dem Karabiner eingeklingt. Jetzt gibt es kein Zurück mehr: Ich werde das Wahrzeichens Ostwestfalen-Lippes einmal von einer anderen Seite betrachten. Ich werde dem Hermann zu Kopfe steigen.
Da laufen sie: Auf der 27 Meter hohen Plattform war ich auch schon, damals mit der Schulklasse - ein Pflichtbesuch. Von unten sehen die Besucher aus wie kleine Punkte. Doch heute will ich höher hinaus. Zum Glück bin ich nicht allein. Erst zum dritten Mal bieten Corbin Möllenbeck, Michael Knost und Dorothea Weber von der Firma Interakteam Besuchern die Möglichkeit, in das Innere des Stahlkolosses zu schauen.
Start ist im Sockel. Dort, wo die mächtigen Steintreppen aufhören, wird es ernst. Weiter nach oben geht es nur über eine schmale, senkrecht stehende Leiter. Eng soll es werden dort oben im Körper, klar, doch es kommt noch härter. Das weiß ich zu diesem Zeitpunkt zum Glück noch nicht.
"Die Luft ist klar, ich sehe Detmold - und Hermanns riesigen Fuß"
Erst einmal muss ich dem Hermann zu Füßen liegen. Am Seil gesichert, mit Helm und Bergarbeiterlampe ausgerüstet, geht es nach oben - 20 Meter. Für ungeübte Kletterer ist der Aufstieg anstrengend, durch die Luken muss man sich geschickt hindurchzwängen. Auf Höhe von Hermanns Füßen wartet Kletterguide Dorothea Weber auf mich. "Wenn du jetzt die Luke dort aufmachst, hast du einen herrlichen Blick übers Land".
Ich muss mich schon konzentrieren, wo ich meine Füße hinsetze und mich festhalte. Zwar bin ich am Seil gesichert, aber aus den Leitern werden jetzt nur noch schmale Haken in den Wänden der Röhre. Ich stemme mich gegen die Luke direkt neben mir. Wegen des heftigen Windes lässt sie sich nur schwer öffnen. Die Luft ist klar, dort unten liegt Detmold. Ich schaue nach rechts - und sehe einen riesigen Fuß. Welche Schuhgröße Hermann wohl hätte? schießt mir durch den Kopf.
Die Frage kann mir Guide Michael Knost auch nicht beantworten. Der wartet schon und ruft von oben herunter, wohin ich treten soll. Die Abstände zwischen den Haken werden immer größer. Da sehe ich meinen Helfer, er schaut liegend aus einer Luke herunter - auf Hermanns Brusthöhe. Ich leuchte in die Luke hinein und sehe einen Teil von Hermanns Umhang. Jetzt sind es nur noch ein paar Meter. Und die muss ich allein bewältigen. Oben hilft mir keiner mehr. Eigentlich könne man bis in die Hand hinein klettern, hatte mir Guide Corbin erklärt, doch dort gibt es wenig Halt. Das Schwert hat einen Durchmesser von 50 Zentimetern.
"Ich kann Hermann direkt in die Augen sehen"
Gerade eben dachte ich noch, dass es mir in der nur etwas mehr als einen Meter schmalen Röhre nun doch zu eng wird, da packt mich der Ehrgeiz. Bis in die 70er Jahre hinein sind die Menschen ungesichert bis in den Kopf geklettert, ruft Michael von unten. Und wie viele sind dabei abgestürzt? Das frage ich lieber erst, wenn ich unten angekommen bin.
Als ich endlich das Ende der Röhre erreiche, atme ich erleichtert auf. Ich kann Hermann direkt in die Augen sehen - von innen sieht es aus, als ob er schläft. Die Augen scheinen geschlossen. Mit dem ausgestreckten Arm kann ich ihre Wölbungen erreichen. Durch die faustgroßen Nasenlöcher scheint Licht herein.
Einer Legende nach sollen einmal Kinder hinaus gefallen sein. Andere Sagen über Statuen erzählen von Bauarbeitern, die im Kopf Karten spielen. Doch in Hermanns Kopf herrscht gähnende Leere - und Stille. Nur der Wind pfeift, es fühlt sich an, als ob die Statue schwankt. Vielleicht sind es aber auch meine weichen Knie. Doch der Anblick entschädigt: skurril und faszinierend zugleich.
Ich genieße ihn eine Weile, dann muss ich hinunter. Der Abstieg ist leichter. Unten sagt mir Guide Corbin, dass noch niemand abgestürzt sei. Daniel Fiebiger aus Minden wartet schon auf seine extravagante Klettertour - ein Weihnachtsgeschenk seiner Frau. Er sieht skeptisch aus.
Ich versuche ihn zu beruhigen: Ich hätte es schließlich auch geschafft. Er entgegnet ganz trocken, dass er schon den Tafelberg erklommen hat. Dann wird er nicht so zittern wie ich - aber Hermanns Innerstes wohl nicht weniger faszinierend finden.