Infektionen durch resistente Keime im Klinikum Lippe rückläufig

Erol Kamisli

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Den Gegner im Griff: Dr Jens Gieffers zeigt eine Agar-Schale, in sich Keime aus einem Schleimhautabstrich eines Patienten vermehrt haben. - © Bernhard Preuß
Den Gegner im Griff: Dr Jens Gieffers zeigt eine Agar-Schale, in sich Keime aus einem Schleimhautabstrich eines Patienten vermehrt haben. (© Bernhard Preuß)

Kreis Lippe. Eigentlich sollen Menschen im Krankenhaus gesund werden. Doch hier lauern Keime, die sie noch stärker beeinträchtigen können. Gegen die gefährlichsten dieser Erreger kämpft seit drei Jahren Privatdozent Dr. Jens Gieffers am Klinikum Lippe.

Der 44-Jährige ist Chefarzt am Institut für Mikrobiologie, Hygiene und Laboratoriumsmedizin. „So einen Posten haben bundesweit nur 60 von insgesamt 2.000 Kliniken. Für uns hat das Thema oberste Priorität, und Dr. Gieffers ist in dieser Sache gegenüber allen Mitarbeitern weisungsbefugt", sagte Johannes Hütte, der neue Geschäftsführer des Klinikums Lippe, zu Beginn des 3. Forums Krankenhaushygiene. Mehr als 120 Hygienebeauftragte aus ganz OWL tauschten im Detmolder Sommertheater ihre Erfahrungen aus und sprachen über die neueste Entwicklungen im Bereich Krankenhaushygiene.

„Wir stehen im bundesweiten Vergleich sehr gut da", sagt Dr. Gieffers. Dies sei kein Eigenlob, sondern eine Tatsache. „Die Anzahl der Vorfälle, bei denen multiresistente Keime am Klinikum entdeckt wurden, sind rückläufig", betont der Mediziner. Rückläufig sei sowohl die Zahl der Patienten, die mit multiresistenten Keimen dorthin kämen, als auch die, die sich hier infiziert hätten.

In den vergangenen drei Jahren habe er gemeinsam mit seinem fünfköpfigen Team ein eigenes Qualitätsmanagement-System für die Hygiene am Klinikum entwickelt. „Zuvor war ein externer Hygieneberater nur punktuell vor Ort. Jetzt sind wir immer ansprechbar und stets zur Stelle, wenn es Fragen auf den einzelnen Stationen gibt", betont Dr. Gieffers. Alle Mitarbeiter des Klinikums würden jährlich in Hygienefragen geschult. „Dann stehen auch Themen wie die korrekte Händedesinfektion auf dem Programm", sagt Gieffers. Denn unsaubere Hände seien die Keimüberträger Nummer eins.

Ein Resultat dieser Treffen sei zudem, dass immer weniger Ärzte Uhren und Ringe tragen, die bei einer korrekten Händedesinfektion hinderlich sind. Auch lange Ärmel des Arztkittels können bei körperlichen Untersuchungen Keime übertragen. Der kurzärmelige „Kasack" sei hygienischer als ein langarmiger Kittel. Ärzte, die mit wehendem Kittel über die Klinikflure eilen, sollen bald der Vergangenheit angehören.

Lob gibt’s auch vom Gesundheitsamt des Kreises. „In Sachen Hygiene hat sich am Klinikum sehr viel zum Positiven geändert", sagt Amtsarzt Dr. Helmut Günther. In den vergangenen Jahren sei bei Kon-trollen kein einziger Hygienefehler aufgetreten: „Einen Chefarztposten für den Bereich Hygiene war eine richtige und wichtige Entscheidung."

Patienten können vor Gericht ziehen
Resistente Keime oder Bakterien im Krankenhaus machen immer wieder Schlagzeilen. Doch welche Rechte haben Patienten, die sich im Krankenhaus mit einem Keim angesteckt haben? Betroffene können Schmerzensgeld verlangen, sagt Sandra Leßmann, Fachanwältin für Medizinrecht aus Verl.

„Früher scheiterten Patientenklagen oft an dem Punkt, dass die betroffenen Patienten den Hygienemangel nicht beweisen konnten. Dies muss heutzutage nicht mehr der Fall sein" sagt Leßmann. Denn viele Krankenhäuser führten zumindest bei Risikopatienten bereits ein Errreger-Aufnahme-Screening durch. Dies erleichtere Patienten häufig die Beweisführung.

Das Robert-Koch-Insitut gebe regelmäßig auf Basis des neuen Infektionsschutzgesetztes Leitlinien für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention heraus: „Bei Verstößen gegen diese Richtlinien könnten Patienten Schadenersatz gegenüber den Krankenhäusern geltend machen."

Entscheidend sei, dass sich die Infektion in einem für das Krankenhaus „hygienisch beherrschbaren Bereich" zugetragen haben müsse. Eine solcher Bereich sei von der Rechtssprechung zum Beispiel bei einem verunreinigten Desinfektionsmittel, einem defekten Narkosegerät oder einer nicht sterilen Infusionslösung angenommen worden.

Kommentar: Weitsicht wird jetzt belohnt
von Erol Kamisli

Das Klinikum Lippe ist beim Thema Hygiene bundesweit an der Spitze. Die Verantwortlichen haben vor drei Jahren einen Chefarztposten geschaffen, der weisungsbefugt gegenüber allen Abteilungen ist – ein richtige und wichtige Personalentscheidung.

Diese Weitsicht wird jetzt belohnt, denn die Zahl der Patienten, bei denen multiresistente Keime diagnostiziert werden, sinkt an den Standorten in Detmold und Lemgo. Ein multiresistenter Erreger, gegen den fast kein Antibiotikum hilft, ist der Albtraum der modernen Medizin. Für Menschen mit geschwächter Immunabwehr bedeutet er eine tödliche Gefahr. Der Erreger verbreitet sich leicht über die Atemluft, die Arztkittel und vor allem beim täglichen Händedruck. Daher ist es hilfreich, das Personal besser und regelmäßig darin zu schulen, die Hände wirksam zu desinfizieren.

All diese Maßnahmen sind wichtig und werden am Klinikum umgesetzt – aber sie helfen nur wenig, wenn in Nachbarländern Antibiotika leichtfertig verschrieben werden, oft sogar frei verkäuflich sind. Und wenn in der Tiermast die Lebensretter weiter wie Kraftfutter verteilt werden. So werden automatisch immer mehr Resistenzen gezüchtet – damit wird die Arbeit der Hygieneexperten torpediert. Neue Antibiotika zu entwickeln, dauert Jahre.

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