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LZ-Interview

Zwei Unternehmer coachen die Gemeinde Extertal in Finanzfragen

Die Unternehmer Frank Meier und Stefan Korbach wollen die Steuererhöhungen vermeiden

Extertal. Es ist wohl ein einzigartiges Projekt: Zwei Extertaler Unternehmer haben der Verwaltung angeboten, diese ohne Bezahlung zu „coachen". Und die Gemeinde hat Ja gesagt. Auch die Politik unterstützt das Projekt mit Frank Meier und Stefan Korbach.

Hintergrund sind die anhaltenden Haushaltsprobleme Extertals und geplante Gebührenerhöhungen. Meier und Korbach haben ihre Arbeit bereits aufgenommen und die ersten Termine mit Rathaus-Mitarbeitern gehabt.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, die Gemeindeverwaltung coachen zu wollen?

Stefan Korbach: Wir beobachten seit Jahren, dass in Extertal Gewerbesteuer, Grundsteuern und Gebühren erhöht werden. Und das trotz passender Steuereinnahmen. Bei dem Gewerbesteuersatz sind wir auf dem Spitzenplatz in OWL. Da haben wir gesagt: Das kann nicht sein. Wir dürfen nicht mehr nur meckern, wir wollen was tun.

Frank Meier: Ein Beispiel: Wenn Sie Kugelschreiber produzieren und diese sich gut verkaufen, Sie aber trotzdem Minus machen, müssen Sie schauen, ob Ihre Betriebsstruktur passt. Das ist unser Ansatz, um uns die Arbeit in der Verwaltung anzugucken und sie zu beraten. Wir glauben, da stimmt was nicht. Wir sind beide ehrenamtlich aktiv, beim Fußball, im Freibad-Förderverein. Und wo setzen wir uns da am besten ein – wenn wir den Schulhof fegen, oder wenn wir das tun, was wir gelernt haben, nämlich eine Firma erfolgreich zu leiten.

Information
Persönlich

Frank Meier (53) ist Diplom-Ingenieur Elektrotechnik und selbstständiger Springbrunnenbauer. Seine Firma Meiwa hat vier Angestellte. Stefan 
Korbach ist Geschäftsführender Gesellschafter der Firma sk-Werkzeugbau mit 31 Mitarbeitern. Der 45-Jährige ist gelernter Werkzeugmechaniker der Fachrichtung Formenbau und Industriemeister Metall. Beide wohnen in Extertal.

Lässt sich denn unternehmerisches Denken eins zu eins auf eine Verwaltung übertragen?

Meier: Nein. Aber es gibt viele Bereiche, in denen sich die Arbeit betriebswirtschaftlich optimieren lässt. Viele Ansätze in der Verwaltung sind anders, als wir das machen würden.

Haben Sie ein Beispiel?

Meier: Wenn es Mehrkosten gibt, findet die Verwaltung das nicht schlimm, weil sie die über Jahre abschreiben kann. Wir sagen: Wir können nur das ausgeben, was wir haben.

Wie sind Ihre ersten Gespräche gelaufen?

Meier: Gut. Politik und Verwaltung wollen diesen Weg gehen, Kämmerer Hubertus Fricke hat schon Vorschläge gemacht, und auch Bürgermeisterin Monika Rehmert sieht das Projekt positiv. Wir haben uns bereits mit dem Wasser- und dem Abwasserbereich beschäftigt. Jetzt wollen wir die anderen Abteilungen durchgehen. Es ist gut, dass die Verwaltung mitspielt und uns Einblicke gibt. Ich habe den Eindruck, dass die Spaß an der Zusammenarbeit haben.

Keine Reibungspunkte?

Meier: Doch. Es gibt auch negative Stimmen, man befürchtet den Abbau von Stellen. Aber das ist gar nicht unser Ansatz. Wir wollen gucken, wo wir am Ende Geld sparen können.

Was ist ihr Ziel?

Meier: Die Haushaltssicherung und Steuererhöhungen vermeiden. Die Verwaltung sieht oft den einfachen Weg, wenn das Geld nicht reicht, und will dann Steuern oder Gebühren erhöhen und bei freiwilligen Leistungen sparen. Das tut den Bürgern weh.

Korbach: Freiwillige Leistungen für Vereine oder Freibäder sind wichtig, damit die Gemeinde attraktiv bleibt. Und sparen trifft oft die unteren Schichten.

Positiver Nebeneffekt wäre, dass Sie selbst weniger Gewerbesteuer zahlen, falls diese gesenkt werden sollte...

Meier: Wichtiger ist aber für alle Gewerbebetriebe, ihre Mitarbeiter und Familien, die sogenannten weichen Standortfaktoren zu erhalten, um einer möglichen Abwanderung entgegenzuwirken. Wir wollen ebenso verhindern, dass das ehrenamtliche Engagement abgewürgt wird – und wollen eine positive Stimmung bekommen.

Und wie sieht der Weg zu Ihrem Ziel aus?

Korbach: Wir glauben, dass einige Prozesse verbessert werden können, wir wollen Abläufe effizienter gestalten.

Meier: Beispielsweise soll eine Filteranlage für die Trinkwasserversorgung ersetzt werden. An dieser Stelle wollen wir über Extertaler Fachfirmen die beste und wirtschaftlichste Lösung und zusammen mit den Facharbeitern der Gemeinde den Umbau kostengünstig erledigen. Dadurch werden Kosten im Bereich der externen Beratung eingespart. Ebenso werden die Einkaufsmöglichkeiten der ortsansässigen Betriebe genutzt. Letzteres gilt übrigens auch für Gutachten, die – teils auf Wunsch der Politik – bislang gerne an Externe vergeben wurden. Das selbst zu machen, spart Kosten, bedeutet aber auch die Übernahme von mehr Verantwortung bei allen Beteiligten.

Sie glauben also, dass Sie es besser könnten...

Korbach: Wir glauben, betriebswirtschaftliche Abläufe aus einer anderen Sichtweise zu bewerten, als es wahrscheinlich die Verwaltung tut. Wir möchten Möglichkeiten aufzeigen, dass es eventuell auch anders geht.

Ist die Verwaltung manchmal auch besser als ihr Ruf?

Meier: Ja. Wir mussten in ersten Gesprächen feststellen, dass manche Kosteneinsparungen im Personalwesen der Gemeinde schon umgesetzt sind. Die Verwaltung muss aber transparenter werden, und die Politik muss den Weg mitgehen und das den Bürgern kommunizieren.

Kommentar: Respekt für beide Seiten

von Jens Rademacher

Das muss man sich mal vorstellen: Da läuft es finanziell nicht gut in einer Kommune, viele sind unzufrieden – und zwei Unternehmer sagen: Packen wir doch selbst mal mit an. Vielleicht können wir Tipps geben. Ohne dafür Geld zu verlangen.

Und man stelle sich vor: Die Kommune lehnt nicht ab – was wissen schon zwei Selbstständige über die komplizierten Vorgänge in einem Rathaus? Nein, die Verwaltung sagt Ja, lässt sich in die Karten schauen. Beide Seiten haben das Ziel, die Haushaltssicherung, nach Möglichkeit höhere Steuern und Gebühren zu vermeiden, den drohenden Kahlschlag bei freiwilligen Leistungen zu verhindern.

Respekt. Solange sich Bürger für ihre Gemeinde so ins Zeug legen, solange die Mitarbeiter der Verwaltung so uneitel sind, das Angebot anzunehmen – solange kann man in Extertal mit Zuversicht in die Zukunft schauen. Unabhängig davon, was bei diesem Experiment herauskommt, denn die Aufgabe ist groß.

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